WIPFELD

Zahnfee trifft Seelentröster-Maus im Literaturhaus

Wer lesen will, muss hören und sehen lernen: Die Lerntherapeutin Birgit Gröger räumt mit ihren erlesenen Geschichten für Jung und Alt im Literaturhaus in Wipfeld auch mit Vorurteilen auf.
Foto: Uwe Eichler | Wer lesen will, muss hören und sehen lernen: Die Lerntherapeutin Birgit Gröger räumt mit ihren erlesenen Geschichten für Jung und Alt im Literaturhaus in Wipfeld auch mit Vorurteilen auf.

Manche Fragen sind gar nicht leicht zu beantworten, so auf die Schnelle: „Wieviel sind 3 mal 8?“ fragt Birgit Gröger in der Leselounge des Literaturhauses den Zeitungsreporter, zum Thema Diskalkulie. „Rechenschwäche“ ist nur eines der Behandlungsfelder der Lerntherapeutin aus Kelkheim im Taunus – auch wenn die aus Wipfeld stammende Pädagogin den Begriff nicht mag, ebenso wenig wie „Legasthenie“ (eine Schwachstelle, die man immerhin auch Ex-Präsident George W. Bush nachgesagt hat).

Statt Menschen von oben abzustempeln, will sie Probleme wie „Leseschwäche“ von unten, der Basis her, lösen: Ebenso wie Menschen mit kaputtem Knie erstmal zum Therapeuten gehen, bevor sie wieder Ski fahren können, müssen für Gröger Lern-, Konzentrations- und Wahrnehmungsprobleme, in der Schulzeit wie im Erwachsenenalter, dort behandelt werden, wo sie entstehen: im Kopf, genauer im menschlichen Gehirn.

Leseschwächen hätten meist nichts mit Unaufmerksamkeit oder Unwillen der Kinder zu tun, betont die Grundschullehrerin. Schon eine Mittelohrentzündung im Kleinkindalter könne dafür sorgen, das Worte in einer prägenden Phase nicht richtig gehört und falsch abgespeichert werden, weiß die Frau eines HNO-Arztes. In ihrer Therapie versucht sie, solche „falschen Wörter“ im Kopf auszumerzen und durch die richtigen zu ersetzen: Basisentwicklung an den Gehirnwindungen von Vorschulkindern, aber auch Grund- und Hauptschülern oder Gymnasiasten. Sowie von Erwachsenen, die durch Alter, Schwerhörigkeit, Schlaganfall oder Chemotherapie gehandicapt sind. Bei Kindern funktioniert so etwas mit dem „Brain Boy“, einer Art Gameboy, durch den zentrale „Low Level-Funktionen“ (das Wahrnehmen und Verarbeiten audiovisueller Reize) spielerisch eingeübt und automatisiert werden.

Aber heißt es heute nicht ständig Aus- statt Er-Lesen? „Es ist nicht härter geworden“, widerspricht die Wahlhessin der Annahme, in der Schule herrsche größerer Druck als früher. Allerdings: „Die Umstände sind ungünstiger geworden“. Früher, da habe es die Großfamilie gegeben, mit Oma, Opa, Tanten, ein buchstäblich ansprechendes Umfeld, in das Kinder von Beginn an mit einbezogen waren. Wo überall Anreize für das Lernen von Sprache herrschten.

Eine Kindheit im Literatendorf

Heute, da werde schnell der Fernseher zum Babysitter, moniert die Mutter zweier Kinder, die Frauen seien oft berufstätig, die Väter auch – oder gar nicht mehr vorhanden: „Die Menschen realisieren nicht mehr, was wichtig ist“. Gröger ist selbst noch in klassischen Strukturen im „Literatendorf“ Wipfeld aufgewachsen, die Großeltern hatten einen kleinen Dorfladen. Zur andert- halbstündigen Lesung für Vor- und Grundschüler (am Vortag waren die Kindergartenkinder da) kommen manch bekannte Gesichter, Bürgermeister Peter Zeißner begrüßt Gröger persönlich.

„Vorlesen, vorlesen, vorlesen“ rät sie den anwesenden Eltern und Großeltern, Reimen und Vorsingen. Sich über die Geschichten unterhalten oder einfach nur kuscheln ist ebenfalls wichtig, nur starke Kinder würden auch als Erwachsene mit Problemen fertig. Ganz falsch: Die Holzhammermethode, nach dem Motto, die Väter schnappen sich ihre „Kandidaten“ und pauken den Stoff ein.

Geschichten zum Träumen

„Geschichten zum Träumen und Mut machen“ nennt sich das liebevoll gestaltete Hörbuch von Birgit Gröger, aus dem Erlös unterstützt sie die Leberecht-Stiftung für Kinder in Not. In den Geschichten geht es etwa um Arno und die „Ich hab dich nicht lieb“-Maus: ein zunächst verschmähtes Kuscheltier, das am Abend, als die Eltern bei Gewitter außer Haus sind, zum Seelentröster wird. Um Hannas Wackelzahn, und ihre Erlebnisse mit der Zahnfee. Birgit Gröger zeigt dazu Bilder, unterhält sich mit den Wipfelder Nachwuchs, der, mit Zahndose und „Mut zur Lücke“, schnell im Thema drin ist.

Am Ende, nach anderthalb Stunden, können die Jüngsten gar nicht genug von den Geschichten bekommen. Manchmal ist die Lösung eben verblüffend einfach. 3 mal 8 zum Beispiel: 24.

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