SCHWEINFURT

Wie die Tafel in Schweinfurt Corona trotzte

Das Vorbereitungsteam im Schweinfurter Tafelladen – mit Maskenpflicht: Vorsitzender Ernst Gehling, Irene Pfaff, Helene Herzog, Doris Zier, Evi Gehr–Holländer und Tafel-Pionier Horst Wacker (von links).
Das Vorbereitungsteam im Schweinfurter Tafelladen – mit Maskenpflicht: Vorsitzender Ernst Gehling, Irene Pfaff, Helene Herzog, Doris Zier, Evi Gehr–Holländer und Tafel-Pionier Horst Wacker (von links). Foto: Hannes Helferich

Der Tafelladen im größten Schweinfurter Stadtteil Bergl öffnet – wie jeden Werktag außer Mittwoch – auch an diesem Donnerstag im Juli um 14 Uhr. Aber schon um 11 Uhr sind die ersten Kunden da, warten vor der Tür. Olga, 58 Jahre alt und Sozialhilfeempfängerin, kommt so rechtzeitig, „um sicherzugehen, dass noch was da ist“, sagt sie. Und das obwohl die Tafel garantiert, dass auch kurz vor Ende der jeweils zweistündigen Ausgabe um 16 Uhr „jeder noch was kriegt“, sagt Vorsitzender Ernst Gehling.

Die erste Tafel ist 1993 in Berlin, der Dachverband Tafel e.V. 1995 gegründet worden. Die Tafel Schweinfurt gibt es seit 2003. Die Wärmestube der Diakonie und der Brotkorb der Michaelskirche im Krankenhaus Sankt Josef hatten den Bedarf nicht mehr abgedeckt.

Heute gibt es deutschlandweit 940 Tafeln mit mehr als 2000 Tafel-Läden und Ausgabestellen, über 60 000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer engagieren sich. In Schweinfurt sind es rund 160. „Erschreckend, dass über 1,6 Millionen Menschen regelmäßig die Hilfe der Tafel in Anspruch nehmen müssen“, sagt Gehling.

Die erste Ausgabestelle befand sich vor 17 Jahren in der Apostelgasse. Lebensmittel wurden nur samstags ausgegeben. Es kamen damals 37 Abholer. Mit so vielen hatte man gar nicht gerechnet. Die Bäckerei Zimmermann und der Marktkauf waren die ersten Geber. Beide sind noch immer dabei. Die erste Großspende waren 13 Paletten Lebensmittel der Firma Kühne aus Sennfeld im Landkreis Schweinfurt.

Platzmangel zwang noch im Gründungsjahr zweimal nacheinander zu Umzügen. Dann fand die Tafel im Stadtteil Oberndorf die notwendig gewordene größere Bleibe. Einige Firmen verhalfen damals auch zum ersten Fahrzeug, einen gebrauchten Kastenwagen.

Die Zahl der Nutzer stieg schnell weiter – auf 450 Berechtigte. Zum Glück auch die der Mitglieder und Ehrenamtlichen. Oberndorf platzte deshalb rasch wieder aus allen Nähten, am Bergl wurde man fündig. Seit 2008 ist die Brombergstraße der Standort, wegen der Größe mit Laden, Lager und Innenhof ein „Glücksfall“, sagt Horst Wacker. Der 79-Jährige ist fast von Anfang an dabei. Den Justiz-Oberamtsrat animierte kurz nach seinem Eintritt in die Altersteilzeit 2005 ein immer mal gesichtetes Tafel-Fahrzeug zum Mitmachen. „Es ist für mich eine Aufgabe und schön, wenn man helfen kann“, sagt Wacker, heute als einer der fünf gleichberechtigten Vorstände für das Ladengeschäft zuständig.

Gehling und Wacker nennen die Tafel ein mittleres Unternehmen, das zu lenken eine tägliche Herausforderung ist. Die bisher größte war und ist aber Corona.

Wegen der Pandemie musste die Tafel im März erstmals seit der Gründung schließen. „Wir wollen einerseits denjenigen helfen, denen es nicht so gut geht und die die Unterstützung der Tafel brauchen, andererseits müssen wir aber auch unsere Helfer schützen“, beschreibt Gehling die „Zwickmühle, in der wir uns befanden“.

Hier kommt die Diakonie ins Spiel: Unter den vielen Menschen, die ihre Bereitschaft zur spontanen Mithilfe zugesagt haben, war auch eine Gruppe junger Flüchtlinge, die – aufgebaut vom Diakonie-Migrationsberater Steven Henze – die Wiedereröffnung der Tafel zum 1. April nach zehn Tagen Zwangspause erst möglich gemacht hat.

