Kunsthalle: 20 Jahre Deutsche Einheit

Verena Rempel, Pantokrator, 2008.
Foto: FOTO Museen und Galerien der Stadt | Verena Rempel, Pantokrator, 2008.

Andrea Brandl, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Museen und Galerien, erinnert sich genau an jenen Abend im Herbst 2006, als sie nach der Eröffnung der Ausstellung „Deutsche Einheit“ in der Galerie Alte Reichsvogtei mit Thomas Baumgärtel und Harald Klemm zusammensaß, zwei Rheinländern, die sich ironisch-kritisch mit der Wiedervereinigung auseinandersetzen. Plötzlich wurde die Idee geboren, 2009, zum 20. Jahrestag der Maueröffnung, das Thema groß aufzugreifen – vor allem unter dem Aspekt der Lage Schweinfurts im ehemaligen Zonenrandgebiet. Also sozusagen die „Kunst im Schatten der Grenze“ zu zeigen, wie nun der Untertitel zur großen Ausstellung „20 Jahre Deutsche Einheit“ in der Kunsthalle lautet.

Der Gedanke ruhte erst einmal, die Kuratoren waren mit dem Umbau des Ernst-Sachs-Bades zur Kunsthalle mehr als beschäftigt, bis die Sache im Frühjahr 2008 konkret wurde. Ein glücklicher Umstand für Brandl wurde die Begegnung mit der Berliner Galeristin Julia Raab, die sich bereiterklärte, Werke von bekannten Künstlern aus Ost und West zur Verfügung zu stellen beziehungsweise die Kontakte zu privaten Sammlern herzustellen. Daneben konnte Brandl aus dem Fundus des Museums schöpfen und die Beziehungen nutzen, die in vielen Jahren mit Künstlern aus der Region und darüber hinaus entstanden waren.

In der Großen Halle sind zum Teil großformatige Werke von mehr als 40 Künstlern zu sehen, darunter so bekannte Namen wie Markus Lüpertz, Jörg Immendorff und Bernhard Heisig, aber auch junge Künstler aus der Region wie Verena Rempel aus Würzburg. Gemeinsames Merkmal aller Arbeiten sei die offenkundige oder hintergründige künstlerische Auseinandersetzung und Reaktion auf die geschichtlich-gesellschaftlichen Veränderungen, die die Wiedervereinigung hervorgerufen hat, sagt Andrea Brandl, aber auch schon weit vorher der Mauerbau und der Kalte Krieg. Diese Zeit habe man nicht ausklammern können.

Hier steht Karl Hofer stellvertretend für die Generation, die mit ihrem gegenständlichen Werk im Westen nach 1945 den Anschluss nicht mehr gefunden hat. Oder Otto Dix, der zwischen die Fronten der abstrakten Nachkriegsmoderne westlicher Prägung und dem sozialistischen Realismus der DDR geriet. Auch Gustav Seitz gehört in diese Generation. Er folgte 1950 dem Ruf an die Akademie der Künste in Ostberlin und wurde daraufhin von seiner Professur an der Westberliner Hochschule suspendiert.

Wichtig war der Kuratorin ein Gleichgewicht zwischen Künstlern aus Ost und West, von Ossis und Wessis, die sie in Beziehung setzt: zum Beispiel die seit Jahren befreundeten Künstler Jörg Immendorff (geboren 1945 in Düsseldorf) und A.R. Penck (geboren 1939 in Dresden). Von Immendorff ist eine Serie zu sehen, auf der er einen nicht genehmigten Ausreiseantrag für seinen Freund Penck für die Biennale in Venedig 1976 persifliert. Ein anderes Beispiel: Markus Lüpertz „Vision mit Mauer“ von 1989 neben dem gerade erst fertiggestellten, sehr eindrucksvollen Triptychon von Johannes Heisig „Be Berlin oder die einende Kraft der Musik“. Der 1936 Geborene hat die Geschichte Berlins von 1961 bis heute auf eine Leinwand gepackt. Ganz dicht setzt er die Szenen neben- und übereinander und schaut selbst von unten in das Geschehen hinein. Eingerahmt wird das große Tafelbild von zwei kleinen, die jeweils eine dramatische Szene beim Mauerbau und Mauerfall zeigen: links der Sprung einer Frau aus dem Fenster, rechts die Eroberung der Mauer 1989 durch Jugendliche.

Es ist nicht das einzige Triptychon in dieser Ausstellung. Insgesamt sind vier zu sehen, alle von Künstlern aus dem Osten. Hartwig Ebersbach ist zu nennen, der bereits in der Sparkassengalerie ausgestellt hat. Er war zu DDR-Zeiten ein unbequemer Künstler, der seine kritische Weltsicht in die Person des „Kaspar“ transferiert hat. Gegenüber Michael Morgner und sein düsteres Triptychon mit einem „Schreitenden“. Diese Figur hat er auch in einer sechs Meter hohen Stahlskulptur realisiert, die auf dem Platz vor der Kunsthalle steht.

