Gochsheim

Wir wollen akzeptiert werden

Nur vier Stufen – für Paula Müller, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist, und ihren Sohn Norbert ein unüberwindliches Hindernis. Um zum Bus nach Schweinfurt zu kommen, der gegenüber in der Frankenstraße hält, müssen die beiden einen fast zehnminütigen
Umweg von einem halben Kilometer über die Sennfelder Straße auf sich nehmen. Auch mit einem Rollator sind die schmalen Stufen kaum zu bewältigen. Behindertenbeauftragter Frank Widmaier (hinten rechts) und sein Vertreter Edwin Hußlein (hinten links) wollen das ändern.
Foto: Herbert Markert | Nur vier Stufen – für Paula Müller, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist, und ihren Sohn Norbert ein unüberwindliches Hindernis.

Frank Widmaier wird in diesem Jahr 40 Jahre alt. Seit 40 Jahren muss er seine Alltagsabläufe, seine Hobbys, die Arbeit, sein ganzes Leben von früh bis spät, mit einem schwerwiegenden Handicap in Einklang bringen. Sauerstoffmangel bei der Geburt verursachten irreversible Lähmungserscheinungen und Einschränkungen der Feinmotorik auf der rechten Körperseite.

Widmaier ist schwerbehindert, genauso wie 7,6 Millionen andere Menschen in Deutschland. Die Zahl hat das Statistische Bundesamt Anfang 2015 ermittelt. Zwei Jahre vorher ging man aufgrund des Mikrozensus‘ sogar von 10,2 Millionen behinderten Menschen in Deutschland aus – jeder achte, jede achte.

Die Anwesenheit von behinderten Menschen ist nicht für jeden einfach zu ertragen. Sie ruft Unsicherheit hervor. Soll man Hilfe anbieten, auch wenn der gehandicapte Mensch nicht danach fragt? Wird es als aufdringlich empfunden? Oder traut sich der Behinderte nur nicht, um Unterstützung zu bitten? Zum Beispiel beim Einstieg in den Bus. Oder beim ungelenken Hantieren mit der Einkaufstasche? Viele Menschen macht dieses Situation unsicher, schuldbewusst.

Der Staat hat das erkannt, will behinderte Menschen am Leben teilhaben lassen und setzt auf Inklusion. Bis 2023 will die Regierung alle staatlichen Einrichtungen barrierefrei gemacht haben.

Vor 40 Jahren sah das noch anders aus. Inklusion war ein Fremdwort. Behinderte Menschen kamen von klein auf in separate Einrichtungen, in denen sie gefördert werden konnten. Aus dem Alltagsleben wurden sie weitgehend herausgehalten.

Frank Widmaier hatte Glück. Seine Eltern förderten ihn, ermöglichten ihm das Abitur und unterstützten ihn beim Informatikstudium. Jetzt sorgt er als technischer Amtmann (TA) im Landesamt für Statistik in Schweinfurt mit dafür, dass die EDV läuft. Auch wenn er mit der rechten Hand aufgrund seiner Einschränkungen gerade mal die „Shift“-Taste drücken kann, bedient er mit den fünf Fingern der linken Hand die Tastatur schneller und geschmeidiger als viele, die das Schreiben mit zwei Händen beherrschen.

Widmaier teilt die Behinderten in drei Gruppen ein. Die Gruppe der Fordernden, „das sind die, die ständig Verbesserungen und Vorteile für sich selbst fordern. Sie erreichen viel, aber sie machen durch einseitige Sichtweisen und teilweise überzogene Forderungen auch einiges für andere Behinderte kaputt“, beschreibt er diese Gruppe.

Die Gruppe der Resignierten: „Sie ergeben sich in ihr Schicksal und verlieren Lebensqualität, weil sie alles schlucken und ein ergebenes Dasein fristen.“

Die meisten Behinderten aber zählt Widmaier zu den Machern. Das seien diejenigen, die die nicht hadern, nicht verzagen, die ihr Dasein realistisch beurteilen und sich dafür einsetzen, am gesellschaftlichen Leben ohne Einschränkungen teilzuhaben und sich dann auch für andere behinderte Menschen engagieren.

