Schweinfurt

Warum auch Fußball-Profis zum Controller greifen

Das Fußball-Regionalliga-Derby zwischen dem FC 05 Schweinfurt und der SpVgg Bayreuth fiel der Corona-Krise zum Opfer. Nun wurde es nachgeholt - an der Konsole.
Schon beim Warm-Up konzentriert: Der Schweinfurter Lamar Yarbrough holte im virtuellen Derby einen Punkt.
Schon beim Warm-Up konzentriert: Der Schweinfurter Lamar Yarbrough holte im virtuellen Derby einen Punkt. Foto: Dominik Großpietsch

"Derbysieger, Derbysieger, hey, hey!" Für einen kurzen Moment fühlt man sich wie in der Zuschauermenge, die zusammen mit einem Einheizer auf dem Zaun einen wichtigen Erfolg feiert - doch die drei Mann, die das rufen, sind nicht im Stadion. Lamar Yarbrough, Emir Bas und Pius Krätschmer stehen Corona-regelkonform weit von einander weg und haben Masken auf. Die drei Fußball-Profis des derzeitigen Regionalliga-Zweiten FC 05 Schweinfurt sind in der Geschäftsstelle am Schweinfurter Graben und haben dort etwas vollbracht, das immerhin eine Randnotiz in der Vereinschronik werden könnte: Sie haben soeben die SpVgg Bayreuth mit 3:2 besiegt, an der Konsole - bei einem so genannten E-Sports-Match.

Doch sind sie richtige Derbysieger? Manch eingefleischter Fußball-Fan wird das verneinen, die Statistik zeigt jedoch, dass es immer mehr Menschen gibt, die ihren Lieblingssport gern virtuell betreiben - vom Sofa aus, meist an einer der verschiedenen Konsolen. Und es gibt auch welche, die dabei gern zuschauen, was mithilfe von Streaming-Diensten wie "Twitch" ohne großen Aufwand klappt. 2018 hatten laut einer beim Online-Statistik-Dienst Statista einsehbaren Erhebung 19 Prozent von 2014 Befragten schon mal ein E-Sports-Duell gesehen. Die Tendenz steigt, viele rechnen damit, dass der Markt rund um diese Art des Spielens größer wird. Schließlich gibt es, vor allem in den USA, große Turniere, bei denen schon 2017 ein Gesamtpreisgeld von 121 Millionen Dollar ausgeschüttet wurde. 

"Weil unsere Spieler gerne zocken und man in der Krise neue Wege gehen muss, sind wir auf die Idee gekommen, das Spiel online auszutragen."
Wladimir Slintchenko über das Zustandekommen des Online-Matches

Zahlen, Daten und Fakten interessieren an diesem Abend jedoch nicht. Gut eine halbe Stunde vor dem Spiel sind die FC-05-Mitarbeiter Wladimir Slintchenko, Jessica Oldenburger, Daniel Caspari und Marcel Kühlinger noch dabei, Kabel zu bändigen, die Programme zu starten und die Übertragung zu testen - schließlich soll alles perfekt sein für das Derby, das eigentlich am 9. Mai im Willy-Sachs-Stadion hätte steigen sollen. "Wegen Corona ist das Ganze ja abgesagt worden. Weil unsere Spieler gerne zocken und man in der Krise neue Wege gehen muss, sind wir auf die Idee gekommen, das Spiel online auszutragen - auch als Ersatz für die Fans. Weil wir die Bayreuther gut kennen, ließ sich das gut machen", erklärte Ex-Bayernliga-Verteidiger Slintchenko.

