WÜRZBURG

16. März 1945: Als Würzburg brannte

Alliierte Bomber über Deutschland, 1945. Foto: THE U.S. NATIONAL ARCHIVES AND RECORDS ADMINISTRATION (NARA) / ARCHIV ULRICH WAGNER

Würzburg hatte im II. Weltkrieg mehrfach Luftangriffe der Alliierten zu überstehen. Den größten Schaden verursachte jene Bombardierung, die in der Nacht vom 16. März 1945 stattfand, – für die Royal Air Force einer der „erfolgreichsten Nachtangriffe“ im Bombenkrieg gegen Deutschland.

Entscheidend für den „Erfolg“ eines Luftangriffes waren die Wetterverhältnisse am Zielort, denn trotz fortgeschrittener Technik konnte eine geschlossene Bewölkung Objektfindung und -markierung verhindern. Die klimatischen Bedingungen für einen Angriff auf Würzburg waren am 16. März 1945 günstig, der Himmel über der Stadt war wolkenlos, über dem Boden lag nur leichter Dunst.

230 Bomber starteten

Ab 17 Uhr starteten in England etwa 230 Bomber des 5. Bombergeschwaders im Abstand von jeweils einer Minute von ihren Fliegerhorsten in Lincolnshire, etwa 180 Kilometer nördlich von London. Seit den enormen Zerstörungen von Heilbronn, Kassel und Dresden, die mittels einer neuen präzisen Markierungstechnik erzielt worden waren, war dieses Geschwader für seine Bombardements berüchtigt. Der Flugplan wurde so eingerichtet, dass der fränkische Raum ohne allzu großen Zeitaufwand erreicht werden konnte.

Aus Sicherheitsgründen flog man – insbesondere um gefährliche Flakzonen zu vermeiden – nicht direkt ins Zielgebiet. Jägerbegleitung, Schein- und Störangriffe sowie Täuschungsmanöver sollten den Flug zusätzlich sichern.

Mit Hilfe ihres Frühwarnsystems bemerkte die deutsche Flugabwehr den Start der Verbände und gab ab 19 Uhr für die deutschen Fliegerhorste Vollalarm. Über das Ziel des Angriffs war man sich aber im Unklaren. Zudem warfen ab 19.45 Uhr englische Maschinen auf der Linie Luxemburg-Koblenz-Hanau Tausende von Staniolstreifen ab und irritierten damit die deutschen Radarschirme. Die feindlichen Flugverbände waren nicht mehr zu bestimmen. Die britischen Bomber flogen über die Somme-Mündung und Amiens zu den Vogesen und zum Rhein, der augenblicklichen Frontlinie zwischen Deutschen und Alliierten. Südlich von Rastatt überquerten sie den Fluss und steuerten vom Raum Stuttgart aus Würzburg und Nürnberg an.

Vollalarm ertönte erst um 21 Uhr

Ab Straßburg wurden die ins Reichsgebiet eindringenden Bomber durch mehrere Ju 88 der deutschen Nachtjagdgeschwader 2, 4, 6 und 101 angegriffen, die aus dem südlichen Pulk, der schließlich den Weg nach Nürnberg einschlug, 16 Maschinen abschossen. Vier Flugzeuge wurden durch deutsche Flakbatterien bei den Fliegerhorsten Schwäbisch Hall, Crailsheim, Ansbach und Giebelstadt getroffen. Unklarheit herrschte immer noch über das Flugziel. Selbst nach 21 Uhr glaubten die deutschen Jägerleitstellen noch, dass allein Nürnberg bombardiert werden sollte und auf Würzburg nur ein Scheinangriff geflogen würde. Infolgedessen attackierten die deutschen Jäger den nach Würzburg abzweigenden Verband nur sechs Mal.

Kurz nach 19 Uhr heulten in Würzburg erstmals die Sirenen auf, einzelne Maschinen flogen ins Warngebiet ein, der den Hauptverband ankündigende Vollalarm ertönte erst um 21 Uhr. Nur 20 Minuten blieben den Menschen, um sich in Sicherheit zu bringen.

Jede der Maschinen hatte die maximale Bombenmenge an Spreng- und Brandbomben geladen. Die Sprengbomben deckten die Dächer ab, drückten die Wände ein und rissen die Häuser auf, die Brandbomben konnten anschließend ungehindert zahlreiche, kaum zu löschende Einzelbrände entfachen, die sich meist zu einem Flächenfeuer ausbreiteten.