„Behinderte sind leidensfähig“, sagt Widmaier und meint damit, dass sie nicht bevorteilt werden wollen, weil vieles für sie schwieriger ist und langsamer geht. „Wir wollen akzeptiert werden, so wie wir sind.“

Als Frank Widmaier 2014 in den Gochsheimer Gemeinderat gewählt wurde, sah er es als seine Hauptaufgabe an, Gochsheim für seine behinderten Einwohner wohnenswerter und lebenswerter zu machen. „Es profitieren alle Bürger davon: Eltern mit Kinderwagen, Fußgänger, Rollatoren-Nutzer.“

Paula Müller ist eine, die auf Widmaier schwört. Sie ist seit letztem Jahr auf einen Rollstuhl angewiesen. „Damit komme ich ohne Hilfe nicht ins Dorf“, klagt sie. Auf den Antrag von Widmaiers Fraktion hin beschloss der Gemeinderat Ende 2014 die Einrichtung eines Behindertenbeauftragten. Die Wahl fiel auf Frank Widmaier. Aber nicht nur, weil er selbst betroffen ist. Er ist auch in seiner 200-Mitarbeiter-Behörde Ansprechpartner für die schwerbehinderten Kolleginnen und Kollegen, vertritt sie als so genannte Vertrauensperson. Er berät somit nicht nur Bürger bei Problemen mit Anträgen auf Behörden, sondern kennt auch Probleme, die sich aktiv in der Arbeitswelt für Schwerbehinderte stellen.

Zusammen mit seinem Vertreter Edwin Hußlein lief er durch Gochsheim und Weyer. Den beiden fiel eine Vielzahl von „kleinen und großen Stellschrauben“ auf, wo man die Gemeinde weiterentwickeln könne. Sie gaben sich damit aber nicht zufrieden. Besuche anderer Gemeinden, Fachtreffen, Termine im Bundestag und Innenministerium ließen ihre Eindrücke zu einem klaren Bild reifen.

„Es profitieren alle Bürger davon: Eltern mit Kinderwagen, Fußgänger, Rollatoren-Nutzer.“

Frank Widmaier fasste es zusammen in einem Aktionsplan, der mit „Gochsheim inklusiv“ betitelt ist. Das Papier stellt die Basis dar für einen Antrag an den Gemeinderat, den der Behindertenbeauftragte und sein Vertreter im November letzten Jahres eingereicht haben. „Es geht um die generelle Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am öffentlichen Leben und der Gesellschaft“, heißt es in der Präambel des Antrages. Und: „Inklusion zu leben, ist nicht einfach und bedarf einer guten Strategie und langer Planung.“

Widmaier und Hußlein wünschen sich von der Gemeinde eine Agenda für die Umsetzung der Maßnahmen in ihrem Aktionsplan in den nächsten Jahren.

Dabei haben sie durchaus die Grenzen im Blick, die ihnen schon der Haushalt setzt. „Maßnahmen sind teuer. Schon der Einbau eines Türöffners oder eine Behindertentoilette gehen schnell hoch in fünfstellige Beträge“, wissen die beiden Behindertenvertreter. Aber ein Betrag von 20 000 bis 30 000 Euro jährlich sollte „angepeilt“ werden.

Widmaier weiß auch, dass sein Einfluss begrenzt ist. Alte Gebäude genießen Bestandsschutz. Inklusionsstandards seien also nur bei Neubauten und Generalsanierungen obligatorisch. Auch auf andere öffentliche Einrichtungen wie von Vereinen oder Verbänden könne die Gemeinde nur beschränkt in Form von Beratung und Unterstützung einwirken, weiß Widmaier um die Notwendigkeit des Bohrens dicker Bretter.

So freut es ihn, dass die gemeindeeigenen Uhlandstraßenhäuser, die in den nächsten Jahren generalsaniert werden, durch den Druck über die staatliche Förderung im Erdgeschoss barrierefreie Wohnungen bekommen werden.

Auch für kleine Maßnahmen, die die Verwaltung ohne Gemeinderatsbeschluss im eigenen Wirkkreis umsetzen kann, ist er dankbar. So wurde an einer Bushaltestelle die Ausstiegsfläche für Gelenkbusse verlängert. Er hofft noch auf den Einbau taktiler Platten an allen Bushaltestellen, die es Sehbehinderten ermöglichen, mit Hilfe des Taststockes problemlos den Einstieg in den Bus zu finden.

„Inklusion zu leben, bedarf einer guten Strategie und langer Planung.“

Mit dem Aktionsplan legte Widmaier auch gleich Anträge für konkrete Maßnahmen im Friedhof B – Umbau der WC-Anlage – und für ein barrierefreies Rathaus vor. „Es ist mir klar, dass ich den ein oder anderen Gemeinderat nerve, wenn ich mich zu Wort melde, auch in der eigenen Fraktion“, meint er augenzwinkernd. Aber es gehe nur, wenn erforderliche Maßnahmen immer wieder im Gespräch und im Bewusstsein der Entscheider gehalten würden. Dies bedarf Geduld und Beharrlichkeit. Frank Widmaier legt beides an den Tag. Abnutzungserscheinungen sind bei ihm nicht zu erkennen.

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