Rannungen

Wenn Menschen eine neue Heimat finden

Fränkischer Apache: Johnny Scott und seine Tochter Schelley entführten in die Welt der Indianer.
Foto: Ursula Lux | Fränkischer Apache: Johnny Scott und seine Tochter Schelley entführten in die Welt der Indianer.

Es gibt wohl kaum mehr eine Veranstaltung, in der zurzeit nicht auch das aktuelle Flüchtlingsthema zur Sprache kommt. Der Interkulturelle Tag der Allianz Schweinfurter Oberland lud geradezu dazu ein, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Und so eröffnete Allianzsprecherin Birgit Göbhardt das Abendprogramm mit einer Brandrede.


„Hören Sie nicht auf all die bösen Worte, davon dass wir von Flüchtlingen überschwemmt würden oder unsere Kultur verlören“, warnte sie. Diese Parolen seien „schlichtweg falsch“ und „völliger Wahnsinn“. Es sei eine Bereicherung, fremde Kulturen einzuladen, betonte die Üchtelhäuser Bürgermeisterin, das zeige dieser Abend. Mit einer Willkommenskultur schaffe man die Integration der Flüchtlinge, denn nur, wenn man die Menschen an die Hand nehme, könne man ihnen auch die eigenen Werte und Normen vermitteln. „Machen Sie den Mund auf, wenn Dumpfbacken Parolen brüllen, die längst Vergangenheit sein sollten“, forderte Göbhardt.


Die Bundeskanzlerin zitiert

„Wehret den Anfängen“, forderte sie und schloss sich den Worten Angela Merkels an: „Wenn wir uns jetzt noch für unsere Willkommenskultur entschuldigen müssen, dann ist das nicht mein Land.“

Es war der vierte Interkulturelle Tag des Schweinfurter Oberlandes. Er fand diesmal in der jüngsten Oberlandgemeinde statt. Seit Juli 2012 ist die Allianz mit den Orten Maßbach und Thundorf landkreisübergreifend, seit einem knappen Jahr ist auch Rannungen dabei und Allianzmanagerin Julia Hafenrichter und ihr Team wählten gleich die jüngste Allianzgemeinde als Veranstaltungsort. Deren Bürgermeister Fridolin Zehner betonte ebenfalls, wie wichtig eine solche Veranstaltung in dieser Zeit sei. Es gelte, „Ängste abzubauen angesichts des Reichtums anderer Kulturen“.


Buddhistische Meditation

Und so tauchten schon die rund 50 Kinder am Nachmittag in andere Welten ein und ließen sich unter anderem auf eine buddhistische Meditation ein. Anziehungsmagnet für die Jüngsten aber war, wie in jedem bisherigen Jahr, der Tisch des fränkischen Apachen Johnny Scott. Lederbeutel, Federschmuck, Perlenarmbänder, Trommeln aus Schildkrötenpanzern und vieles mehr ließ Indianerträume wahr werden.


Träume, die Scott vor seinem traditionellen Indianertanz zumindest für die Erwachsenen auf realistische Füße stellte und zeigte, dass die Geschichte der ursprünglich friedlichen Apachenstämme alles andere als friedlich verlief, als erst die Spanier und später US-Amerikaner ihr angestammtes Gebiet besetzten. Scott kommt aus New Mexico, wo noch zwei der insgesamt neun Apachenstämme angesiedelt sind.


Was es heißt, die Heimat zu verlassen und in einer zweiten Heimat sesshaft zu werden, was es bedeutet, hier in Deutschland „Russe“ zu sein, wo man doch in Russland „der Deutsche“ war, das zeigte die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland mit ihrer Ausstellung.

 

Die Landsmannschaft kam nicht nur mit ihrem Landesvorsitzenden Ewald Oster. Der hatte seine Musikgruppe, die drei Akkordeonspieler der Tri Bajana und die Sopranistin Margarita Afanasjev dabei und gestaltete die ersten musikalischen Beiträge des Abends.


