ZEILITZHEIM

Wo Unfassbares fassbar wird

Insbesondere die frühere Nutzung als jüdische Metzgerei macht das historische Gebäude für die Denkmalpflege so spannend und interessant.
Fleischerhaken an der Wand: Noch im Zustand, in dem es seine Besitzer zurücklassen mussten, befindet sich das einstige Schlachthaus der jüdischen Metzgerei.
Foto: Norbert Volllmann | Fleischerhaken an der Wand: Noch im Zustand, in dem es seine Besitzer zurücklassen mussten, befindet sich das einstige Schlachthaus der jüdischen Metzgerei.

Bernd Brönner hat es sich zur Aufgabe gemacht, das alte Anwesen unter Berücksichtigung seiner langen Geschichte von Grund auf behutsam zu sanieren. Hier im Kellergewölbe befindet sich zum Beispiel der Prototyp eines der ersten elektrisch betriebenen Tiefkühlräume. Aber auch beim Betreten des Schlachtraums meint man, die Zeit wäre still gestanden und stehen geblieben, seit das jüdische Metzgersehepaar Siegfried und Berta Martha Strauß im Zweiten Weltkrieg von den Nazis verschleppt und ermordet wurde.

Um die umfangreiche historische Substanz sichtbar zu machen, wurden als erster Schritt alle Einbauten jüngeren Datums wie Gipskartonplatten, moderne Bodenbeläge oder Holzdecken entfernt und freigelegt. Inzwischen ist das Haus zudem komplett vermessen, statisch untersucht und von dem Marktheidenfelder Edgar Hartmann unter restauratorischen Gesichtspunkten begutachtet worden.

Den Nachforschungen von Hilmar Spiegel vom Historischen Arbeitskreis Zeilitzheim zufolge wird erstmals im Jahr 1568, aber auch nochmals von 1582 bis 1589 ein Valtin Steinmitz als Bewohner des einst die Nummer 104 tragenden Hauses in den Büchern aufgeführt.

Das zweigeschossige Gebäude, so wie es heute steht, wurde in der Mitte des 17. Jahrhunderts errichtet, was auch mit der Inschrift über dem Eingangsportal „V 1642 St“ korrespondiert. Hierzu waren wohl ein älterer Keller im nördlichen Bereich erweitert und darauf ein Fachwerkbau errichtet worden. Der ursprüngliche Kellerzugang befand sich unterhalb der heutigen Haustür.

Ein erster, größerer Umbau fand in der Zeit um 1731 statt. Wurde zunächst vermutet, dass nur der gesamte Dachstuhl erneuert und einzelne Veränderungen im Hinblick auf Türen und Fenster vorgenommen wurden, so hat sich herausgestellt, dass das Haus damals deutlicher umgebaut worden ist, als man nach der ersten Inaugenscheinnahme dachte. Es sieht alles danach aus, dass das Haus zum Teil völlig neu aufgebaut worden ist.

Verfügte das gesamte Gebäude ursprünglich über eine durchgängige graue Fachwerkfassung, so erfolgte wohl ebenfalls um 1731 eine nachträgliche „Versteinerung“ des Erdgeschosses, indem das alte Fachwerk in diesem Bereich durch eine massive Bruchsteinmauer ersetzt wurde.

Weitere, umfangreiche Baumaßnahmen fanden in der Zeit um 1900 statt. Sowohl der südliche Giebel ab dem ersten Obergeschoss als auch die westliche Außenwand im ersten Obergeschoss wurden ganz offenbar aufgrund des sehr schlechten Zustandes komplett neu mit Ziegeln aufgemauert. Ferner wurden in dieser Zeit zwei Trennwände im nördlichen Erdgeschossbereich eingezogen und so der als Schlachtraum genutzte und bis heute erhaltene Bereich geschaffen.

Eine Freitreppe führt seit dem Jahr 1642 in das erhöht liegende Erdgeschoss. Rechts daneben befindet sich der ebenerdige Eingang zu dem früheren Laden und Schlachtraum der späteren jüdischen Metzgerei, der fast unberührt und unverändert geblieben ist.

Im Boden ist die Blutrinne hinter dem Eingang eingelassen und an den Decken hängen noch die Haken, an denen die Rinder und Schafe zum Schlachten oder „Schächten“,wie es bei den Juden heißt, aufgehängt wurden.

Südlich der Außentreppe befindet sich das erwähnte Rundbogenportal als Zugang zum Gewölbekeller, in den zur Lagerung des Fleisches ein freistehender Kühlraum eingebaut wurde. Er stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert und wurde bereits elektrisch betrieben. Gedämmt ist er mit damals zur Verfügung stehenden Materialien wie den auf Ziegelmauerwerk aufgebrachten so genannten Odenwald-Platten.

Die über eine einfache Holztreppe aus dem 19. Jahrhundert verbundenen Wohnungen in den beiden Obergeschossen sind trotz der baulichen Veränderungen vom Grundriss her immer noch nahezu identisch, was die Anordnung der Wohnstuben, Kammern, Küchen, Toiletten und Dielen anbelangt.

Rätsel gibt derzeit noch der entdeckte, geheimnisvolle versteckte Raum neben dem Klo im ersten Stock auf, in den reichlich Schutt von oben hinein geschüttet worden sein muss.

„Das Haus hatte mich schon immer interessiert“, so Bernd Brönner zu seinem Entschluss, es nach dem Tod der Tante, die hier zuletzt noch wohnte, zu übernehmen.

Der Besitzer betont: „Anhand dieses Einzelfalles wird die unfassbare Vernichtung der Juden durch die Nazis plötzlich sehr konkret und fassbar. Vielleicht lohnt sich schon deswegen der Aufwand mit dem Haus.“

Dazu Hans-Christof Haas, der seitens des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege für den Landkreis Schweinfurt zuständig ist: „Man muss das Gebäude nicht musealisieren, aber die markantesten Zeugnisse der spannenden Zeit sollten für die Nachwelt erhalten und sichtbar bleiben.“ Denkbar wäre eine künftige Nutzung des Einzeldenkmals als Ferien- oder Mietwohnung.

Dankbar ist der Hausherr in diesem Zusammenhang dafür, dass die denkmalpflegerische Voruntersuchung stark vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, vom Landratsamt Schweinfurt als Untere Denkmalschutzbehörde und auch von der Unterfränkischen Kulturstiftung gefördert wurde. Das Engagement unterstreicht den denkmalschützerischen Wert des Gebäudes.

Sobald das endgültige Nutzungskonzept steht und die Kostenschätzung vorliegt, will Bernd Brönner das Projekt noch 2013 angehen und in zwei bis drei Jahren durchziehen, wie er bekräftigt.

Bernd Brönner lässt das Haus renovieren. Georg Gropp war sein Großvater.
| Bernd Brönner lässt das Haus renovieren. Georg Gropp war sein Großvater.
Georg Gropp in seiner Schneiderwerkstatt.
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Das Anwesen Marktplatz 4 in Zeilitzheim.
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