Gerolzhofen

Matthias Konrad: "Priester sind keine Superchristen"

Vor 50 Jahren wurde Matthias Konrad in Würzburg zum Priester geweiht. Bei einem Dankgottesdienst am Sonntag blickte er nun auf durchaus unruhige und stürmische Jahre zurück.
Pfarrer Matthias Konrad feierte am Sonntag im Steigerwalddom einen Dankgottesdienst aus Anlass seines Goldenen Priesterjubiläums.
Foto: Klaus Vogt | Pfarrer Matthias Konrad feierte am Sonntag im Steigerwalddom einen Dankgottesdienst aus Anlass seines Goldenen Priesterjubiläums.

Mit einem festlichen, fast zweistündigen Dankgottesdienst hat am Sonntag der Ruhestandspriester Matthias Konrad sein Goldenes Priesterjubiläum gefeiert. Der rüstige Rentner wohnt seit Beginn seines Ruhestands vor sechs Jahren in Gerolzhofen.

In seiner Begrüßung würdigte Pfarrer Stefan Mai, der im Gottesdienst auch als Konzelebrant wirkte, den Einsatz von Matthias Konrad in der Pfarreiengemeinschaft St. Franziskus. Der Ruhestandspriester übernehme regelmäßig einen Sonntagsgottesdienst und zwei Messen unter der Woche.

Vor 30 Jahren habe man sich in der Kirche angesichts des abzusehenden Priestermangels die Frage gestellt, wie das Gottesdienst-Angebot in der Zukunft noch aufrecht zu erhalten sei, wie Löcher zu stopfen seien, sagte Mai. Schon damals war man sich einig, dass dies mittelfristig nur über rüstige Pensionisten möglich sein werde. Die Gegenwart bestätige nun diese Annahme. Matthias Konrad gehöre mit seinen 76 Jahren zu diesen Pensionisten, ohne deren Mittun sich die Zahl der Gottesdienste deutlich verringern würde. Dabei sei Konrad schon alleine wegen seines Vornamens geradezu prädestiniert für diese Aufgabe, sagte Mai schmunzelnd, denn schließlich sei der Hl. Matthias derjenige gewesen, der den frei gewordenen Platz in Kreise der zwölf Jünger Jesu wieder aufgefüllt habe.

Der "Würzburger Stadtbub"

Pfarrer Konrad könne auf Menschen zugehen, sagte Mai. Durch seine Art des Erzählens, aber auch durch sein intensives Zuhören, das echtes Interesse am Menschen zeige, komme er mit Menschen schnell in Kontakt. Dies gelte insbesondere für die Jugendarbeit, die schon immer ein Schwerpunkt im priesterlichen Wirken von Konrad gewesen sei. Deshalb sei man in der Pfarreiengemeinschaft sehr froh, "dass der Würzburger Stadtbub zu uns aufs Land gekommen ist".

In seiner sehr persönlich gehaltenen Ansprache erinnerte sich Matthias Konrad an seine Priesterweihe vor 50 Jahren durch Bischof Josef Stangl. Der Bischof habe damals zu den Weihekandidaten gesagt: "Ahme nach, was du vollziehst", sich also die Lebensart des Jesu von Nazareth zu eigen machen. Dies sei allerdings "ein Dienst, der alles abverlangt", gestand Konrad. "Nach 50 Jahren ist wohl die erste Erfahrung: Oft ist dieser Dienst für uns Priester eine Überforderung."

Keine Superchristen

Das größte Hindernis bei dem Dienst der Hingabe als Priester sei man oft selbst: durch das "Auseinanderklaffen von Wort und Leben", durch die "eigene Armseligkeit". Das Sakrament der Weihe mache die Priester ja nicht zu Superchristen, sagte Konrad. "Unser Glaube ist nicht selten genauso angefochten wie der des Thomas, unsere Hoffnung genauso zermürbt, unsere Liebe genauso begrenzt wie die der anderen."

Seine schönste Erfahrung als Priester sei die, "dass ich von vielen gebraucht wurde und – wie es scheint – immer noch gebraucht werde, als einer, der als Zeichen der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes mitten unter den Menschen lebt" – nicht abgehoben und sakral überhöht, sondern mit ihnen. Sein Dienst bringe ihn mit Menschen aller Generationen zusammen, mit ihren Problemen, Freuden und ihrer Trauer, Belastungen und Sorgen, mit den Vorwärtsstürmenden, den Bedächtigen, den Schwachen, den Nostalgikern. "Sie alle mit einem Gott in Berührung zu bringen, der es gut mit uns meint, das ist bei den vielen Lebensentwürfen und geistigen Strömungen, die unsere Zeit prägen, ein oft spannendes, manchmal auch ein mühsames Geschäft."

