Schweinfurt

Schweinfurterinnen diskutieren: Was macht Corona mit uns?

Das ver.di-Frauenfrühstück findet online statt. Und zeigt in vielen Beispielen, wie Pandemie, Lockdown und Beschränkungen sich besonders auf Frauen auswirken
Transparente und Klatschen als Dankeschön für Pflegekräfte und Verkaufspersonal, wie hier in Würzburg,  waren im ersten Lockdown an der Tagesordnung. Mehr Geld , bessere Bedingungen, haben die Menschen aber nicht bekommen. Das war ein Thema beim ver.di-Frauenfrühstück. 
Foto: Patty Varasano | Transparente und Klatschen als Dankeschön für Pflegekräfte und Verkaufspersonal, wie hier in Würzburg,  waren im ersten Lockdown an der Tagesordnung.

Wirkt Corona wie ein Brennglas? Werden in der momentane Lage Probleme, Missstände sichtbar, die schon immer da waren? Oder sind die Probleme durch die Pandemie entstanden? Kathi Petersen stellt die Frage an den Anfang des ver.di-Frauenfrühstücks.

Nach gut eineinhalb Stunden engagierter Diskussion – online natürlich – ergeben die Beobachtungen und Einschätzungen der Frauen, die in Schulen, Kitas, sozialen Einrichtungen, Gewerkschaften, Betriebsräten, dem Frauenhaus oder im Pflege/Medizinbereich arbeiten, ein deutliches Bild. Die Pandemie ist ein Brennglas. Sie offenbart Defizite und Versäumnisse. Und trifft die hart, die nicht privilegiert sind. Alleinerziehende. Menschen, die wenig verdienen. Familien, die eng aufeinander leben müssen. Und vor allem Frauen, die zusätzlich zu allem jetzt noch Homeschooling  stemmen müssen. Oder mit einem 450-Euro-Job kein Kurzarbeitergeld bekommen.   

"Viele Frauen drehen am Rad" 
Heide Wunder, Frauenbeauftragte der Stadt Schweinfurt

Familie und homeoffice: "Viele Frauen drehen am Rad", sagt Heide Wunder, die Frauenbeauftragte der Stadt. Zehn-, Zwölf-Stundentage seien keine Seltenheit. Kinder, Schule, sind ein großes Thema in der Runde. Lehrerin Jutta Rösch erzählt, dass sie und ihre Kollegen den Distanzunterricht mit eigenen Geräten jeweils von zuhause aus machen müssen. In der Schule wäre das technisch nicht möglich, Dienstgeräte gibt's keine. Ihre Erfahrung: man merke den Kindern genau an, ob ihre  Eltern die Kraft und die Möglichkeit haben, sie zu unterstützen. Den Kindern und Jugendlichen fehle vor allem der Austausch miteinander. "WhatsApp ist das kein Ersatz." Die nächsten Wochen werden noch hart, sagt sie.  Marion Both engagiert sich in der Hausaufgabenhilfe. Ihre Beobachtung: "Auch engagierte Eltern und kluge Kinder stoßen an ihre Grenzen." 

Kathi Petersen, SPD-Stadträtin, und Moderatorin Marietta Eder, stellvertretende ver.di-Bezirksgeschäftsführerin, sehen auch hier den Brennglas-Effekt.  Man habe versäumt, die Schulen zu digitalisieren. Und die Lehrer entsprechend auszustatten. "Wir haben das schlicht verpennt", so Eder. Es sei an der Zeit, Bildung als gesellschaftliche Aufgabe zu sehen, meint Kathi Petersen. Heißt: den Kindern Kompetenzen vermitteln. Nicht für Noten pauken.

Tarifvertrag für Altenpflege scheiterte

Schnell kommt das Gespräch auf die Pflege. "Es gab viel Applaus im Sommer. Aber wir kriegen nichts dafür", fasst Marietta Eder die Stimmung zusammen. Ein bundesweit geltender Tarifvertrag für die Altenpflege scheiterte am Veto der Caritas. Die Diakonie stimmte dann gar nicht mehr darüber ab. Die Bedingungen in der Pflege seien oft schwierig. Manche Arbeitgeber waren so nicht bereit, die verlangten Corona-Tests als Arbeitszeit anzurechnen. 

Sabine Dreibholz, fachliche Leiterin des Frauenhauses, sieht in ihrem Bereich auch Veränderungen durch Corona. Die Zahl der telefonischen Beratungen stieg, es zogen aber weniger Frauen in das Frauenhaus. Es sei schwer, eine Flucht zu planen, wenn der Aggressor den ganzen Tag daheim sei, vermutet sie. Sie und ihre Kolleginnen beobachten auch, wie schwierig es ist, dass Anlaufstellen nicht mehr persönlich erreichbar sind, Begegnungsmöglichkeiten wegfallen oder Angebote wie Sprachkurse.  

Zum Schluss kommt die Frage auf, was Corona für Auswirkungen auf die Demokratie haben wird. "Menschen, die sich abgehängt fühlen, gehen nicht zur Wahl", glaubt Kathi Petersen. Oder sie wählen AfD, befürchten mehrere aus der Runde. 

Persönliches Fazit nach dem online-Frühstück: Es gibt viele Probleme, die Corona offen gelegt hat. Geht man sie endlich an, kann die Krise vom Brennglas zur Chance werden. Geht man sie nicht an, kann man ja wieder Pflegepersonal beklatschen. Und sich wundern, warum es so schwer ist, Leute zu finden, die in diesem Bereich arbeiten wollen.    

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