STADTMUSEUM

Objekte mit ganz viel Geschichte

Dieses Kaffeesieb stellte sich ein Schweinfurter während seiner Kriegsgefagenschaft her. Wegen seiner Feuerwehruniform wurde er 1945 fälschlicherweise von US-Soldaten für einen deutschen Soldaten gehalten.Fotos: Kulturforum
Dieses Kaffeesieb stellte sich ein Schweinfurter während seiner Kriegsgefagenschaft her. Wegen seiner Feuerwehruniform wurde er 1945 fälschlicherweise von US-Soldaten für einen deutschen Soldaten gehalten.Fotos: Kulturforum Foto: Kulturforum

In den Depots der städtischen Sammlungen in Schweinfurt befinden sich zahlreiche Gegenstände, die auf den ersten Blick eher nichtssagend und kaum „ausstellungswürdig“ erscheinen. Sie besitzen weder einen kunsthistorischen Wert noch sind sie ästhetisch besonders ansprechend. Warum sammeln also Museumsmacher derartige Objekte? Im besten Fall lässt sich mit diesen Gegenständen eine Geschichte erzählen: Die Geschichte des Objektes selbst und somit auch die Erfahrungen und Erlebnisse des früheren Besitzers oder der Besitzerin.

Diese oft sehr persönliche Historie kann für Außenstehende einen neuen Blickwinkel auf zeitgeschichtliche Ereignisse und deren Hintergründe eröffnen. Wird ein solches Objekt ausgestellt, vermittelt es den Besuchern einer Ausstellung, dass „Geschichte“ immer im Zusammenhang mit Menschen steht und nicht nur ein abstrakter Begriff ist.

Ein derartiges „sprechendes“ Objekt aus den städtischen Sammlungen ist zum Beispiel eine einfache Holzkiste mit Deckel. Der ehemalige Eigentümer hat darauf seinen Namen und seinen Herkunftsort „Gereuthern in Südböhmen“ vermerkt – das Dorf existiert nach der Vertreibung der Deutschen aus der damaligen Tschechoslowakei heute nicht mehr.

Bei seiner Vertreibung 1945 konnte der Eigentümer diese Kiste samt Inhalt mitnehmen. In ihr befanden sich zahlreiche Werkzeuge, vor allen Dingen Schreinerwerkzeuge, die inzwischen ebenfalls zum Bestand der städtischen Sammlungen gehören. Bei Übergabe der Kiste samt Werkzeuge berichtete die Schenkgeberin, dass sich der Eigentümer damit in der Nähe von Schweinfurt eine neue Existenz aufbauen konnte.

Weitere zunächst eher unauffällige Objekte im Sammlungsbestand sind ein Löffel, ein Messer und ein Kaffeesieb. Diese sind sehr behelfsmäßig aus einfachem Blech gefertigt. Hergestellt wurden diese Dinge von einem älteren Schweinfurter, der Ende des Krieges in Gefangenschaft geriet, weil ihn die Amerikaner fälschlich aufgrund seiner Feuerwehruniform für einen Soldaten der Wehrmacht hielten. In Gefangenschaft durfte er seine Taschenuhr und eine Zange behalten, mit deren Hilfe er sich Utensilien zum Essen anfertigen konnte. Zu dem an die städtischen Sammlungen in diesem Zusammenhang übergebenen Konvolut von Gegenständen gehört außerdem noch ein Gehstock aus Holz, auf dem der Mann die Nummern der Kriegsgefangenenlager, in denen er inhaftiert war, eingeritzt hat.

In den städtischen Sammlungen befinden sich noch zahlreiche weitere „Objekte mit Geschichte(n)“, die im neuen Stadtmuseum natürlich ihren Platz finden sollen. Es werden aber gerne noch weitere „sprechende Objekte“ angenommen. Für das neue Stadtmuseum ist das Kulturforum weiterhin auf der Suche nach Objekten für die Sammlung, auch im Bereich „Spielzeug“. Das Kulturforum-Team wartet mit Spannung darauf, was die Schweinfurter Bürger noch auf ihren Dachböden finden und aus ihren Kellern zum Vorschein bringen so wie die Beispiele.

„Wir suchen Zeugnisse des Schweinfurter Lebensgefühls aus allen Zeiten“, ergänzt Katharina Christ, Leiterin des Kulturforums. Sie geben Einblicke in die Lebenswelt der Bürger und lassen uns die Vergangenheit anschaulich nachempfinden.

Die Corona-Pandemie ist natürlich auch für die Erweiterung der städtischen Sammlungen von Interesse, erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Andrea Mayer. Objekte der Zeitgeschichte zu sammeln, zu erforschen, zu bewahren und auszustellen gehört zu den Kernaufgaben einer musealen Einrichtung. Die Mitarbeiter des Kulturforums möchten daher die Schweinfurterinnen und Schweinfurter dazu auffordern, ihnen Bilder, Fotos, Tagebucheinträge, Briefe und Karten, aber auch selbst gefertigte Mundschutze oder andere Objekte, die sie mit der Corona-Pandemie verbinden, dem neuen Museum zu überlassen, wenn diese nicht mehr benötigt werden.

Von Interesse sind auch die zahlreichen Aushänge und Schilder, die in den Geschäften, Restaurants und anderen Einrichtungen des öffentlichen Lebens auf die durch die Corona-Pandemie bedingte Schließung hinweisen. Aufmunterungen wie liebevoll gepackte Pakete oder Zeichen der nachbarschaftlichen Unterstützung sind ebenso willkommen.

Aufgrund der Beschränkungen wegen der Coronakrise gibt es im Moment keine Termine zur Ablieferung. Allerdings ist das Kulturforum-Team im Friedrich-Rückert-Bau am Martin-Luther-Platz 20 unter Tel. (0 97 21) 51 47 70 erreichbar.

Eine Kiste mit Geschichte. Der frühere Eigentümer brachte sie als Flüchtling nach dem Zweiten Weltkrieg mit, darin war auch Schreiner-Werkzeug. In seiner neuen Heimat Schweinfurt baute er sich eine neue Existenz auf.
Eine Kiste mit Geschichte. Der frühere Eigentümer brachte sie als Flüchtling nach dem Zweiten Weltkrieg mit, darin war auch Schreiner-Werkzeug. In seiner neuen Heimat Schweinfurt baute er sich eine neue Existenz auf. Foto: Kulturforum
Auf dem Gehstock ist vermerkt, in welchen Lagern der Schweinfurter in Kriegsgefangenschaft war.
Auf dem Gehstock ist vermerkt, in welchen Lagern der Schweinfurter in Kriegsgefangenschaft war. Foto: Kulturforum
Auch diesen Löffel stellte ein Schweinfurter während seiner Kriegsgefangenschaft für sich her.
Auch diesen Löffel stellte ein Schweinfurter während seiner Kriegsgefangenschaft für sich her. Foto: Kulturforum

Rückblick

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  3. Wie ein Museum zum Verschiebebahnhof wird
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  39. Objekte mit ganz viel Geschichte
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