50 unruhige Jahre

Ein halbes Jahrhundert priesterlicher Pilgerweg: "Es waren 50 unruhige Jahre", blickte Konrad zurück. "Man musste schon einen festen Stand haben, um nicht aus der eigenen Verankerung herausgerissen zu werden." Während seiner Zeit im Priesterseminar habe er als "Alt-68er" gemeinsam mit Kollegen versucht, verkrustete Strukturen ein bisschen aufzubrechen. Man sei sogar für ein Jahr aus dem Seminar ausgezogen und habe in Würzburg in einer "Equipe" gelebt. "Wir haben unserem verehrten Bischof Josef eine Unmenge an Geduld und Nachsicht abverlangt."

Er habe die Aufbruchsphase nach dem Konzil erlebt, erinnerte sich Konrad, die großen biblischen, liturgischen und pastoralen Neuerungen – Sturm, Dynamik, Aufbegehren, die in Gesellschaft und Kirche den Rhythmus und den Ton angaben. Vieles aus der alten Zeit, was keine unmittelbare innere Plausibilität mehr hatte, wurde einfach weggespült. Im Lauf der Jahre habe sich diese quirlige Dynamik aber stetig verlangsamt. "Es gab Gegenbewegungen und neue Aufbrüche, die Suche nach intensiver Glaubenserfahrung und geistlicher Erneuerung."

Allenthalben Erosionsprozesse

Und heute? Matthias Konrad fasste die aktuelle Situation schlagwortartig zusammen: "Priester-, Gläubigen- und Geldmangel in der Kirche. Zugleich Glaubensverdunstung, kolossaler Abbruch der Kirchlichkeit, ungebremster Auszug vieler, gesellschaftlicher Bedeutungsverlust, gegenwärtig die Umstrukturierung von Gemeinden und Diözesen, Umbrüche, Erosionsprozesse und die schlimmen Missbrauch-Skandale mit ihren verheerenden Folgen, wie die noch nicht geheilten Leiden und Traumatisierungen der Opfer, Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust bis hinein in meine Berufsgruppe, deren Lebensform zunehmend in die Kritik gerät."

Doch nach 50 Jahren dürfe er sagen: Gott habe ihn immer getragen. "Er ist da und geht mit, gerade in Krisenzeiten und Vergeblichkeitserfahrungen. Er wird auch weiterhin mein und unser Wege-Gott sein", sagte Konrad am Ende seiner Predigt, für die es Beifall von den Gottesdienstbesuchern gab.

Dankesworte aus der "Ulf"

Am Ende der Messe ergriffen mehrere junge Männer von der "Ulf" aus Würzburg das Wort, wobei "Ulf" als Abkürzung steht ist für die Pfarrei "Unsere Liebe Frau" im Würzburger Stadtteil Frauenland, wo Matthias Konrad 25 Jahre lang wirkte. Die ehemaligen Ministranten berichteten von so mancher Anekdote bei den Zeltlagern und gemeinsamen Jugendausflügen im klapprigen VW-Bus des Pfarrers. "Unser Freund Matthias war unser Pfarrer, als wir Kinder und als wir Jugendliche waren. Und als wir heirateten, war Matthias unser Pfarrer. Und als unsere Kinder getauft wurden, war Matthias unser Pfarrer."

Besondere Kirchenmusik

Der Gottesdienst wurde mit besonderer Musik umrahmt. Unter der Gesamtleitung von Kantor Karl-Heinz Sauer wurden die "Missa in B für Chor, vier Bläser, Röhrenglocken und Orgel" und das "Panis angelicus" des zeitgenössischen britischen Komponisten Christopher Tambling aufgeführt. Daneben waren auch noch ein "Halleluja-Pic I für fünf Bläser und Orgel" aus der Feder von Karl-Heinz Sauer und der Marche triumphale "Nun danket alle Gott" für vier Bläser und Orgel von Sigfrid Karg-Elert zu hören.

Im Anschluss an die Messe fand im Garten des Pfarrer-Hersam-Hauses ein Empfang statt.

Zur Person: Matthias Konrad

Pfarrer i. R. Matthias Konrad (76) wurde 1945 in Würzburg geboren. Am 27. Juni 1971 weihte ihn Bischof Josef Stangl in Würzburg zum Priester, seine Primiz feierte er am 4. Juli 1971. Nach Kaplansjahren in Mainaschaff, Eltmann, Waigolshausen und Bad Kissingen wurde Konrad 1977 Pfarrer in Nüdlingen.
Während dieser Zeit hatte er für mehrere Jahre auch das Amt des Jugendseelsorgers und des stellvertretenden Dekans für das Dekanat Bad Kissingen inne. Zugleich war er Präses der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) in Nüdlingen. Von 1986 bis 1990 war er zudem Fortbildungsleiter für die zweite Bildungsphase der Kapläne und Pastoralassistenten.
Im Jahr 1990 wechselte Konrad als Pfarrer auf die Pfarrei "Unsere Liebe Frau" im Würzburger Stadtteil Frauenland. Von 1995 bis 1999 war er auch Dekanatsbeauftragter für die Familienseelsorge im Dekanat Würzburg-Stadt. 2010 wurde er zusätzlich zum Pfarrer von "Sankt Barbara" in Würzburg ernannt. Seit März 2015 ist er im Ruhestand, den er in Gerolzhofen verbringt.
Quelle: Bischöfliches Ordinariat
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