Schweinfurt

Schaurig schöne stille Wasser im Theater

Das Puppentheater Cipolla aus Bremen brachte den Untergang des Hauses Usher auf die Bühne des Schweinfurter Theaters.
Szenenbild aus 'Der Untergang des Hauses Usher' nach Edgar Allan Poe.
Foto: Benjamin Eichler | Szenenbild aus "Der Untergang des Hauses Usher" nach Edgar Allan Poe.

Wer sich im öden und trüben Oktoberabend nach etwas Besserem sehnte und sich ins Theater begab, landete in tiefster gruseliger Novemberstimmung bei der Puppentheateraufführung der Bühne Cipolla. Und das war gut so, denn wie sonst selten wächst tiefe Dankbarkeit aus den einfachen Dingen, wie dem Funktionieren der Heizung zuhause und dem festen Dach über dem Kopf.

Der Untergang des Hauses Usher hieß das Stück, das Sebastian Kautz und Gero John in Koproduktion mit dem Theater Duisburg und dem Metropol Ensemble mit nach Schweinfurt brachten, nach gleichnamigem Text von Edgar Allan Poe, erschienen im Jahr 1839. Der verspricht ja bereits Grusel, Mystik, Schaurigkeit. Aber auch Poesie, Schönheit, Zärtlichkeit. Und vor allem gab es meisterliches Können der Akteure.

Sebastian Kautz agierte auf der Bühne mit den Masken, mit den Puppen so, dass eine Verschmelzung der Körper stattzufinden schien, da klammerten sich Finger um ein Gitter, da tanzten die schönen Beine von Magdalena ihren letzten Tanz, da streichelten klamme Finger über das Gesicht des Freundes, da brachte eine gehörnte Ratte den Tod … sehr schaurig.

Sehr verfallen, degeneriert, krank, düster

Der Freund besucht Roderick, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hat, zuhause im Anwesen des alten Adelsgeschlechts Usher. Alles sehr alt, sehr verfallen, degeneriert, krank, düster und unheimlich. Dennoch glitzert noch Gold und Silber aus den Fetzen, die das Haus bedeuten. Roderick sieht aus, als wäre er schon tot. Aber er lebt und äußert sich: "Meine Gedanken sind von so hilfloser Traurigkeit!"

Warum sollte man sich so ein Stück antun? Weil sich der Mensch nun mal auch gerne gruselt? Das reicht in diesem Fall nicht, denn da gibt es noch mehr gute Gründe.

Erstens: Das Haus Usher kann als Parabel auf die Ängste um das Haus Europa gelesen werden. Letzteres scheint ja noch relativ gut in der Welt zu stehen, aber ist das Fundament nicht schon wacklig und verrottet? Fressen nicht schon die Gräuel des Kolonialismus, der Ausbeutung, der hemmungslosen Gier und der Geschlechterhierarchie an den stabil erscheinenden Pfeilern?

Zweitens: Wenn jeder Mensch männliche und weibliche Anteile in sich trägt, wie ausbeuterisch gehen wir mit uns selbst um, wie inzestuös und gewalttätig? Wächst nicht aus diesem Dilemma die Angst, das Leben nicht leben zu können? Tut sich da nicht ein Blick auf in die "nie gestörten stillen Wasser des Teiches?" Edgar Allan Poe bringt in klarster Sprachschönheit außerdem mit den Fragen nach der Beseeltheit der Dinge ganz aktuell auch unser Verhältnis zur Natur auf den Tisch bzw. auf die Bühne: "Das Physische hat Einfluss auf die Psyche", und das Stück zeigt, wie sich im Kampf gegen die Angst ein Mensch komplett zerlegen kann.

Aus Tod und Verfall wächst die Kraft der Freundschaft

Drittens: Lehrt nicht jede wirklich gute Geschichte, dass die Menschen letzten Endes nur in solidarischer Zusammenarbeit vorankommen? In freundschaftlichem Miteinander? Im Streben nach Wissen und Wahrheit? So auch hier auf der Bühne: Aus Tod und Verfall wachsen Erkenntnis, Zärtlichkeit, Schönheit und die Kraft der Freundschaft.

Gero John, mit auf der Bühne im Maskenspiel, brachte die musikalische Begleitung ein, er sorgte mit Violoncello, E-Cello, Keyboards und Wavedrum dafür, dass die intellektuelle Abwehr sehr schnell verschwand, im Bann des Spiels. Melanie Kuhl war für die zauberhaften Puppen und Masken, für die Kostüme und den ebenso schlichten wie authentischen Bühnenbau mitverantwortlich.

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