SCHWEINFURT

Sie zelebrieren die Kunst der Stille

Mit einem besonderen Bonbon versüßte Christian Kreppel den Schweinfurter Theaterfreunden das „drohende“ Ende der Spielzeit: Durch das Gastspiel von Alexander Neander und Wolfram von Bodecker und ihr „Visual Theater“ feierte die etwas vergessene Kunst der Pantomime ein glanzvolles Comeback. Die beiden Schüler und Erben des großen Marcel Marceau (1923 - 2007) standen noch mit ihm zusammen auf der Bühne und verzauberten das Publikum mit ihrem brillanten Können, mit ihrer Kunst der Stille: mit Geschichten über gescheite und gescheiterte Menschen, ihre Wünsche und Träume. Manchmal erkennen wir uns darin wieder – déja vu?

Wären wir nicht gern mal ein Weltklasse-Pianist? In „Inspiriert van Beethoven“ setzt sich ein schwarz gewandeter Künstler an einen imaginären Flügel, ordnet die Noten, lockert die Hände, genießt die Aufmerksamkeit des Publikums. Ein kurzer Wahn – erst jetzt betritt der Star die Bühne, verweist den Notenumblätterer an seinen Platz. Der begehrt gegen sein Schicksal auf, mit vielen Tricks und Gags sabotiert er das Spiel des Meisters, ein Beethoven-Klavierkonzert.

Neander und Bodecker verknüpfen gekonnt Mienenspiel und Körperbewegungen, Kreativität und Improvisationskunst, integrieren Clownerie, Slapstick und Elemente des Schwarzen Theaters (Der Zauberlehrling). Ihre Geschichten sind heiter, vergnüglich, besinnlich, mitunter tragisch. Doch fast immer enden sie versöhnlich: Sind die Darsteller anfänglich auch Kontrahenten, zum Schluss setzen sie sich ganz dicht zusammen, lächeln einander verstohlen zu.

So auch in „Rendezvous“. Der Mann mit der Baskenmütze (Bodecker) wartet auf seine Angebetete. Er ist aufgeregt, hat sich vorsorglich einige Gesprächsnotizen gemacht. Der Zylinder (Neander) tritt dazu, spielt den Erfahrenen, gibt dem Wartenden absichtlich schlechte Ratschläge. Sie kommt. Der Schüchterne hält sich an die vergifteten Tipps, für ihn wird das Rendezvous zum Fiasko. Galant springt der falsche Freund ein, ein Handkuss da, ein Tänzchen da. Doch plötzlich schickt er das Mädchen fort: Prustend vor Lachen sitzen die beiden Kavaliere auf der Bank und feiern ihr kleines Abenteuer.

„Nach dem Tod Marcel Marceaus gab es wirklich erst mal eine große Pause“, bestätigt Wolfram von Bodecker meine Frage. „Aber die Kunst der Pantomime ist längst wieder im Aufwind, das haben wir bei unseren Gastspielen in über 30 Ländern festgestellt. Alle Generationen entdecken voller Freude die Faszination dieser Theaterform neu. Wahrscheinlich erfüllt unser Kontrastprogramm zur lauten Welt ja das Bedürfnis des Publikums nach Stille“.

Im „Der kleine Vogel“ streiten sich zwei alte Männer im Park, wer beim Vogelfüttern die meisten Tiere anlockt. Dann gilt ihre Aufmerksamkeit einem reglosen kleinen Vogel. Gemeinsam versuchen sie, ihn wiederzubeleben – mit Mund-zu-Mund-Beatmung und Elektroschock. Und er fliegt tatsächlich davon – die beiden Rettungssanitäter sind jetzt ein Herz und eine Seele.

In „Zimmer 204“ besucht ein Arzt eine Seniorin, um sie zu behandeln. Sie vertraut ihm ihren kostbarsten Schatz an: eine Schallplatte mit der von ihr gesungenen Melodie „J'attendrai“. Nach ihrem Tod – ein geöffnetes Fenster – wechselt die Schallplatte an ihren Erben. Doch der gibt sie nach kurzem Zögern zurück an den überglücklichen Arzt. Solche Szenen lassen sich hier nur unzureichend beschreiben: Sie leben weniger von der Handlung als vom Gefühl, atmen schlichte Menschlichkeit und erobern Herz und Seele.

„Im Caféhaus“ entwickelt sich eine wüste Verfolgungsjagd zwischen Gast und Kellner, durch die Titelmusik von „Mission: Impossible“ noch überhöht. Auch „Straßenmusikanten“, „Versuchung“ und die Zugabe „Musette von Bach“ begeistern das Publikum. Dessen Riesenbeifall und Bravorufe signalisieren den Gästen aus Berlin: bitte wiederkommen. Manfred Herker

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