Eindrucksvoller Film

Mit dem Thema Flucht und Vertreibung hier und heute beschäftigte sich ein eindrucksvoller Film des staatlichen Berufsschulzentrums Alfons Goppel. „Von Menschen, die auszogen…“ dokumentiert die Situation von Asylbewerbern in Deutschland und macht deutlich, dass diese, auch wenn der Film märchenartig erzählt, alles andere als märchenhaft ist. „Und wenn sie noch nicht abgeschoben sind, dann warten sie noch heute“, heißt es am Ende und das lässt eine gewisse Betroffenheit bei den Zuschauern zurück.


Shelley Scott entführte die Anwesenden in die geheimnisvolle Welt Indiens und verzauberte ihr Publikum mit einem selbst einstudierten indischen Tanz. Die junge Frau ging in ihrem Tanz auf, das war auch zu spüren, als sie den Jingles-Dance der Apachen aufführte. Ihr Vater Johnny Scott erklärte die Bedeutung des Tanzes.


Danach träumte die todkranke Tochter eines Häuptlings von einem Kleid mit 365 Glöckchen. Jedes der Glöckchen stand für ein Gebet, jeden Tag im Jahr. Mit einem solchen Kleid, das für die junge Frau genäht wurde, tanzte sie sich gesund. Bis heute ist der Jingles-Dance ein Heilungstanz. Schelley tanzte ihn ganz bewusst für einen bei einem mit dem Motorrad verunglückten Freund. Die vielen Jingels für ihr Gewand hat sie selbst aus Dosendeckeln gerollt und ans Kleid genäht.


Erstmals dabei war die Ausstellung von Katharina Weissenberger mit afrikanischen Gegenständen. Und ebenfalls eine Uraufführung im Rahmen des Interkulturellen Tages gab der Wetzhäuser Chor Injili. Deren Gotteslob auf Deutsch und Suaheli riss die Zuschauer buchstäblich von den Stühlen. „Musik, die ins Herz geht“, versprach Ulrike Koch-Zimmermann und hatte damit nicht übertrieben. Schon beim ersten Lied brachte der Chor nicht nur die Bühne zum Beben, sondern auch die Zuschauer in Bewegung. Als Koch-Zimmermann dann ein Loblied ankündigte, das „einem den Poppes hochreißt“, gab es kein Halten mehr.


Mit Friedrich Schillers Gedicht „Sehnsucht“, das deutsch, ungarisch und russisch vorgetragen wurde, gab es noch einmal Anklänge an die aktuelle Situation. „Du musst glauben, du musst wagen, denn die Götter leihn kein Pfand, nur ein Wunder kann dich tragen in das schöne Wunderland.“

Blick nach Frankreich

Den Blick über die französische Grenze hinaus öffnete das Partnerschaftskomitee Maßbach-Cingal, das diesen französischen Ort in der Normandie buchstäblich schmackhaft machte.


Hafenrichter und ihr Team haben wieder einen abwechslungsreichen Tag gestaltet, unterstützt wurden sie dabei vom Musikverein Rannungen, der internationale Küche bot, und den Kindergarten, der die Kaffeebar ausrichtete.

Es gab einen einzigen Wermutstropfen bei dieser Veranstaltung: Sie hätte Platz für viel mehr Besucher gehabt und diese auch verdient.
Alles verwenden: Auch aus Schildkrötenpanzern lassen sich Trommeln machen, zeigt Apache Johnny Scott.
| Alles verwenden: Auch aus Schildkrötenpanzern lassen sich Trommeln machen, zeigt Apache Johnny Scott.
Faszination: Nicht nur die Gummibären, auch die Indianertänze nahmen selbst die jüngsten Besucher in ihren Bann.
| Faszination: Nicht nur die Gummibären, auch die Indianertänze nahmen selbst die jüngsten Besucher in ihren Bann.
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