Gerolzhofen

Leserforum: Arbeitsplätze um jeden Preis?

Die gewählten Räte und Bürgermeister suchen für ihre Gemeinden sinnvolle, dauerhafte Arbeitsplätze und Ausbildungsstellen für die Jugend. Für Grundstücke, Erschließung und öffentliche Einrichtungen brauchen sie sichere Steuereinnahmen, um den Firmen die Ansiedlung zu ermöglichen. Das ist anerkennenswert.

Der Bürgermeister von Helmstadt, Tobias Klembt, erklärte laut Main-Post vom 3. Dezember 2020, warum er und seine Räte die Ansiedlung von Amazon abgelehnt haben: 6450 Quadratmeter Landverbau, wenig Arbeitsplätze, viel Müll, Geräuschkulisse, großer Verkehr, wenig Steuerertrag, keine Ausbildungsplätze und Verringerung der Lebensqualität der Gemeindebürger. Amazon ist ein Vorbild für unsere Wegwerfgesellschaft.

Unser Schweizer Butterbäcker Hiestand fusionierte mit Aryzta mit Stammsitz in Erlangen. Weil in der Regel die Gewerbesteuer an den Stammsitz des Unternehmens geht, musste der Gerolzhöfer Stadtsäckel zwei Millionen Euro an Gewerbesteuer an Aryzta nach Erlangen zurückgeben. Haben wird das bereits vergessen?

Vier Handelsketten beherrschen den Lebensmittelmarkt für unsere 83 Millionen Bürger. Gut ausgebildete Manager in Steuerrecht, Einkauf, Betriebswirtschaft, Personalpolitik bestimmen gewinnorientiert die Preise der Produkte von Bauern, Gärtnern, Winzern, Milchverarbeitungsbetrieben, Fleischerzeugern, Schlachthöfen und so weiter. Käuferlockmittel sind Elektro- und Textilerzeugnisse aus Billiglohnländern mit Kinderarbeit. Der "Erfolg": leerstehende Geschäfte der Einzelhändler in den Innenstädten.

Für den betriebswirtschaftlichen Erfolg brauchen diese Handelsketten große, moderne, automatisierbare Logistikzentren. Dort arbeiten Staplerfahrer, sonstige Billigarbeitskräfte, um die Lastwagen rund um die Uhr zu bedienen. Termingerecht müssen die Verkaufsstellen angefahren werden. Die Firma Norma betreibt im Ballungsraum Nürnberg/Erlangen in Röttenbach ein Zentrallager laut Nordbayerischer Nachrichten. Wegen schon jahrelang größer werdender Geräuschkulisse hätte das dortige Landratsamt einen Änderungstermin bestimmt. Eine Verlegung wäre in der Nähe möglich. Aber der dortige Grundstücksbesitzer will sehr wahrscheinlich kein Millionenbauer werden. Er verkauft nicht.

Nun hat Norma trotz angeblich vieler Gründstücksangebote Gerolzhofen ausgewählt. 200 Arbeitskräfte sollen auf 115 000 Quadratmeter im Niedriglohnbereich an sieben Tagen und 24 Stunden täglich 300 Lastwagen bedienen. Laut Main-Post ist die anfallende Gewerbesteuer ein Betriebsgeheimnis. Sechsstellig wird in Aussicht gestellt. Bekanntlich beginnen sechs Stellen mit 100 000. Als Bonbon will man regionale Produkte verpackt entgegennehmen. Stadtrat Burkard Wächter, akademisch ausgebildeter Landwirt, hat am 16. November 2020 laut Main-Post die regionalen Auswirkungen des Vorhabens fundiert geschildert.

In der Haushaltsdebatte am 11. März 2021 sagte Bürgermeister Torsten Wozniak, dass das Wohlfühlen unserer Bürger bei ihm an erster Stelle steht. Der Haushaltsplan für 2021 zeigt eine doppelte Pro-Kopf-Verschuldung an. Wichtige Baustellen können nicht bedient werden. Bereits vor Corona wurden zum 1. Januar 2020 die Steuerhebesätze erhöht. Schon immer haben die Verantwortlichen der Stadt finanzielle Engpässe gemeistert. Als alte Gerolzhöferin bedanke ich mich bei denen, die bei der Gebietsreform für den Erhalt der Arbeitsplätze gekämpft haben, z. B. für den Erhalt des Kreiskrankenhauses, Caritasaltenheim, Erweitern und Modernisieren des Schwimmbades, Volkshochschule, Schulen, Musikschule, Sport und Kultureinrichungen, Sportstätten und so weiter.

In unserer aufstrebenden Touristikstadt mit einem gut ausgestaltetem Zentrum haben viele Mitbürger die Häuser in der Innenstadt denkmalgepflegt renoviert. Leerstände können nicht zum Einkaufen einladen. Als neunzigjährige Mitbürgerin hätte ich mir eine echte Bürgerbefragung gewünscht, ob 200 Arbeitskräfte im Niedriglohnbereich 115 000 Quadratmeter Gewerbegebiet rechtfertigen. Ein Verkehrsgutachen ist für diesen Standort dringend nötig.

Josefine Hillenbrand

97447 Gerolzhofen

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