Schweinfurt

Man from Schweinfurt und sein Man from Beirut

"Corona-Ausverkauft" bei der Schweinfurt-Premiere des neuen Films des ehemaligen Schweinfurters Christoph Gampl. Wie "Man from Beirut" zum Autokino-Renner wurde.
Regisseur Christoph Gampl stellte seinen neuen Film "Man from Beirut" im Schweinfurter Programmkino KuK vor.
Regisseur Christoph Gampl stellte seinen neuen Film "Man from Beirut" im Schweinfurter Programmkino KuK vor. Foto: Steffen Krapf

Am Donnerstagabend strahlte Diana Schmelzer über beide Wangen. Ihre ehrliche Freude und die strahlenden Augen erleuchteten beinahe den eigentlich abgedunkelten großen Saal im Schweinfurter Programmkino KuK. Die Inhaberin des Traditionskinos blickte dabei in gerade mal knapp 50 Gesichter. Ausverkauft. Oder besser gesagt "Corona-Ausverkauft", wie sie es charmant benennt. Eine Besucherzahl bei der Kinobetreiber unter normalen Umständen selten zu Luftsprüngen ansetzen. In Zeiten der Pandemie, in der auch die Kulturszene arg gebeutelt wird, ist vieles anders.

Seit 18. Juni flimmern die Leinwände im KuK wieder. Natürlich noch unter Berücksichtigung eines strengen Hygienekonzepts. Nun durften sich Schmelzer und ihr Team erstmals seit Corona wieder über eine echte Veranstaltung freuen. Die Filmpremiere von "Man from Beirut" stand an. Regisseur Christoph Gampl, gebürtiger Schweinfurter, war bei der Erstvorführung in der Heimat freilich mit dabei und stand dem Publikum nach dem Film Rede und Antwort.

Locker und bodenständig

Wer Filmregisseuren, gerade denen aus der Arthouse-Ecke, vorschnell ein paar Stereotypen anheftet, dass sie vielleicht etwas verschroben und unnahbar daherkommen, wurde im Plausch mit Christoph Gampl komplett enttäuscht. Der 51-Jährige ist an Lockerheit und Bodenständigkeit kaum zu toppen. Statt im aufgezwungenen festlichen Premierenzwirn, war ganz locker Jogginghose angesagt. "Ich wohne auch schon länger in Berlin-Kreuzberg als ich hier in Schweinfurt gelebt habe", erzählt er gut aufgelegt. Geht man dort nicht unter, wenn einem das eigene Ego nicht ständig über den Kopf wächst?

Offenbar nicht. Für "Man from Beirut" mobilisierte der Filmemacher ein wahres Schauspieler-Allstar-Team aus der Hauptstadt. Zumindest was den "wilden" Teil der Stadt anbetrifft. Und das obwohl es am Set so gut wie nichts zu verdienen gab. 14 Tage dauerte der Dreh im September 2017, der großteils in Berlin-Neukölln an authentischen Drehorten stattfand. "Das war für uns alle ein Abenteuer. Da galt einfach: Augen zu und durch", blickt der Schweinfurter Exilant zurück. Die Kosten sollten so gering wie möglich gehalten werden. Gampl, der auch das Drehbuch schrieb und als Produzent beteiligt war, wollte bei diesem Projekt bewusst unabhängig bleiben. Dafür hat er auch hinter den Kulissen ein Team aus Freunden und Bekannten zusammengestellt.

Film mit Kult-Potenzial

Heraus kam eine echte Perle des deutschen Kinos. Ein Film mit Kult-Potenzial. Einen gewaltigen Anteil daran hat 4 Blocks-Star Kida Khodr Ramadan, der die Hauptrolle "Momo", einen blinden Auftragskiller, verkörpert. In nichts nach stand ihm sein weibliches Äquivalent im Film Susanne Wüst, die ebenfalls in ihrer Rolle als Auftragsmörderin zu brillieren wusste. "Im weitesten Sinne sollte es ein Film mit dem Thema Migration werden, allerdings im Noir-Stil der 50er und 60er Jahre", erklärt der Regisseur den KuK-Besuchern.

"Wir haben dafür aber nicht im Killermilieu recherchiert", beantwortet er lachend eine Zuschauerfrage. Brauchte es auch nicht. Ganz so brutal, wie es die Story vermuten lässt, verläuft der Schwarz-Weiß-Streifen gar nicht. Wer bei den Schlagwörtern 4 Blocks, Tarantino und Leon der Profi einen innerlichen Freudentanz vollführt, wird an "Man from Beirut" nicht vorbeikommen. Der Cast mit angesagten Schauspielern wie Frederick Lau, Misel Maticevic oder Lucas Gregorowicz besticht ohnehin.

Der Film erobert die Autokinos

Eigentlich müsste man Christoph Gampl, gebe es gerade die Abstandsregelung nicht, in den Arm nehmen, um ihn etwas Trost dafür auszusprechen, dass sein neuer Film, hinter dem unverkennbar gleichermaßen viel Arbeit wie Herzblut steckt, inmitten von Corona erscheint. Aber das braucht es gar nicht. Im April sollte "Man from Beirut" in einigen Kinos anlaufen. Das große Geld spielen Arthouse-Filme für gewöhnlich nicht ein. Aus dem planmäßigen Kinostart, mitten im Lockdown, wurde freilich nichts.

Der gebürtige Schweinfurter Christoph Gampl (rechts) führte am Set von "Man from Beirut" Regie. Links im Bild ist Hauptdarsteller Kida Khodr Ramadan zu sehen.
Der gebürtige Schweinfurter Christoph Gampl (rechts) führte am Set von "Man from Beirut" Regie. Links im Bild ist Hauptdarsteller Kida Khodr Ramadan zu sehen. Foto: efeart

Und dann nahm die Geschichte einen wirklich ungewöhnlichen Verlauf. "Man from Beirut" eroberte die Autokinos im ganzen Land. "Wir hatten nichts zu verlieren", meint Gampl: "Wir waren die Einzigen, die sich getraut haben rauszugehen. Das wurde dann unser Alleinstellungsmerkmal". 500 Autos wurden bei der Premiere in Köln im Mai gezählt. Über 20 weitere Autokino-Auftritte folgten. "Das hätten wir uns nicht schöner ausmalen können", freut er sich. Meist war er zusammen mit Hauptdarsteller Kida Khodr Ramadan live vor Ort. Christoph Gampl und seine Gang haben das Ding gerockt. Mittlerweile ist der Film auch in herkömmlichen Kinos angelaufen. Eine DVD wird folgen, genauso wie voraussichtlich die Erscheinung bei einem großen Streaming-Anbieter.

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