Gernach

Weihbischof Boom: Kirche war für mich nie ein Traumschiff

Warum ich (nicht) aus der Kirche austrete (letzter Teil der Serie): Weihbischof Ulrich Boom schildert, was ihn auf seinem Glaubensweg geprägt hat, was ihm Glauben bedeutet.
Weihbischof Ulrich Boom spricht im Interview über seinen Glauben.
Foto: Thomas Obermeier | Weihbischof Ulrich Boom spricht im Interview über seinen Glauben.

Einen Weihbischof zu fragen, warum er in der katholischen Kirche bleibt und nicht austritt, ist ungewöhnlich. In früheren Zeiten hätte man dieses Ansinnen vielleicht sogar als "ungebührlich" bezeichnet - schließlich geht man ja selbstverständlich davon aus, dass ein Weihbischof nicht dran denkt, aus der Kirche auszutreten. Aber es war doch interessant, von Ulrich Boom zu hören, was ihm die Kirche bedeutet. Dieses Interview ist zugleich der Abschluss der kleinen Serie, in der junge und ältere Menschen Auskunft darüber gaben, warum sie aus der Kirche ausgetreten sind oder bleiben. 

"Die Kirche ist oft ein leckes Boot."
Weihbischof Ulrich Boom
Frage: Herr Weihbischof, ganz allgemein: Was bedeutet Ihnen Ihr Glaube ?

Ulrich Boom: Ich bin in ein katholisches Milieu hineingeboren worden. Meine Familie war katholisch und das Dorf, in dem ich groß wurde, war katholisch geprägt. Ich war Ministrant, als Jugendlicher bei den Pfadfindern, im Kirchenchor und in vielfältiger Weise in der Kirche aktiv. Kirchliches Leben hat mich vom Kindesalter an bis zum Erwachsenwerden geprägt. Für die Erlebnisse der Gemeinschaft, für all das, was ich bei den Pfadfindern, im Kirchenchor an Gemeinschaft, aber auch an Glaubenserfahrungen erleben durfte, bin ich dankbar. Kirche war für mich aber nie ein Traumschiff. Die Kirche ist oft ein leckes Boot. Aber mir ist ein beschädigter Kahn auf hoher See lieber, als ein Traumschiff in den Wolken.

Was hat sich an Ihrer Art des Glaubens verändert im Lauf Ihres Lebens?

Boom: Ans Christkind habe ich nie geglaubt. Geschenke brachte nicht das Christkind, sondern der Hl. Nikolaus. Ein gütiger Pastor und der Großvater mütterlicherseits haben im Blick auf den Glauben positiv auf mich gewirkt. Großvater war Küster an einer Kilianskirche im Sauerland. Ich durfte ihm manchmal helfen. Ihm verdanke ich wohl die tiefere Beziehung zur Kirche und zum Hl. Kilian. Als Kind hätte ich nie gedacht, wie nah die Beziehung zu dem Frankenapostel einmal werden würde. Und Würzburg lag damals für mich in einer fernen Welt.

Ein Lehrer und Chorleiter in meinem Heimatort Alstätte hat meinen Blick geweitet in der Zeit des Erwachsenwerdens. Er war weltoffen, und es war spürbar, dass er aus seinem Glauben lebte. Es war die Zeit des 2. Vatikanischen Konzils und später der Würzburger Synode, Zeiten des Aufbruchs und der Veränderung. Da haben wir viel diskutiert. Dass ich an dem Ort, wo die Synode stattfand, dann einmal Dompropst sein würde, wer hätte das gedacht!

Weihbischof Ulrich Boom: Der frühe Tod eines Freundes hat ihn zeitweise an Gott und seiner Führung zweifeln lassen. 
Foto: Thomas Obermeier | Weihbischof Ulrich Boom: Der frühe Tod eines Freundes hat ihn zeitweise an Gott und seiner Führung zweifeln lassen. 
Gab es auch negative Erlebnisse auf Ihrem Glaubensweg, mit Personen oder Ereignissen?

Boom: Wir hatten einen Vikar, ein strenger Religionslehrer. Der hat mich einmal in den Senkel gestellt, weil wir in der Familie eine lutherische Bibel hatten. Aber ich hatte Eltern mit einem weiten ökumenischen Herzen. Die haben sich hinter mich gestellt, erklärt, warum wir diese Bibel hatten. Dann war das nicht mehr so schlimm.

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Gab es auch Krisen, die Sie haben zweifeln lassen an Ihrem Glauben?

Boom: Gewiss. Besonders erinnere ich mich an den Tod eines guten Freundes. Er starb an einem Tumor im Rückenmark. Er war damals 22 Jahre alt. Sein Tod hat mich sehr getroffen und mich zeitweise an Gott und seiner Führung zweifeln lassen.

Wie leben Sie Ihren Glauben?

Boom: Gemeinsame Gottesdienste haben mein Leben geprägt und sie haben mir Halt gegeben. Das gilt noch heute. Gern denke ich an die Maiandachten als Kind und später als Priester an die Feiern der Hl. Messe auf den Bergen. Aber auch das ganz schlichte Dasein in der Kirche, die einfache Messe, das stille Gebet. Dies gibt mir Kraft.

"Glauben geht nicht ohne Gemeinschaft."
Weihbischof Ulrich Boom
Gibt es für Sie jemanden, der Ihnen für Ihr geistliches Leben besonders wichtig ist?

