Schweinfurt

"Mit Vollgas auf das Opfer": Angeklagter muss gut fünf Jahre in Haft

Sechs Wochen dauerte der Prozess gegen einen 33 Jahre alten Industriemechaniker. Warum das Landgericht von seiner Schuld überzeugt war und was ihm vorgeworfen wurde.
Rund fünf Jahre ins Gefängnis muss ein 33-Jähriger nach einem Prozess am Landgericht Schweinfurt.
Foto: Volker Hartmann | Rund fünf Jahre ins Gefängnis muss ein 33-Jähriger nach einem Prozess am Landgericht Schweinfurt.

Sechs Wochen nach Prozessbeginn wurde nun das Urteil gesprochen. Zu vier Jahren und neun Monaten Haft plus Unterbringung in einer Entziehungsanstalt hat das Landgericht Schweinfurt einen 33-jährigen Industriemechaniker verurteilt, der mit seinem Auto absichtlich einen Jugendlichen angefahren, einen weiteren Jugendlichen mehrfach sexuell missbraucht und über längere Zeit insgesamt fünf junge Männer unter 16 Jahren mit Marihuana versorgt beziehungsweise das Rauschgift zusammen mit ihnen konsumiert hatte.

Als schwerwiegendste Tat sah die Große Jugendkammer den absichtlich herbeigeführten Unfall am 1. Februar 2020 gegen Mitternacht an der Avia-Tankstelle in Maßbach (Landkreis Bad Kissingen). Als ein ihm bekannter 16-Jähriger zweimal mit der Hand auf die Heckscheibe klopfte, fühlte sich der 33-Jährige offenbar provoziert.

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"Mit Vollgas", so die Kammervorsitzende, sei er im ersten Gang auf den jungen Mann zugefahren, habe ihn mit der Motorhaube erwischt, und der Jugendliche sei dadurch zu Boden gefallen. Dessen Begleiter warf sich dann auf die Motorhaube und schlug so lange gegen die Windschutzscheibe, bis der 33-Jährige den Wagen anhielt. Für das Gericht war dies das schwerwiegendste Delikt, nämlich ein vorsätzlicher gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr durch Herbeiführen eines Unfalls plus gefährliche Körperverletzung. Dafür verhängte die Kammer eine Einzelstrafe von zwei Jahren und drei Monaten.

Hinzu kommen vier Fälle des sexuellen Missbrauchs eines Jugendlichen, den Angeklagte für seine Dienste bei ganz speziellen Vorlieben mit jeweils 30 Euro entlohnte. Ein weiterer, viel schwerer wiegender Anklagepunkt zum Aspekt sexueller Missbrauch wurde mangels hinreichender Beweisbarkeit eingestellt. Ferner hat der angeklagte Industriemechaniker nach Überzeugung der Kammer vom Sommer 2018 bis Ende 2019 in einer Vielzahl von Fällen meistens "Gras" (Marihuana) an fünf Jugendliche abgegeben, die weniger als halb so alt waren wie er, und selbst für sich auch Rauschgift erworben.

Umfassendes Geständnis des Angeklagten

Diese Taten standen nach mehrtägiger überwiegend nichtöffentlicher Verhandlung für die Kammer fest aufgrund des umfassenden Geständnisses des 33-Jährigen, der Angaben der Jugendlichen und der Handyauswertung durch Polizeiermittler. Für den Angeklagten wertete das Gericht sein Geständnis, dass es sich bei den Drogen um eher weiche handelte und dass der Angeklagte Aufklärungsarbeit auch bezüglich eines Helfers seiner Dealerin geleistet habe. Gegen ihn spreche die Vielzahl der Taten in kurzer Zeit und dass er den Jugendlichen erheblichen Marihuana-Konsum ermöglicht habe, den diese sich in diesem Umfang nicht hätten leisten können.

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Der Verteidiger des Angeklagten wollte das Verfahren von Beginn an zum Geheimprozess machen. Am ersten Verhandlungstag hatte er beantragt, die Öffentlichkeit komplett auszuschließen – schon vor der Verlesung der Anklageschrift. Dem war die Große Jugendkammer des Landgerichts Schweinfurt so nicht gefolgt. Sowohl die Anklage wurde öffentlich verlesen, und auch bezüglich der Autoattacke an der Tankstelle sah das Gericht keinen Grund, Presse und Zuschauer außen vor zu lassen. Mit Rücksicht auf die jugendlichen Opfer wurde die Verhandlung dann einschließlich der Plädoyers nichtöffentlich weitergeführt.

Gericht ordnet eine Suchttherapie an

Staatsanwalt und die Nebenklage hatten eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und acht Monaten gefordert und seine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt. Der Verteidiger hatte auf eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren plädiert, die auf Bewährung ausgesetzt werden solle. Vier Jahre und neun Monate hielt schließlich das Gericht für angemessen. Zur Therapie seiner Drogensucht, die mitursächlich für die Straftaten gewesen sei, ordnete die Kammer auch die Unterbringung des Mannes in einer Entziehungsanstalt an.

Gegen das Urteil ist Revision möglich. Der Angeklagte verzichtete auf Rechtsmittel.

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