Eine große Rolle spielten zwei weitere Aspekte: Zum einen die Signale der Abholstellen, dass sie weiterhin Lebensmittel zur Verfügung stellen können und wollen. Und das von den Tafel-Verantwortlichen gestrickte Sicherheits- und Hygienekonzept.

Drei Brüder aus Euerbach (Landkreis Schweinfurt) halfen spontan und installierten im Verkaufsraum Plastik-Trennwände, Fußballer aus Gehlings Stammverein Freie Turner Schweinfurt sperrten die Straße ab und markierten für zirka 120 Personen mögliche Warteplätze, um vor und im Laden die Mindestabstände zu ermöglichen. Man startete außerdem mit weniger Personal, auch um die vorgeschriebene Distanz einhalten zu können. Die Helfer, die die Lebensmittel abholen, waren in den Tafelfahrzeugen alleine unterwegs. Und natürlich: Maskenpflicht für alle, Helfer und Kunden.

Es klappte. Schon im Mai konnten die im April noch reduzierten Öffnungszeiten behutsam erhöht werden, seit Anfang Juli ist – unter Einhaltung der weiterhin geltenden Corona-Regeln – fast wieder Normalbetrieb. Viermal pro Woche ist der Laden am Bergl von 14 bis 16 Uhr geöffnet, nur samstags bleibt er weiterhin geschlossen, möglicherweise für immer, „mal schauen wie wir damit zurechtkommen“, sagt Gehling.

Lebensmittel kriegt, wer einen Berechtigungsschein hat. Den erhält, wer seine Bedürftigkeit gemäß den Auflagen der „Hartz-IV“-Gesetze oder dem Sozialgesetzbuch II nachweist. Die Scheine sind verschiedenfarbig markiert und werden von Diakonie und Caritas ausgegeben. Vor Corona war es so, dass beispielsweise Gelb die Lebensmittelausgabe von 14 bis 14.30 Uhr bedeutete. Es folgten im 30-Minuten-Rhythmus die Farben Blau, Schwarz und Rot. Es werden so Wartezeiten vermieden.

Aktuell werden aus Sicherheitsgründen an einem Tag (nur) zwei Farben bedient, täglich wechseln diese, um den Kunden zweimal wöchentlich einen Einkauf zu ermöglichen. Die Woche darauf ändert sich die Reihenfolge.

Die Lebensmittelspenden der Tafel Schweinfurt e.V. erleichtern wöchentlich rund 1100 Erwachsenen und 750 Kindern das Leben. Insgesamt sind aktuell knapp 4500 Personen berechtigt, für einen symbolischen Einkaufspreis von drei Waren über die Tafel zu beziehen: Gemüse, Obst, Tee, Kaffee oder Essig, Süßigkeiten und mitunter ein Eis, das oft zur Freude der Mädchen und Jungs, die ihre Mütter begleiten.

Noch ein paar Zahlen: 35 Märkte, acht Bäckereien und die Marktbäuerinnen sind die regelmäßigen Anbieter von Lebensmitteln. Die beiden Tafel-Fahrzeuge sind im Jahr gut 40 000 Kilometer unterwegs, einmal um die Welt, Spritkosten rund 10 000 Euro. Die muss die Tafel durch Spenden selbst finanzieren. Immer mal wieder erhält die Tafel vom Bundesverband oder der hiesigen Industrie Sonderlieferungen, zuletzt oft palettenweise Lebensmittel in Dosen.

Die Ehrenamtlichen leisten pro Jahr 6500 Stunden. Zirka 300 Tage im Jahr sind sie aktiv. Die ausgegebenen Lebensmittel entsprächen – die 2,2-Kilogramm schweren Transport-Kartons aneinandergereiht – der Strecke von Schweinfurt nach Würzburg.

Neue Helfer kann die Tafel immer gebrauchen, im Vorbereitungsteam, im Laden beim Verkauf, als Fahrer, auch als Springer, also Leute, die auf Abruf spontan einspringen. Wer mithilft, hat zeitlich „jegliche Freiheit“, sagt Gehling und meint: Jeder bestimmt seinen Einsatz selbst. Wichtig ist nur: Die Zuverlässigkeit. Gehling hat festgestellt, dass die, die sich melden, das meistens sind. „Wer zu uns kommt, hat einen sozialen Virus“, sagt er.

Vor dem Laden ohne Maske: Vorsitzender Ernst Gehling (links) und Tafel-Pionier Horst Wacker
Vor dem Laden ohne Maske: Vorsitzender Ernst Gehling (links) und Tafel-Pionier Horst Wacker Foto: Hannes Helferich

Rückblick

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  26. Landesbischof Bedford-Strohm begeistert die Ehrenamtlichen
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  34. Aus Liebe zum Leben: Ehrenamtliche begleiten gehörlose Sterbende
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