Ein besonderes Kommentatoren-Duo hält die Zuschauer bei Laune

Doch ein Fußballspiel ist nichts ohne das passende Drumherum. So wird kurz vor Beginn der aus Schweinfurt stammende Fußball-Kommentator Marcel Seufert von München aus zugeschaltet, um die Matches mit FC-05-Publikumsliebling Andreas Binner zu kommentieren. Nebenbei brutzeln Bratwürste auf dem virtuellen Grill - und die Zuschauer können Tickets kaufen, die Lose sind - unter anderem gab's ein Trikot der Nullfünfer zu gewinnen. "Es ist mir eine große Ehre, dieses Spiel zu kommentieren". Ersatzkeeper Binner strahlt, auch wenn's natürlich ungewohnt ist, Knöpfe im Ohr statt Handschuhe über den Händen zu haben. Grußbotschaften von Spielern wie Benjamin Demel oder Stefan Seufert, die für beide Klubs am Ball waren, flimmern über den Bildschirm, bevor vier Mann mit dem Controller statt mit dem Ball auf Torejagd gehen - im Eins-gegen-Eins.

Anpfiff! Werder Bremen, ein grün gekleidetes Team, gegen Wolverhampton in orangenen Trikots. Bis in die vierte Liga geht's beim verwendeten Fifa-20-Spiel nicht, also müssen die beiden Erstligisten herhalten. Dort, wo sich FC-05-Coach Tobias Strobl und die Spieler vor den Matches den Fragen der Journalisten stellen, sitzt nun Torhüter Binner vor den Bildschirmen und haut seine Mitspieler mitunter auch mal in die Pfanne - virtuell natürlich. "So kann man echt nur reingehen, wenn man noch wichtige Termine hat", ruft er nach einer Grätsche von "Lukas Billick".

Die Kommandozentrale: Torhüter Andreas Binner (rotes Trikot) kommentierte die Matches zusammen mit Marcel Seufert (auf dem Bildschirm).
Die Kommandozentrale: Torhüter Andreas Binner (rotes Trikot) kommentierte die Matches zusammen mit Marcel Seufert (auf dem Bildschirm). Foto: Dominik Großpietsch

Nicht nur Yarbrough, Krätschmer, Bas und der aus Saarbrücken zugeschaltete Aaron Frimpong Manu müssen da schmunzeln. Den Zuschauern, von denen in der Spitze 1000 gleichzeitig zuschalten, gefällt das auch. Nachdem Yarbrough gegen Ivan Knezevic ein 2:2 erkämpft hat, Manu (2:0 über Christoph Fenninger) und Bas (8:1 gegen Edwin Schwarz) ungefährdete Siege eingefahren haben, steht's trotz der 0:2-Niederlage von Krätschmer gegen Sven Kopp fest: Die Schweinfurter, die zwischendurch schon für Interviews vor der Kamera saßen, sind der erste virtuelle Derbysieger. Da fallen die kritischen Fragen dann doch - ausnahmsweise - mal weg. 

Binners Trikot wird versteigert

"Wir haben uns von zu Hause aus zusammengeschaltet und auch mal bei mir in der WG trainiert. Es war nicht klar, was uns erwartet, ich kannte die Fähigkeiten der Bayreuther an der Konsole nicht", meinte Yarbrough, während sein Teamkollege Krätschmer die Chance nutzte, hernach Stürmer Stefan Maderer zu loben. "Er war mein härtester Trainings-Gegner, er hat's schon drauf. Ich fand es sehr cool, sich in dieser für uns doch ungewohnten Situation mal ablenken zu können." Ob es eine Fortsetzung gibt, ist offen - die Profis sind nicht abgeneigt.

Das gilt auch für die Fans: Als Binners rotes Trikot am Folgetag auf einer Auktions-Plattform quasi in die Menge geworfen wurde, griffen die Supporter zu. Bis Donnerstagnachmittag stieg das Höchstgebot auf 201 Euro. Auch ein Zeichen, dass früher viel anders, aber nicht unbedingt nur besser war...

Die Feinmotorik ist gefragt: An der Konsole zählt - wie auf dem Feld - die Reaktionsschnelligkeit.
Die Feinmotorik ist gefragt: An der Konsole zählt - wie auf dem Feld - die Reaktionsschnelligkeit. Foto: Dominik Großpietsch

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