Wasserlosen

Porträt: Wenn aus Gedanken Geschichten werden

Dr. Albin Friedrich widmet sich in seinem Ruhestand den Geschichten aus Wasserlosen". 50 hat er schon geschrieben. Wir stellen ihn vor.
Hat das Schreiben für sich entdeckt: Albin Friedrich
Foto: Silvia Friedrich | Hat das Schreiben für sich entdeckt: Albin Friedrich

Wenn man der Pandemie etwas Positives abgewinnen möchte, sind das zum Beispiel kreative Prozesse, die ins Rollen kommen und gewonnene Freiräume. Corona und die einhergehenden Beschränkungen verschaffen vielen Menschen (ungewollt) viel Zeit. Einige betätigen sich handwerklich oder lesen wieder mehr. Andere fangen an zu schreiben. So wie Albin Friedrich aus Oberthulba. Der gebürtige Wasserlosener und Arzt im Ruhestand hat im vergangenen Jahr begonnen, seine Gedanken zu Papier zu bringen. Daraus entstanden viele Geschichten und lustige Anekdoten seiner Kinder- und Jugendzeit, die er teils auch im Dialekt verfasst. Wir haben ihn zu seinem kreativen Schaffen befragt.

Frage: Warum haben Sie gerade in Zeiten von Corona Ihre Leidenschaft zum Geschichten-Schreiben entdeckt?

Albin Friedrich: Vergangenes Jahr habe ich im Februar gemeinsam mit meiner Frau und meinen erwachsenen Töchtern einen Poetry-Slam (Anmerkung der Red.: literarischer Wettbewerb) in Berlin besucht. Da dachte ich mir, das kann ich auch. Da hätte ich auch mitmachen können. Dann kam Corona und der erste Lockdown. Ich hatte auf einmal viel Zeit. Der Kalender war leer. Fasching und Musizieren fielen weg. Dann habe ich mit dem Schreiben angefangen.

Über was haben Sie in Ihren ersten Geschichten geschrieben?

Friedrich: Zunächst waren es Themen aus meinem Alltag, auch im Umgang mit der Pandemie. Als Arzt habe ich auch deutlich Stellung bezogen zu Querdenkern und Corona-Leugnern. Ich habe über mich geschrieben, über das Virus, über die Maskenpflicht. Über die allmählichen Lockerungen usw. Einfach alles, was mich in dieser Zeit beschäftigt hat. Ich schrieb fast täglich. Und so kamen in kurzer Zeit viele Texte zusammen.

Was motiviert und inspiriert Sie?

Friedrich: Natürlich erstmal die freie Zeit. Ohne die gewonnene Zeit im ersten Lockdown hätte ich vermutlich nie angefangen zu schreiben. Das Interessante daran ist: Man beschäftigt sich mit sich selbst, mit seiner Person und der eigenen Vergangenheit. Meine Frau Silvia sagt, sie erfährt jetzt Dinge über mich, die sie vorher nicht gewusst hat. Da fällt mir ein passendes Zitat von Max Frisch ein: "Schreiben heißt: sich selber lesen." Wenn ich eine Geschichte von früher aufschreibe, schwelge ich in Kindheitserinnerungen und empfinde Sehnsucht nach alten Zeiten. Ich bin in Wasserlosen geboren und aufgewachsen. Mit zwölf Jahren ging ich ins Internat nach Münnerstadt. Danach war ich nur noch selten daheim. Und so schrieb ich diese Erinnerungen auf. Zum Beispiel in "Da, wo mei Heimat is" oder in "Dar Wasserlöaser Säa", eine Geschichte über den Wasserlosener Dorfweiher: "In unern Durf hats früher en Säa gawa und dan geits hoit nou. Es wor blos a Pfütscha, awer für uns warsch halt a richtiger Säa und vor allem a dar schüenste Säa, weil es wor weit breit der enziche. Dar wor a sou tief, dass du a do drin hättst dersauf könn, wenn da nit aufgepoast hast. Dar Söa war mitta im Durf gelache und rings drüm rüm warn di ganza Höif voul mit Hosaküh, Soi und Rindviecher."

Wie entsteht eine Geschichte?

Friedrich: Das Thema für eine Geschichte ist oft einfach da. Sie sortiert sich im Kopf. Manchmal dauert das eine ganze Woche. Dann setze ich mich hin und schreibe sie am Computer auf. Immer, wenn ich möchte. Egal, zu welcher Tageszeit. Das braucht Muße und ich muss alleine sein (mit Augenzwinkern auf seine Frau: "Nee, ich hab´ jetzt kee Zeit!"). Für eine Geschichte brauche ich circa 30 bis 45 Minuten.

Im Juli 2020 haben Sie Ihre erste Geschichte im Dialekt veröffentlicht. Was war der Auslöser, in Mundart zu schreiben?

Friedrich: Zuerst habe ich nicht im Dialekt geschrieben. Ich habe gar nicht daran gedacht. Als ich dann die Geschichte "Dar Zwieflplootz" verfasst habe, habe ich gemerkt, dass sich in Mundart Dinge präziser und emphatischer ausdrücken lassen. Auch das Schimpfen geht eleganter. Die Resonanz auf diese Geschichte war so gut, dass ich fortan weitere Dialektgschichtli schrieb. Obwohl ich seit über 30 Jahren in Oberthulba wohne, schreibe ich im Wasserlöaser-Dialekt.

Möchten Sie die Geschichten veröffentlichen?

Friedrich: Ja, online sind sie das bereits. Nachdem ich im Frühjahr vergangenen Jahres innerhalb kürzester Zeit sehr viele Geschichten verfasst hatte, ermutigten mich meine Töchter: "Papa, deine Texte sollten auch andere lesen. Wir richten dir einen Blog ein". Ich spiele auch mit dem Gedanken, ein Büchlein herausbringen. Eventuell eines mit Texten im Dialekt, eines in Hochdeutsch. Aber, diese Idee reift noch. Vielleicht schreibe ich auch mal Geschichten über mein Dasein als Arzt auf.

Apropos Arzt. Sie sind seit 2017 im Ruhestand. Dürfen wir Ihre Meinung zu Corona erfahren?

Friedrich: Ich bin für die Corona-Regeln und -Maßnahmen. Es ist eine wirklich schwere Krankheit, die man ernst nehmen muss und die sich nicht mit der Grippe vergleichen lässt. Covid-19 verursacht schwere Fälle. Zunehmend auch bei jungen Leuten, was auf die Mutationen zurückzuführen ist. Ich kann Leute nicht verstehen, die Corona-Leugner sind. Die Pandemie wird sich im Laufe der zweiten Jahreshälfte abschwächen. Ob ich dann noch Zeit zum Schreiben haben werde, weiß ich nicht. Denn, ich bin ein leidenschaftlicher Musiker und Faschingsnarr.

Bereits über 50 Geschichten enthält Albin Friedrich´s Blog "Geschichten, die der Tag bringt": https://banaloderwichtig.art.blog/

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