Von Fischer bis Staab - Architektur in Schweinfurt

Architekturführer Schweinfurt: Der AIV hat eine Publikation über gute moderne Bauten erarbeitet – Vorstellung im Mai

Nach Schweinfurt fahren, der Architektur wegen? Zugegeben, das ist bislang eher ein Insider-Tipp. Noch immer klebt das Image der grauen Industriemaus an der Stadt. Die Einheimischen freuen sich zwar über die sanierten Altstadtgebiete, den Bauten aus dem 20. Jahrhundert schenken aber nur wenige einen Blick – allenfalls den prominenten wie Kunsthalle, Theater oder Ensemble Museum Georg Schäfer, Hauptzollamt, Ebracher Hof. Dabei gibt es in Schweinfurt aus dem vergangenen Jahrhundert gute Architektur von namhaften Architekten wie Theodor Fischer, Paul Bonatz, Heinrich Zierl, Roderich Fick, Fred Angerer, Erich Schelling, Olaf Andreas Gulbransson und später von Volker Staab und dem Büro Bruno, Fioretti, Márquez. Ihnen und ihren beeindruckenden Gebäuden widmet der Architekten- und Ingenieurverein Schweinfurt (AIV) eine Publikation.

Der Architekturführer wird am 22. Mai vorgestellt. Der Verein setzt hohe Erwartungen in das Heft. Es soll nicht nur ein Stadtführer für Bewohner und Besucher sein, die Architekten sehen es auch als Dokumentation eines wichtigen Abschnitts der Stadtentwicklung, als Beitrag zur Stadtgeschichte und sie hoffen, dass die Gebäude beispielhaft für künftige Planungen sein können. Weil der AIV die Kosten von etwa 19 000 Euro nicht alleine schultern konnte, suchte er Sponsoren. Insgesamt 13 000 Euro Spenden kamen zusammen, Hauptunterstützer war die Kulturstiftung der Stadt, die 6000 Euro gab.

„Schweinfurt hat sich in den letzten 15 Jahren durch den Strukturwandel sehr verändert und steckt auch weiterhin in einem Wandlungsprozess, in dem die Architektur eine wesentliche Rolle spielt“, sagt Martin Matl, stellvertretender Diözesanbaumeister in Fulda und einer der Organisatoren des Projekts, neben Ursula Sauer-Hauck, Reinhold Jäcklein und Werner Küntzel. Die Anstrengungen um qualitätvolles Bauen hätten bereits mit der Industrialisierung begonnen, auch das werde die Publikation zeigen. Schweinfurt definiere sich als moderne Industrie- und Kulturstadt. Der Architekturführer soll dieses Profil schärfen und eine Diskussion über neue und bestehende Bauten anregen.

Das Heft wird in einer Auflage von 3000 Stück im Taschenbuchformat erscheinen. Es konzentriert sich zwar auf die Architektur zwischen 1945 und 2010, aber auch die Zeit davor wird behandelt. Die Kunsthistorikerin Anett Matl schrieb einen Essay über die Entwicklung der Stadt bis etwa 1850. In dieser Zeit wurde der erste Bahnhof gebaut, ein Ereignis, das quasi die Moderne einläutete. Mit den folgenden 100 Jahren Architekturgeschichte hat sich Suse Schmuck auseinandergesetzt. In Schweinfurt ist der Name der Architekturhistorikerin bekannt, weil sie leidenschaftlich, aber vergeblich für den Erhalt des Alten Krankenhauses gekämpft hat. Dieses hervorragende Beispiel für die Architektur der Neuen Sachlichkeit wird ein Thema sein.

Folgend einige Beispiele aus dieser Zeit, die erhalten sind: Von Theodor Fischer die Villa Wirsing, um 1908 erbaut. Von Paul Bonatz die Friedenschule (1904–1908), der Verwaltungsbau für Fichtel & Sachs (1931–33) und – zusammen mit seinem Schwiegersohn Kurt Dübbers – das Willy-Sachs-Stadion (1934–36). Von Roderich Fick das Ernst-Sachs-Bad (1931–33) und ein Wohnhaus am Löhlein und von Heinrich Zierl das bereits erwähnte Alte Krankenhaus (1929–30).

Im Hauptteil werden rund 40 beispielhafte Gebäude vorgestellt, die zwischen 1950 und 2012 realisiert wurden. Autoren sind Martin Matl und Werner Küntzel, der ehemalige Chef des Schweinfurter Hochbauamtes. Darunter sind natürlich so repräsentative Gebäude wie das Theater von Erich Schelling und das Museum Georg Schäfer von Volker Staab. Aber auch das Neue Rathaus, das Fred Angerer ganz bewusst als schlichtes Statement gegen das Alte Renaissance-Rathaus gesetzt hat, gehört unbedingt dazu.

Der Münchner Architekt Angerer hat auch die Schweinfurter Schullandschaft entscheidend geprägt mit drei Bauten, deren außergewöhnliche Licht-Konzeption bis heute beispielhaft ist: Olympia-Morata-Gymnasium, Walther-Rathenau-Schulen und Fachhochschule. Ein aktuelles Beispiel für nachhaltige und gleichzeitig höchst ästhetische Architektur ist das Landesamt für Statistik von kunz + manz architekten aus Würzburg.

Spannende Vergleiche lässt ein Blick auf die moderne Kirchenarchitektur zu. Vorgestellt werden etwa die Auferstehungskirche am Bergl, die Olaf Andreas Gulbransson 1959 geschaffen hat und die seit 2004 unter Denkmalschutz steht, und St. Kilian von 1953 mit dem großen Fenster von Georg Meistermann. Ein Beispiel für einen guten zeitgenössischen Bau ist das Gemeindehaus Kreuzkirche in Oberndorf von Reinhold Jäcklein. Auch auf „kleine Edelsteine“ will der Architekturführer den Blick richten. Dazu zählt die Sparkassenfiliale in der Carl-Orff-Straße, deren Fassade der Künstler Gustl Kirchner wie eine Skulptur gestaltet hat.

Den Autoren geht es um Qualität und sie stellen sich auch der Frage, wie die zu messen sei. So befördert die Arbeit an der Publikation auch die Diskussion unter den Mitgliedern des AIV. Denn wie bei Mode, Musik oder Literatur verändert sich auch in der Architektur der Geschmack. Was lange als hässlich galt, wie beispielsweise das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium, ist für einen Architekten wie Martin Matl ein spannendes Gebäude, das den Zeitgeist der 1970er-Jahre widerspiegelt.

Termine des AIV

Der Architekturführer wird am 22. Mai, 19 Uhr, in der Kunsthalle vorgestellt. Im Lauf der nächsten Jahre wird der AIV eine Reihe von Veranstaltungen zu Themen aus dem Architekturführer anbieten. Die Vortragsreihe über bekannte Architekten wird am 20. März fortgesetzt. Manfred Voigt, stellvertretender Direktor des Architekturmuseums Frankfurt, hält einen Vortrag über Paul Bonatz. Beginn 19 Uhr, Kunsthalle. Im April ist eine Führung auf den Spuren von Paul Bonatz geplant.

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