Schonungen

Mit der Eisenbahn ans Hotel "Zum Schrotturm"

Den Schrotturm gibt's doppelt: In der Welt der Pola-Modelleisenbahnen ist das Schweinfurter Wahrzeichen ein Hotel.
Foto: Uwe Eichler | Den Schrotturm gibt's doppelt: In der Welt der Pola-Modelleisenbahnen ist das Schweinfurter Wahrzeichen ein Hotel.

Die Ähnlichkeit mit einer Orgelpfeife kommt wohl nicht von ungefähr, beim Schrotturm: Der Frühindustrielle Johann Christian Voit, dem Schweinfurt sein Wahrzeichen verdankt, war eigentlich gelernter Orgel- und Instrumentenbauer. Bruder Carl soll ein Aeolodikon konstruiert haben, auch bekannt als Physharmonika: eine Art Mischung aus Orgel und Maultrommel, bei dem dünne Stahlstreifen im Luftstrom vibrieren.

Im Schrotturm, Johanns Vermächtnis, klackerten und kullerten ab 1818 die Bleikügelchen. Der ehemalige Treppenturm am Barock-Palazzo von Ratsherr Balthasar Rüffer (III.) wurde dazu um vier bis fünf Stockwerke hochgemauert, auf knapp 40 Meter Höhe. Statt durch die Kuppeln einer "Welschen Haube" wurde der Rüfferturm fortan durch ein kegelförmiges Dach gedeckelt. Bis 1913 war an der Seite noch ein Schacht als Kugelfang angebaut. Oben wurde flüssiges Blei durch ein Metallsieb gegossen. Im freien Fall Richtung Wasserbottich formten sich die Metalltropfen nahtlos und harmonisch rund zu feinem Schrot, für die Jagd, nach englischem Patent. Im schmucken Inneren haben sich einige Chauvi-Sinnsprüche erhalten, aus der Ratsherrenzeit: "Vertrawe Gott alles, den Menschen wenich, den Weiber(n) gar nichts."

Das Jugendstilhaus in der Spitalstraße, als Plasteversion.
Foto: Uwe Eichler | Das Jugendstilhaus in der Spitalstraße, als Plasteversion.

Soweit, so bekannt. Weniger bekannt ist, dass es den Schrotturm auch noch im Miniaturformat gibt. Das hat Klaus Reimann herausgefunden, pensionierter Hauptschullehrer, Gästeführer aus Schonungen und Sammler von Modelleisenbahn-Gebäuden. 1957 hat der aus Wuppertal stammende Unternehmer Horst Pollak in Schweinfurt eine Firma für Modelleisenbahnzubehör gegründet, namens Pola ("Fabrikation feiner Modellspielwaren"). Die Mutter von Ehefrau Brigitte besaß dort, laut Internet, das Spielwarengeschäft "Bunte Truhe". Pollaks Firma residierte ab 1963 in Rothhausen bei Bad Kissingen, mit rund 100 Mitarbeitern. Legendär war die Serie mit Impressionen aus "fränkischen Kleinstädten": etwa das "Brennende Finanzamt", das von einem Vorbild in Haßfurt inspiriert worden sein soll.

Das Jugendstilhaus in der Spitalstraße, in echt.
Foto: Uwe Eichler | Das Jugendstilhaus in der Spitalstraße, in echt.

In den 1980er-Jahren kam Pollak durch einen Flugzeugabsturz bei Zell am Ebersberg ums Leben. Einige der Kreationen seiner Firma, die eindeutig von Schweinfurt inspiriert worden sind, haben deren Auflösung ab dem Jahr 1997 überdauert. In Sammlerkreisen begehrt sind die sogenannten "Exklusiv-" oder "Meistermodelle", die um 1990 in begrenzter Auflage verkauft worden sind, im Spritzgussverfahren, mit Zertifikat und besonders viel Liebe zum Detail.

Reimann ist auf das Miniatur-Schweinfurt aufmerksam geworden, als sein Sohn im Online-Handel das Hotel "Zum Schrotturm" entdeckt hat. Bis auf die angebliche gastronomische Nutzung (und natürlich die Größe) entspricht der beleuchtbare Turm weitgehend dem Original. In einem Spielwarenladen hat Reimann das gleiche Exemplar ebenfalls entdeckt.

Auch bei zwei weiteren Sammlerstücken sieht er einen Zusammenhang mit der Kugellagerstadt. Das "Jugendstilhaus Schweinfurt", mit markantem Fronterker, ist eindeutig das Haus Spitalstraße 30, wo zu königlich-bayerischen Zeiten mal die Bäckerei Faust untergebracht war (heute residiert hier eine japanische Sushibar). Der Stil der Unternehmervilla mit Turm, kreiert im Jahre 1989, erinnert stark an den Stadtteil Kiliansberg, mit der Villa Gademann in der Bergstraße. Auch bei anderen Pola-Gebäuden ließe sich noch ein Bezug zur Mini-Metropolregion Schweinfurt herstellen, etwa bei der "Gurkenfabrik".

2012 hat sich Reimann zum Schweinfurter Gästeführer ausbilden lassen, er kennt die ehemals freie und Reichsstadt aus dem Effeff. Nur die Folgen des Corona-Virus machen ihm derzeit in seinem Job zu schaffen. 30 Führungen hat er in normalen Jahren, 2020 waren es nur zehn. Dennoch: "Es macht immer noch Spaß". Wie beim Hotel "Zum Schrotturm" sind es gerade die kleinen Dinge, an denen Reimann sich freuen kann: "Schweinfurt hat so schöne Seiten, dass es sogar in die Miniaturwelt der Eisenbahner Einzug gehalten hat."

Der Schonunger Klaus Reimann hat Schweinfurter Gebäude in der Miniversion gesammelt.
Foto: Uwe Eichler | Der Schonunger Klaus Reimann hat Schweinfurter Gebäude in der Miniversion gesammelt.
Die 'Schweinfurter Unternehmervilla'.
Foto: Uwe Eichler | Die "Schweinfurter Unternehmervilla".
Hot, nicht Schrott: Im Schrotturm wurde früher Bleischrot fabriziert.
Foto: Uwe Eichler | Hot, nicht Schrott: Im Schrotturm wurde früher Bleischrot fabriziert.
Der echte Schrotturm ist ein Schweinfurter Wahrzeichen.
Foto: Uwe Eichler | Der echte Schrotturm ist ein Schweinfurter Wahrzeichen.
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