GELDERSHEIM

Riesenansturm auf die offenen Höfe

Riesenansturm auf die offenen Höfe

Feueralarm erschallt: erst mit der Trompete, dann per Kurbel-Sirene. Kein Grund zur Panik für die Menschenmassen, die sich am Festsonntag „1250 Jahre Geldersheim“ zwischen Unter- und Oberdorf drängen: Die altehrwürdige Galderschumer Feuerwehr hat alles im Griff und den Kaplan als „15.Nothelfer“ mit dabei: Auch wenn die Kolonne ein wenig an die Altneuhauser Floriansjünger aus „Fastnacht in Franken“ erinnert.

Beherzt werden Wassereimer vom Spritzenwagen zum qualmenden Obergeschoss hinaufbefördert, von den Bewohnern, an zusammengeknoteten Tüchern. Dann eifrig Ponys, Weibli, Räucherwurst und Bierkasten gerettet, das jammernde Frääla beruhigt – und ein aus dem Fenster geworfenes Baby mit dem Sprungtuch aufgefangen: Applaus.

Ein paar kleine Kinder fangen besorgt das Weinen an: Keine Sorge, sie bekommen die Puppe gezeigt. Hinter der chaotischen Gauditruppe verbirgt sich die Galderschumer Theatergruppe: „Wir haben beschlossen, nur eine Aufführung zu machen“, schmunzelt Georg Huppmann, das Gesicht rußig geschminkt. Schließlich will man nur das rustikale Landleben von einst, nicht die moderne, echte Feuerwehr vorführen.

„Der dörfliche Zusammenhalt hier ist unglaublich.“ Diesen Satz bekommt man bei den blumengeschmückten, farbenfrohen „Offenen Höfen“, zwischen 69 Stationen, öfters zu hören. Eine Woche lang wurde aufgebaut, eine eigene Dorfsecurity wachte unter anderem über die Bühne, wo am Samstag Steffi List, Bernhard Schäfers Frankenkids und SunSet aufgetreten sind. Gefolgt von volkstümlichen Klängen am Sonntag, etwa der „Schlapperflicker“.

Mit dem Fundus geliehener oder aufgestöberter Geräte, vom hebelbetriebenen Holzwaschapparat bis zur Wursteindosmaschine, hätte man zu Urgroßmutters Zeiten einen ganzen Baumarkt bestücken können. Eine Kartoffeldämpfkolonne, mit Riesenschornstein, siliert „Grumbern“ für die Schweinemast, eine Mostpresse liefert Soft Drinks a la 1900. Bei Schmittfulls gibt es einen Jauchewagen an der Mistgrube, daneben sitzt die (Stroh-)Oma auf dem Plumpsklo. „Meine Schafwolle ist schon fast weg“, sagt Kirchweihschaffer Winfried Huppmann an der Kirche: der „Dämmstoff“ seiner Schafe ist vor allem für Kopfkissen beliebt.

Ochs am Spieß

Thea Endres steht mit 91 Jahren noch einmal hinter der Theke ihres Tante Emma-Ladens: der befand sich bis 1997 an der Würzburger Straße. Jetzt, an der Mühlgasse, gibt's noch mal Eiskonfekt, wie überhaupt Kulinarisches nicht zu kurz kommt: Ein „Ochs am Spieß“ ist früh verzehrt, das fränkische Hochzeitsessen, gleich neben dem Brautwagen von 1895, ebenfalls ein Besuchermagnet. Amerikanische GIs sind auch da, mit Jeeps, aufmontierter „Recoilless Gun“ („Kanone ohne Rückstoß“), Schokolade und Chewing Gum: Teilweise wird das „Platoon“ auf Englisch angesprochen, obwohl es eigentlich aus Rütschenhausen, von Bernhard Bausenweins „Deutsch-Amerikanischem Nachkriegsmuseum“ angerollt ist. Nicht um Krieg zu spielen, wie ein deutscher Darsteller unterm Vietnam-Helm betont, sondern gemeinsame Vergangenheit lebendig werden zu lassen: Die lockeren Nachbarn von den Conn Barracks zählten lange zum Ortsbild, ihre Militär-Fahrzeuge wurden oft aus saudi-arabischen Schrottbeständen restauriert.

An der „Coconut-Bar“ am Schützengarten stehen zivile „US-Cars“, auch sonst fehlt es nicht an Moped-, Fahrrad- und Bulldogoldtimern.

Erinnerung an 1963

Zur 1200-Jahrfeier marschierten noch gehörnte Germanenkrieger im Festumzug: Von den Feierlichkeiten 1963 berichten Original-Film und Fotos in der Kirchenburg. Bei den Postlern heißt es überm Flaschbier: „Jetzt ist Mittag, jetzt machen wir erstmal Pause“. In der Wirtshausstube (mitten in einer Scheune) geht es am Stammtisch zünftig her, mit Akkordeon und Gesang. Gendarmen fahren „Käfer“ oder Hochrad, schon in den Zwanzigern gab es eine Rotkreuzkolonne. Alfred Popp zeigt Fotos zur lokalen Firmen- und Vereinsgeschichte, etwa der Brauereien.

Der Andrang im Sonnenschein ist enorm, auf den Wiesen an den Zufahrtsstraßen drängen sich Autos wie bei einem Rockfestival. 12 000 Besucher lautet die Prognose, am Ende schätzt die Feuerwehr, dass 20 000 Gäste den Weg an den Biegenbach gefunden haben. „Allein bei unserer Trachtenausstellung haben wir 700 Besucher gezählt, mit Strichen“, sagt Wilfried Brust vom Verein für Heimat- und Brauchtumspflege, der zudem seine Kindertanzgruppe ins Rennen schickt. Im Bauernmuseum der Gaden ging sogar eine Glasvitrine zu Bruch: durch die Vibrationen des Ansturms.

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