Der 1940 Geborene ist außerdem vertreten als Mitglied der Chemnitzer Künstlergruppe CLARA MOSCH, die 1977 eine Galerie gegründet hatte, in der Kunst gemacht, gezeigt und verkauft werden sollte ohne Einfluss des staatlich gelenkten Kunsthandels. Was sich aber nicht durchsetzen ließ. Immer mehr Vertreter des Kulturbundes gelangten in den Vorstand. Nach fünf Jahren gaben die Mitglieder auf und schlossen die Galerie für immer. Der Kunstname steht für vier der fünf Mitglieder Carlfriedrich CLaus, Thomas RAnft, Michael MOrgner und Dagmar SCHinke. Die Kuratorin hat der geheimnisvollen Aura, die die Gruppe umgibt, Rechnung getragen und für ihre Arbeiten einen Kubus in der Halle gesetzt, in dem auch empfindliche Papierarbeiten gezeigt werden. Mit der Geschichte von CLARA MOSCH und deren Idee vom Anderssein beschäftigt sich ein Beitrag von Susanne Holst-Steppat, einer von mehreren im umfangreichen Katalog, der die persönlichen Grenzerfahrungen und -überschreitungen aller gezeigten Künstler deutlich macht.

Beispiel: G. Hubert Neidhart. Viele Schweinfurter kennen sein 1964 entstandenes Gemälde „An der Mauer“. In dieser Ausstellung, im Vergleich mit anderen Mauerbildern wie etwa dem von Rainer Fetting von 1999 (Mauerstück), kann es ganz neu gesehen werden. Erich Husemann (1928–2008) lebte direkt im Schatten der Grenze, im unterfränkischen Trappstadt, nur einen Steinwurf von Thüringen und von seinen Verwandten entfernt. Den seltsamen Grenztourismus im Westen hat er auf einer Serigrafie festgehalten.

Der Ost-West-Konflikt prägte auch das Werk des früh verstorbenen Richard Mühlemeier. In seinem „Atlas von Atlantis“ habe er den quälenden Gegensatz von Utopie und Realität zum Ausdruck gebracht, sagt Brandl. Immer wieder zieht die Kuratorin Beziehungen zwischen Künstlern nicht nur aus Ost und West, sondern auch aus der Region und den Kunstmetropolen, zwischen bekannten und unbekannten, „alten und jungen“.

Zu den spannenden Entdeckungen zählt sie Hans Ticha, geboren 1940, der heute nahe Hanau lebt. Er gilt als einziger Pop-Art-Künstler der DDR, der mit Bildern wie „Klatscherbrigade II“ sehr direkt auf Militärparaden und Staatsakte anspielte. So deutlich, dass er seine Bilder nur zwei Menschen zeigen konnte: seiner Frau und einem Freund.

Natürlich ist ein großes Gemälde von Klemm und Baumgärtel zu sehen, die das Projekt 2006 angeregt hatten. Erwähnt seien hier noch beispielhaft die eindringlichen Fotografien von der Mauer von Manfred Paul, Udo Eisenacher aus Meiningen, für den die Wiedervereinigung bis heute nicht verwirklicht ist, Bernhard Heisig (der Vater von Johannes), der nach 1989 von Kollegen aus Ost und West angefeindet wurde oder die junge Verena Rempel und ihr „Pantokrator“: Winzige Porträts von Weltpolitikern sind nur aus der Nähe erkennbar, von weitem bilden sie ein Abbild des Pantokrators. Mehr über alle Künstler und das Thema im Katalog.

20 Jahre Deutsche Einheit Eröffnung 3. Oktober, 11 Uhr. Bis 10. Januar. Begleitveranstaltungen: 9. Oktober, 19.30 Uhr, Kunsthalle, Vortrag von Matthias Stickler, Lehrstuhl für Neueste Geschichte Uni Würzburg, „Krise und Zusammenbruch der DDR 1971 bis 1990“.

28. Oktober, 19.30 Uhr, Kunsthalle: CLARA MOSCH, Dokumentarfilm und Gespräch mit den Künstlern.

9. November, 19.30 Uhr, Theater: „Das Leben der Anderen“.

27. November, 19.30 Uhr, Kunsthalle: „Freiheit“ Vortrag und Führung mit der Galeristin Ingrid Raab.

7. Januar, 19 Uhr, Kunsthalle: Finissage mit Leseperformance von Helga Franke und Rudolf Sievers.

15. Januar, 19.30 Uhr, Museum Otto Schäfer: „Deutsche politische Lyrik im 19. Jahrhundert“, Vortrag von Rudolf Kreutner.

Johannes Heisig, linke Tafel des Triptychons „Be Berlin oder die einende Kraft der Musik“ (Ausschnitt).
| Johannes Heisig, linke Tafel des Triptychons „Be Berlin oder die einende Kraft der Musik“ (Ausschnitt).
Johannes Heisig, rechte Tafel des Triptychons „Be Berlin. . .“ (Ausschnitt).
Foto: FOTOs Katharina Winterhalter | Johannes Heisig, rechte Tafel des Triptychons „Be Berlin. . .“ (Ausschnitt).
Chris Nägele, Ata, 2008.
Foto: FOTO Museen und Galerien der Stadt | Chris Nägele, Ata, 2008.
Manfred Paul, aus der Serie „Grenzenlose Räume“, 1989/90.
Foto: FOTO Manfred Paul | Manfred Paul, aus der Serie „Grenzenlose Räume“, 1989/90.
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