SCHWEINFURT

Künstler der Triennale: Ein Spiel, buchstäblich

Gabriela Horndasch: Neoninstallation „die zeitgenossin“ auf der Empore der Kunsthalle.
Foto: Katharina Winterhalter | Gabriela Horndasch: Neoninstallation „die zeitgenossin“ auf der Empore der Kunsthalle.

Flüchtige Besucher der Triennale in der Kunsthalle könnten glauben, die Leuchtschrift auf der Empore der Großen Halle hätte eine Macke. 23 Sekunden lang leuchten alle Buchstaben auf – „die zeitgenossin“ – dann nur die mittleren, schließlich die ersten sechs. Wer sich ein wenig Zeit nimmt, genauer gesagt 69 Sekunden, kann plötzlich einen Satz lesen: die zeitgenossin genoss die zeit.

Als Kinder haben wir solche Anagramme geliebt: Worte oder kleine Sätze, die neu entstehen, wenn wir mit den Buchstaben eines Begriffs spielen, sie umstellen oder neu zusammensetzen. Gabriele Horndasch liebt Anagramme bis heute und arbeitet immer wieder mit ihnen. „die zeitgenossin“ nimmt – das ist leicht zu erraten – direkt Bezug auf diese zweite Triennale für zeitgenössische Kunst, aber auf ganz spielerische, leichte, ein wenig subversive Weise, wie es dem Wesen des Anagramms entspricht.

Was macht eine zeitgenössische Künstlerin aus, und welche Erwartungen werden bei einer solchen Ausstellung an mich gestellt? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die 43-jährige Künstlerin im Vorfeld und gibt mit der Neoninstallation letztendlich eine witzige Antwort.

Gabriele Horndasch, 1969 in Aschaffenburg geboren, hat vor ihrem Kunststudium in Düsseldorf in Nürnberg Kommunikationsdesign studiert. Sie ist Typografin, was schon immer Einfluss auf ihre künstlerische Arbeit hatte. Vor einigen Jahren fiel der in Düsseldorf lebenden Künstlerin auf, dass viele der schönen alten Leuchtschriften verloren gehen, wenn Läden schließen oder Häuser abgerissen werden. 2007 hatte sie die Idee, aus solchen alten Buchstaben in der Art eines zusammengeklebten Erpresserbriefes einen Text an eine Hausfassade zu installieren. Sie begann zu sammeln.

Bei einem Besuch in Baden-Baden beispielsweise, beobachtete sie, wie ein „Wienerwald“ abgerissen wurde. Sie fragte einen Arbeiter, bat den Architekten und bekam schließlich die grün-gelben Buchstaben. Auch wer nie ein Wienerwald-Hähnchen gegessen hat, wird die unverwechselbaren Leuchtzeichen in der „zeitgenossin“ wieder erkennen. Das blaue „t“ und „s“ stammen von einem Fotoladen in Düsseldorf und einer Versicherung. Deren „Schadenschnelldienst“ war Horndasch allererste Beute und hatte sie 2010 zu einem größeren Projekt angeregt. Aus den 20 Buchstaben von „Schadenschnelldienst“ hat sie ein 21-zeiliges Anagrammgedicht verfasst und mit Hilfe der Leuchtbuchstaben auf der Bühne des tanzhaus nrw in Düsseldorf aufgeführt.

Auch in der Kunsthalle wollte Horndasch eigentlich ein anagrammatisches Gedicht am Geländer der Empore installieren, bei dem jede Woche eine Zeile verändert wird. Aber das hätte sich nur mit einem riesigen Aufwand realisieren lassen und so entstand die Idee mit der „zeitgenossin“, die direkt auf die Ausstellung Bezug nimmt und einen kleinen witzigen Satz in sich birgt.

In dieser Serie stellen wir die Künstler der Triennale für zeitgenössische Kunst vor. Die Ausstellung ist bis 23. September in der Kunsthalle zu sehen. Mehr über die Künstlerin auf ihrer Website

www.gabriele-horndasch.de

Schriftkunst: Gabriele Horndasch bei einer Performance am Japanischen Kulturinstitut Köln.
Foto: Christian Konrad | Schriftkunst: Gabriele Horndasch bei einer Performance am Japanischen Kulturinstitut Köln.
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