Schweinfurt

Warum Willy Sachs kein Ehrenbürger Schweinfurts mehr sein soll

Am 1. Dezember wird in der Stadtratssitzung darüber entschieden, ob Willy Sachs die Ehrenbürgerwürde posthum entzogen wird. Welche Positionen die Parteien haben.
Den Entzug der Ehrenbürgerwürde für Willy Sachs und die Umbenennung des von ihm 1936 gestifteten Stadions fordert eine Initiative von acht Parteien und Wählergruppen im Stadtrat.
Foto: Bayerischer Turnverband | Den Entzug der Ehrenbürgerwürde für Willy Sachs und die Umbenennung des von ihm 1936 gestifteten Stadions fordert eine Initiative von acht Parteien und Wählergruppen im Stadtrat.

Die Forderung, dem 1958 gestorbenen Unternehmer Willy Sachs posthum die Ehrenbürgerwürde zu entziehen, gibt es seit Jahren von der Initiative gegen das Vergessen. Grund ist sein umstrittenes Wirken während des Nationalsozialismus. Nun sieht alles danach aus, dass es dazu kommt. Die SPD-Stadträtin Julia Stürmer-Hawlitschek und ihr Ratskollege Adi Schön von den Freien Wählern haben gemeinsam einen Antrag an den Oberbürgermeister formuliert, Sachs die Ehrenbürgerwürde zu entziehen, das von ihm 1936 gestiftete Stadion umzubenennen und eine Infotafel aufzustellen, die die Gründe erläutert.

Die sind aus Sicht von Stürmer-Hawlitschek und Schön völlig klar: "Willy Sachs war kein Vorbild, er war Täter, kein Mitläufer", so die SPD-Stadträtin. Aus Sicht von Adi Schön ist vor allem aufgrund der Veröffentlichungen der Historiker Wilfried Rott und Andreas Dornheim in den vergangenen Jahren klar geworden, dass es Zeit ist, die Konsequenzen zu ziehen, auch wenn der Zweite Weltkrieg vor 75 Jahren zu Ende ging.

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Was die beiden Stadträte besonders freut, ist die breite Unterstützung, die sie mit ihrem Ansinnen im Gremium erfahren haben. Unterschrieben ist der Antrag, der am 1. Dezember in der nächsten Stadtratssitzung behandelt werden soll, von Vertretern von acht Parteien und Wählergruppen – von CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Freie Wähler, Linke, FDP, proschweinfurt und Zukunft./ödp.

Willy Sachs, der einzige Sohn von Ernst Sachs, Gründer der Firma Fichtel & Sachs, die seit 2001 zum ZF-Konzern gehört, bekam die Ehrenbürgerwürde im Juli 1936 vom damaligen von den Nationalsozialisten eingesetzten Oberbürgermeister Ludwig Pösl und dessen nicht demokratisch gewähltem Stadtrat verliehen. Grund war die Stiftung des Willy-Sachs-Stadions, das am 23. Juli 1936 eingeweiht wurde.

Willy Sachs (rechts) in SS-Uniform mit Franz Freiherr von Epp, dem Statthalter der NSDAP in Bayern.
Foto: Fotoarchiv Sachs | Willy Sachs (rechts) in SS-Uniform mit Franz Freiherr von Epp, dem Statthalter der NSDAP in Bayern.

Sachs "war ein Nationalsozialist aus Überzeugung", schrieb der Historiker Andreas Dornheim in seinem 2015 erschienenen Buch "Mobilität und Motorisierung. Eine Unternehmensgeschichte" über die Firma Fichtel & Sachs. Er listet über viele Seiten detailliert das Handeln von Willy Sachs während des Nationalsozialismus auf und beweist, warum dieser heute eben nicht als Mitläufer sondern als überzeugter Nationalsozialist gesehen werden muss, der sich nicht nur mit hochrangigen Parteifunktionären wie Hermann Göring, Heinrich Himmler oder Reinhard Heydrich umgab, sondern "aus dem roten einen braunen Betrieb" machen wollte, wie Dornheim schreibt.

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Die Beweise für die Ausbeutung der versklavten Zwangsarbeiter nicht nur in den Werken von Fichtel & Sachs während des Zweiten Weltkrieges sind ebenfalls gut belegt, nachlesbar unter anderem entlang des von der Initiative gegen das Vergessen vor neun Jahren eingeweihten "Lagerweg" in Oberndorf.

Stadion-Umbenennung wird von allen Beteiligten befürwortet

Für die CSU, so Klaus Rehberger, war mitentscheidend, dass Willy Sachs zum einen von einem demokratisch nicht legitimierten OB und dessen Stadtrat zum Ehrenbürger ernannt wurde. Der Vorschlag, das Stadion zukünftig "Sachs-Stadion" zu nennen, sei ein guter, so Rehberger. Der frühere Leiter der Wilhelm-Sattler-Realschule betont, im Unterricht lehre man über die Gräueltaten der Nationalsozialisten: "Wenn man über das Stadion spricht, muss man sagen, dass, wer mit Sport im Zusammenhang steht, ein Vorbild sein muss, und das war Willy Sachs auf keinen Fall."

Internationale Automobilausstellung 1937. Willy Sachs erklärt Adolf Hitler die Produkte seines Unternehmens.
Foto: Fotoarchiv Sachs | Internationale Automobilausstellung 1937. Willy Sachs erklärt Adolf Hitler die Produkte seines Unternehmens.

Julia Stürmer-Hawlitschek, Geschichtslehrerin am Celtis-Gymnasium, sieht das auch so. "Es ist unsere Aufgabe, die Kinder über die Stadtgeschichte aufzuklären und ein Bewusstsein bei der Jugend zu schaffen." Dieses Bewusstsein und aktive Überzeugungsarbeit bei der Bevölkerung, warum Willy Sachs kein Ehrenbürger sein sollte, fordert SPD-Fraktionsvorsitzender Ralf Hofmann. Er ging in den vergangenen Tagen wie andere Kollegen auch mit gutem Beispiel voran, denn in sozialen Medien war die Stimmung mancher Nutzer nicht unbedingt positiv dem Ansinnen der Stadträte gegenüber.

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Für Grünen-Fraktionssprecher Reginhard von Hirschhausen ist vor allem das Dornheim-Buch wichtig: "Daraus ergibt sich, dass Willy Sachs politisch, charakterlich und als Werksleiter nicht als Vorbild geeignet ist." Für seine Fraktionskollegin Barbara Mantel ist auch die Informationstafel am Stadion zur Begründung für die Umbenennung wichtig als Zeichen dafür, zwischen der Rolle von Willy Sachs und dem Wirken der Firma und Familie zu unterscheiden.

Ulrike Schneider (Zukunft./ödp) sieht "ein bisschen Gerechtigkeit", denn es gebe "keine gute Zukunft ohne Aufarbeitung der Vergangenheit." Linken-Fraktionsvorsitzender Frank Firsching hält ebenfalls "die Zeit für reif, diesen Schritt zu gehen." Willy Sachs habe mit seiner Firma stark von der Kriegsproduktion profitiert, sich einer Ideologie verschrieben, "die am Ende die Stadt zerstört hat."

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