SCHWEINFURT

Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt

Auf den Spuren der großen Diven des frühen Tonfilms: Anja Gutgesell in der Kulturwerkstatt Disharmonie.
Foto: Waltraud Fuchs-mauder | Auf den Spuren der großen Diven des frühen Tonfilms: Anja Gutgesell in der Kulturwerkstatt Disharmonie.

Im vollbesetzten Saal der Disharmonie entführten die Sopranistin Anja Gutgesell und Klaus Feldner am Flügel das Publikum in die Welt der Film-Schlager der 30er und 40er Jahre. Untrennbar sind diese Evergreens mit ihren legendären Interpretinnen verbunden – Zarah Leander, Marlene Dietrich, Marika Rökk, Lilian Harvey. Anja Gutgesell schlüpfte gekonnt in die verschiedenen Rollen und blieb sich doch treu – kopieren will sie diese Ikonen der Tonfilmzeit nicht.

Die am Mainfrankentheater in Würzburg engagierte Sängerin hat eine große, wohlklingende Stimme mit beeindruckendem Umfang, schauspielerisches Talent und – Temperament für mindestens drei Sängerinnen. So fesselte sie ihr Publikum fast zwei Stunden lang mit bekannten Schlagern „längst vergang'ner Zeiten“.

Zarah Leanders „Heute abend lad ich mir die Liebe ein“ war das Leitmotiv für die Lieder von Friedrich Hollaender, Robert Stolz, Michael Jary aus noch bekannten oder auch vergessenen Filmen. Sie spiegeln den damaligen Zeitgeist, pendeln zwischen Walzer und Swing, sind frech, gelegentlich frivol und immer qualitätvoll. Über die pure Lust an der Nostalgie hinaus können diese Songs auch heute noch packen, wenn sie so lebendig, mit ein bisschen Augenzwinkern, interpretiert werden. Dazwischen moderierte Anja Gutgesell witzig, charmant und informativ. So erlebte das Publikum auch eine Zeitreise in die deutsche Geschichte des Unterhaltungsfilms vor und während der NS-Diktatur, während der Kriegszeit.

Es ging Schlag auf Schlag, gab keinen Leerlauf. Lieder der großen Diva Zarah Leander zogen sich wie ein roter Faden durch den Abend, dabei traf Gutgesell den tiefen, eigentlich ja unnachahmlichen, fast männlichen Alt der Leander auf den Punkt. Bei „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“ aus dem „Weißen Rössl“ wurde schon eifrig mitgesungen und gesummt, ein schöner Klangteppich für die Sopran-Spitzentöne. Ebenso untermalte das Publikum „Ich kauf dir einen bunten Luftballon“. Zarte, leicht melancholische Lieder wechselten mit temperamentvollen Ausbrüchen.

Dass Marika Rökk noch mit 70 einen Spagat vorführen konnte, ließ die attraktive Sängerin nicht auf sich sitzen und legte nach „Ja, das Temperament“ gleich einen solchen auf die Bühne. Bei den Koloraturen des „Toujours l'amour“ aus dem „Ball im Savoy“ von Paul Abraham war dann Puccinis Musette aus „La Boheme“ gar nicht mehr weit.

Das trotzige „Davon geht die Welt nicht unter“ und als Höhepunkt „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ ließen das Publikum in Bravos ausbrechen. Anja Gutgesell meisterte das weite Spektrum der Stile der gar nicht so leichten Muse. Klaus Feldner am Flügel spielte sich nie in den Vordergrund und war ein feinsinniger, engagierter Begleiter – auch das ist ja eine große Kunst.

Nur der Sauerstoffmangel war schließlich der Grund, dass das begeisterte Publikum die Künstler nach „nur“ drei Zugaben ziehen ließ. Ein gelungener Abend, Unterhaltung auf höchstem Niveau. Thomas Fritz

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