Gerolzhofen

Nach Corona: Quo vadis Gesellschaft, quo vadis Kirche?

Wohin gehst du, Gesellschaft, wohin gehst du, Kirche? Mit dieser Frage beschäftigt sich Pfarrer Stefan Mai in seinem neuesten Gastbeitrag.
Pfarrer Stefan Mai verfasst und veröffentlicht in der Corona-Krise Texte zum Nachdenken, die auch als Podcast zu hören sind.
Pfarrer Stefan Mai verfasst und veröffentlicht in der Corona-Krise Texte zum Nachdenken, die auch als Podcast zu hören sind. Foto: Klaus Vogt

Quo vadis Gesellschaft, quo vadis Kirche - nach Corona? Diese Frage beschäftigt mich in den letzten Tagen zunehmend mehr. Wohin gehst du, Gesellschaft, welche Richtung schlägst du ein, wenn die Corona-Krise abflaut oder gar verschwindet? Was lernen wir Menschen aus der Corona-Krise?

 Wird es so kommen, wie es sich zum Beispiel der bekannte Zukunftsforscher Matthias Horx erhofft? Familien, Nachbarn, Freunde sind näher gerückt und haben sogar verborgene Konflikte gelöst. Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir zunehmend vermissten, steigt an. Lehrer haben viel über Internet-Teaching gelernt. Eine neue Kultur der Erreichbarkeit entsteht. Plötzlich erwischt man am Telefon nicht nur den Anrufbeantworter, sondern real vorhandene Menschen. Die Menschen machen wieder ausgiebige Spaziergänge. Bücher lesen wird zum Kult. Reality Shows wirken grottenpeinlich. Der unendliche Seelenmüll, der durch die Kanäle strömte, verliert rasend an Wert. Nur noch wenige glauben an Technologie als Allheilmittel. Die humanen Fragen werden sich wieder stärker in den Vordergrund schieben: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?

Wird es nach Corona in diese Richtung gehen, wird es also zu einer Neuausrichtung kommen?

In die alten Muster?

Oder verfallen wir langsam oder rasant wieder in die alten Muster, wie es der italienische Psychologe Gianluca Castelnuovo prophezeit: "Aus psychologischer Sicht wird danach eine große Lust da sein, wieder loszulegen. Zu arbeiten und zu feiern. Die zweite Jahreshälfte wird voll sein mit beruflichen Terminen, mit sozialen Ereignissen, mit Konzerten, mit der Lust auszugehen. Es wird diesen Sprungfeder-Effekt geben. Wir wollen dann in die Welt schreien, dass wir zurück sind nach diesem hässlichen Abenteuer."

Wem stimmen Sie eher zu, Matthias Horx oder Gianluca Castelnuovo?

Hat die Kirche aus der Corona-Krise gelernt?

Quo vadis Kirche? Welche Wege schlägst du nach Corona ein? Hast du aus dieser Krise etwas gelernt?

Nahezu alle traditionellen Systeme der Kirche wurden heruntergefahren. Es fanden keine öffentlichen Gottesdienste mehr statt. Die Bildungshäuser haben ihren Betrieb eingestellt. Viele Sitzungen auf höchster und auch auf unterster Ebene? Kein Thema. Es hat mich sehr nachdenklich gemacht, dass eine der ersten Verlautbarungen vieler Bischöfe zur Corona-Krise die Befreiung der Gläubigen von der Sonntagspflicht war. Da habe ich mich gefragt: Welche Menschen von heute glauben die Bischöfe da vor sich zu haben? Glauben sie wirklich, dass Menschen nach solchen „Befreiungsgeboten“ hungern?

Sicherlich vermissten viele ihre heimatlichen Gottesdienste in gewohnter Gemeinschaft. Aber ich frage mich: Braucht es neben dem Angebot der Gottesdienstübertragungen im Fernsehen tatsächlich noch in allen möglichen Gemeinden weitere Übertragungen von Messen aus leeren Kirchen? Zeigt das nicht eine gewisse Phantasielosigkeit? Haben Menschen, die jetzt durch die Krise aufgerüttelt werden und sich neuen Fragen stellen, nicht die Sehnsucht nach ganz anderen seelsorgerlichen Formaten?

Schwarzbrot für den Seelenhunger

Müssten wir uns als Kirchenmänner und -frauen nicht vielmehr fragen: Welche Art von Spiritualität suchen heute Menschen? Was könnte echtes Schwarzbrot für ihren Seelenhunger sein? Haben wir überhaupt die Chance und die ausdrucksstarke Sprache der leeren Kirchen entdeckt, in der eine besondere Figur, ein besonderer Text, ein leiser gregorianischer Gesang oder eine besondere Installation ein Refugium für sorgenvolle Seelen sein kann?

Ich sehe im einfachen Kirchenvolk die vielen Versuche, kreativ zu werden, sich gegenseitig zu stärken, Gebetsketten aufzubauen, einander Gebete zuzuschicken, die mir selbst Trost und Halt geben. Mag es manchmal in noch so hilfloser Form sein, aber für mich ist es ein Zeichen: Ich möchte christliches Leben - so gut ich kann - mitgestalten. In unserem Pfarrgemeinderat in Gerolzhofen ist die Idee „Plaudertelefon - Wir haben Zeit für Sie“ geboren worden: Täglich stehen Frauen und Männer am Abend eine Stunde lang zu einem Gespräch zur Verfügung. Ein Angebot für Menschen, die allein zuhause sind, die keinen Menschen zum Reden haben.

Und oft sind die Kinder dieser Welt klüger als die Kinder des Lichts. Was entdecke ich da alles in den sozialen Medien: wie Menschen sich gegenseitig gute Texte über Whatsapp zuschicken, wie man versucht, sich durch lustige Videoclips ein Lächeln in die Gesichter zu zaubern.

Angebote, die zum Sterben verurteilt sind?

Quo vadis Kirche nach Corna? Bedienst du nach der Corona-Krise wieder nur die klassischen Formate und legst wieder unter Aufbietung der letzten Kräfte Angebote auf, die eh zum Sterben verurteilt sind - oder wirst du ein wenig hellhöriger für das, was Menschen wirklich umtreibt und versuchst du, mag es auch noch so hilflos, aber experimentierfreudig sein, Antworten darauf zu finden?

Quo vadis? Diese Frage Jesu aus der alten Petruslegende geht mir nach. Diesem Petrus sagt Jesus als Auferstandener ganz am Schluss des Johannesevangeliums quasi als fulminanten Höhepunkt nach seiner Frage „Liebst du mich?“ die harten Worte: „Wenn du alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst!“

Als Kirchenmann frage ich mich, ob Jesus heute nicht die gleichen Worte seiner Kirche sagt: Ich führe euch einmal ganz woanders hin als ihr zur Zeit denkt.

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