Schweinfurt

Wenn Geschichte hörbar wird

herman de vries hat den Gedenkort für Zwangsarbeiter auf dem früheren Gelände der Barackenlager in Oberndorf konzipiert.
Foto: Hannes Helferich | herman de vries hat den Gedenkort für Zwangsarbeiter auf dem früheren Gelände der Barackenlager in Oberndorf konzipiert.

Seit 2011 erinnert der Gedenkort „Drei Linden“ auf dem früheren Lagergelände „Mittlere Weiden“ im Stadtteil Oberndorf an die über 10 000 Frauen und Männer aus vielen europäischen Ländern, die während der Nazi-Diktatur in Schweinfurt zur Arbeit gezwungen wurden. Zu dem vom Künstler herman de vries (Eschenau) konzipierten Erinnerungsplatz führt ein Lagerweg, der an den Orten der damaligen Werkslager für Zwangsarbeiter vorbeiführt.

Auf sieben Tafeln wird über die jeweiligen Hintergründe in Text und Bilder informiert.

Neben Text und Bild jetzt auch Hörfassungen am Lagerweg

Seit Februar 2016 gibt es nun auch Hörfassungen, die via QR-Codes vor Ort zu hören sind. Die Audioguides hat das P-Seminar Musik des Olympia-Morata-Gymnasiums erstellt. Der Historische Verein würdigte diesen modernen Umgang mit der Historie mit dem mit 500 Euro dotierten Schulpreis 2017. Die Preisübergabe durch Vorsitzenden Uwe Müller erfolgte Ende letzter Woche in der Kunsthalle.

Das P-Seminar eröffnete die der Jahreshauptversammlung vorgeschaltete Feier mit einem sehr trefflich ausgewählten Musikstück: Einem russischen Tango. Viele der Zwangsarbeiter waren aus der früheren UdSSR. Die Melancholie der Tangomusik passte, die Projektleiterin Andrea Lettowsky (Geige) und die Schüler Franziska Rebhan (Posaune) und Johannes Weber (Trompete) eindrucksvoll in die Ausstellungshalle legten.

Vom Gedenkort geht eine animierende Ausstrahlung aus

Lettowsky selbst nannte es „ungewöhnlich“, dass sich ein Musik-Seminar mit einem solchen Thema beschäftigt, und dafür auch noch den Preis eines Historischen Vereins erhält. Gleichwohl sei das „eine große Ehre“, sagte die OMG-Lehrerin. Die schlimmen Geschehnisse damals seien zunächst „nur Geschichte“. Diese hätten die Musik-Schüler im P-Seminar „zum Klingen bringen wollen“, beschrieb sie die Herangehensweise. Durch diese moderne Form der Darstellung hätten die jungen Leute Zugang zu den schrecklichen Ereignissen bekommen.

Animierend habe dabei vor allem der von hermann de vries geschaffene Gedenkort mit seiner „tollen Ausstrahlung“ gewirkt. Lettowsky hob auch die akribische Recherchearbeit der Initiative gegen das Vergessen hervor, die nötig gewesen sei, um Gedenkort und Lagerweg überhaupt realisieren und schaffen zu können. Sie dankte dem für die Initiative anwesenden Sprecher Klaus Hofmann für die „tolle partnerschaftliche Zusammenarbeit“ bei der Realisierung des Schülerprojekts.

Die Musik-Seminaristen hatten sich bei der Erstellung ihrer Hörstücke an den sieben Tafeln am Lagerweg orientiert. Der achte Audioguide befasst sich mit dem Tod der im März 1945 kurz vor Kriegsende von Nazis ermordeten polnischen Zwangsarbeiterin Zofia Malczyk, an die dauerhaft zu erinnern am Tatort nahe dem Leopoldina 2007 ein Stein gesetzt wurde.

Vier der acht Projekt-Abiturienten waren zur Preisvergabe gekommen. Sie präsentierten dem Auditorium zwei der acht Hörstücke über die Schicksale der Zwangsarbeiter, die vor allem in der Schweinfurter Industrie von 1943 bis 1945 eingesetzt waren.

Zum einen das Hörstück über Malczyk, in dem die Gedanken der jungen, schwangeren Zwangsarbeiterin fiktiv nachgespielt werden. Unterlegt mit bedrückender Musik, die die Schüler selbst einspielten. Zum zweiten das Hörstück „Gefangen“, das die Tafel drei am Lagerweg nun ergänzt. Es handelt von den Zügen, in denen Zwangsarbeiter verschleppt wurden, den Baracken, in denen sie zu überleben versuchten. Sie waren aber – gefangen. „Es ist besser zu sterben, als hier wie eine Sklavin zu leben“, lässt Autorin Franziska Rebhan eine Zwangsarbeiterin mit einem nachgesprochenen Zitat zu Wort kommen.

Sämtliche Geräusche, bis auf einen einmal eingespielten Bombenangriff, haben sich die Autoren selbst überlegt und umgesetzt: Klapperndes Geschirr, die Arbeit in der Fabrik, Gebrüll und Schreie. Die Arbeit, die hinter dem Projekt steckt, ist enorm. Sie hat sich gelohnt.

Die Audioguides sind als Ergänzung der von der „Initiative“ verantworteten Tafeln am Lagerweg gedacht. Die QR-Codes weisen deshalb auf die Autorenschaft des OMG-Seminars hin. Den Preis spendete ein Mitglied des Vereins, das ungenannt bleiben will.

Wie funktioniert der QR-Code?

Für Smartphones gibt es QR-Scanner als kostenlose Programme, unter anderem auf der Seite http://beste-apps.chip.de Ist das Programm installiert, mit dem Smartphone die QR-Codes fotografieren. Die App stellt die Verbindung zur Homepage des OMG her mit Links zu einem virtuellen Speicher (Dropbox), über den die Audioguides abrufbar sind.

Den Schulpreis des Historischen Vereins Schweinfurt erhielt heuer das P-Seminar Musik des Olympia-Morata-Gymnasiums für die Erstellung von Hörguides für den Zwangsarbeiter-Lagerweg. Bei der Übergabe in der Kunsthalle (von links) Vorsitzender Uwe Müller, Projektleiterin Andrea Lettowsky, die Schüler Franziska Rebhan, Johannes Weber, Julia Ziegler, Andreas Hartmann und OMG-Chefin Edith Kaminski.
Foto: Vladimir Budin | Den Schulpreis des Historischen Vereins Schweinfurt erhielt heuer das P-Seminar Musik des Olympia-Morata-Gymnasiums für die Erstellung von Hörguides für den Zwangsarbeiter-Lagerweg.
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