Boom: Ein geistliches Vorbild ist für mich der selige Priester Charles de Foucauld. Sein Werdegang mit seiner Suche nach Gott sind für mich immer wieder beeindruckend. Seine Liebe zu den Armen und sein Vertrauen, dass Gott in unserem Alltag gegenwärtig ist, sind mir immer wieder Ansporn, mich um die Menschen zu kümmern, die in Not sind, und mir die Anwesenheit Gottes in meinem Alltag bewusst zu machen. Er durfte dies in der Stille und in kleinen Gemeinschaften erfahren. Wie er, sind auch wir Suchende und nur Gast auf Erden. Glauben geht nicht ohne Gemeinschaft. Die kann aber sehr verschieden sein: die Familie, die Jugendgruppe, die geistliche Gemeinschaft.

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Wo haben Sie diese Gemeinschaft erlebt?

Boom: In der Kindheit hat mich die Wallfahrt nach Kevelaer geprägt und später waren es die Wege nach Santiago, der Pilgerweg zum damaligen Ende der Welt. Diesen Weg bin ich häufiger gegangen, schon zu Zeiten, als der Run nach Santiago nicht so groß war wie jetzt. Es freut mich aber, dass Pilgern immer mehr Zuspruch findet - Pilgerwege sind ja ein beeindruckendes Bild für den Lebensweg.

Weihbischof Ulrich Boom: 'Die Kirche sollte nicht so viel Angst um sich selber haben.' 
Foto: Thomas Obermeier | Weihbischof Ulrich Boom: "Die Kirche sollte nicht so viel Angst um sich selber haben." 
Ein Einblick in Ihre vielfältigen Aufgaben in der Kirche wäre sicher für unsere Leser interessant...

Boom: Als Jugendlicher war ich im ersten Pfarrgemeinderat unserer dörflichen Pfarrgemeinde. Er hieß damals Pfarrkomitee; die Pfarrgemeinderäte wurden ja erst im Gefolge des 2. Vatikanischen Konzils eingerichtet. Die Gremien haben sich gegenüber der damaligen Zeit geändert. Heute bin ich zum Beispiel Mitglied im Diözesanpastoralrat unseres Bistums und in der Konferenz der deutschen Bischöfe. All diese Gremien gestalteten und gestalten mein Glaubensleben in den jeweiligen Zeitabschnitten.

"Gottes Hände sind oft Menschen Hände."
Weihbischof Ulrich Boom
Wo hat der Glaube in Ihrem persönlichen Leben eine Bedeutung, wie erfahren Sie die "Hilfe Gottes"?

Boom: Ich versuche so zu leben, dass ich in jedem Menschen Gott sehe. Das ist nicht immer leicht. Aber Gott ist in jedem Menschen gegenwärtig. Bei der Firmung verneige ich mich gern vor dem Gefirmten. Ich habe ihm gesagt: "Du wirst gesalbt, um Christus ähnlich zu sein." Es steht also immer Christus vor mir. Gott kommt mir entgegen in den Menschen. Hilfe aus heiterem Himmel habe ich wohl nie erfahren. Eher, wenn der Himmel verhangen war, durfte ich erfahren, dass ich gehalten und getragen bin. Gottes Hände sind oft Menschen Hände.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, dass die Kirche wieder auf mehr Akzeptanz stößt?

Boom: Die Kirche sollte nicht so viel Angst um sich selber haben und Christus in die Mitte stellen. Wir verwechseln oft die Reihenfolge. Sprechen zuerst von der Kirche, dann von Gott und der Welt. An erster Stelle stehen aber Gott und der Mensch, an dritter, vielleicht sogar erst an vierter oder fünfter Stelle steht die Kirche. Sie ist Vehikel, dass Gott zum Menschen und der Mensch zu Gott kommt. Schlüsselwort aller Erneuerung ist die Nachfolge Christi.

Zur Person: Weihbischof Ulrich Boom

Weihbischof Ulrich Boom stammt aus Ahaus/Altstätte (westliches Münsterland in Nordrhein-Westfalen). Am 25. Februar 1984 wurde er von Bischof Paul-Werner Scheele zum Priester geweiht. Er war seit acht Jahren Pfarrer von Miltenberg, als ihn am 6. Dezember 2008 Papst Benedikt XVI. zum Weihbischof ernannte. Die Bischofsweihe durch Bischof Friedhelm Hofmann empfing Boom am 25. Januar 2009. Wenige Tage später wurde er zum Dompropst ernannt. Für die Zeit der Vakanz bis zur Weihe und Amtseinführung von Bischof Dr. Franz Jung war er Diözesanadministrator.
Der Weihbischof unterstützt den Diözesanbischof in der Ausübung der Weihehandlungen. Dazu gehören zum Beispiel die Spendung des Sakraments der Firmung oder die Weihe von Altären und Orgeln. Zudem unterstützt er den Bischof bei Visitationen.
Das Amt des Weihbischofs hat sich im 13. und 14. Jahrhundert entwickelt. Immer mehr Bischöfe wurden damals aus dem Orient vertrieben und im Abendland als Aushilfen mit bischöflichen Weihehandlungen beauftragt. Seit dieser Zeit ist jeder Weihbischof auch Titularbischof einer dieser untergegangenen Diözesen. Weihbischof Ulrich ist Titularbischof von Sulletto in Nordafrika.
Quelle: Diözese Würzburg
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