Die Vernichtung Würzburgs

Kurz nach 21 Uhr schalteten die Bombenschützen des nach Würzburg fliegenden Bomberstromes die Zielgeräte ein. Die Markierung übernahmen die so genannten Pfadfinder, das heißt mit speziellen Radargeräten ausgestattete Maschinen, die in 4000 Metern Höhe über dem Nikolausberg den Einsatz der schwer beladenen Pulks lenkten. Aus Richtung Randersacker-Ochsenfurt steuerten diese in drei Wellen auf die Stadt zu, Orientierungspunkt waren die Sportplätze an der Mergentheimer Straße.

Ausgebrannte Ruinen von Stephanskirche, Universität und Gericht. Foto: THE U.S. NATIONAL ARCHIVES AND RECORDS ADMINISTRATION (NARA) / ARCHIV ULRICH WAGNER

Eine Lancaster der 83. Staffel setzte mit einer grünen Leuchtbombe und sechs Zeitzünderbomben, die auf die Bahnanlagen im Norden der Stadt fielen, um 21.25 Uhr das Angriffssignal. Generalstabsmäßig lief nun die Vernichtung Würzburgs ab. Die Stadt war durch die Markierungsbomben („Christbäume“) so gut beleuchtet, dass die Piloten vom Flugzeug aus Altstadt und Main sehen konnten. Präzise wie auf einem Übungsflug und ungestört durch deutsche Nachtjäger fielen Minen und Bomben aus den Schächten. Lediglich ein gegnerisches Flugzeug konnte abgeschossen werden. Wie die Forschungen von Heinrich Dunkhase ergeben haben, lud die Royal Air Force innerhalb von nur 17 Minuten 392 englische Tonnen Sprengbomben sowie 578 englische Tonnen Markierungs- und Brandbomben ab. Überall in der Stadt blitzten, begleitet von schweren Erschütterungen und dumpfem Donnergrollen, weiße Explosionsfeuer auf.

Bereits um 21.42 Uhr war für das 5. Bombergeschwader der Auftrag erfüllt. Über Urach am Rand der Schwäbischen Alb, den Rhein und quer durch das nordöstliche Frankreich flogen die Maschinen zu ihren Heimathorsten zurück, die letzten trafen dort um 2 Uhr früh ein. Der Kommandozentrale in High Wycombe bei London meldete die Geschwaderführung eine „wirkungsvolle Bombardierung in den jeweiligen Sektoren, resultierend in guten Bränden“.

Der kurze und konzentrierte Angriff auf die dicht bebaute Altstadt bewirkte dort eine flächendeckende Vernichtung. Die einzelnen Brandherde vereinigten sich rasch zu einem gewaltigen Feuersturm, der Temperaturen von 2000 Grad erreichte. Flugfeuer sprang zu den noch unversehrten Gebäuden und setzte diese in Brand. Im Zielgebiet blieb kaum ein Haus stehen. Der Feuerschein der brennenden Stadt leuchtete 230 Kilometer weit.

Durch die brennenden Straßen

Ausgebrannte Ruinen in der Altstadt. Foto: THE U.S. NATIONAL ARCHIVES AND RECORDS ADMINISTRATION (NARA) / ARCHIV ULRICH WAGNER

Nur die Flucht aus Kellern, Schutzräumen und Stollen konnte die Bewohner aus diesem tödlichen Inferno retten. Viele rechneten wie in Dresden mit einem zweiten Angriff und versuchten daher, so schnell wie möglich dem Gefahrenbereich zu entrinnen. In Todesangst stürzten sie sich in die brennenden Straßen und kämpften sich an lodernden Häusern und explodierenden Zeitzünderbomben vorbei ins Glacis, zum Main und in die Weinberge. Der Funkenflug schlug ihnen entgegen wie Hagelschauer, viele wurden umgerissen vom Sog des Feuersturms. Ein Inferno spielte sich insbesondere dort ab, wo Menschen eingeschlossen waren, wie in den Kellern der Wolfharts- und Ursulinergasse.

Nach und nach trafen die benachbarten Feuerwehren in der brennenden Stadt ein, manche von ihnen legten über 100 Kilometer zurück. Um die eingeschlossenen Menschen aus dem Feuer herauszuleiten, spritzte man Wassergassen. Insgesamt wurden rund 4000 Personen, vor allem alte Männer, Frauen und Kinder, durch Trümmer erschlagen, erstickten oder verbrannten.

Bomben und Feuer zerstörten die Innenstadt mit 90 Prozent fast völlig, in den Randbezirken blieben nur 32 Prozent der Gebäude stehen. Rund 90 000 Einwohner wurden ausgebombt, Wohnungen und Verwaltungsgebäuden vernichtet. Unschätzbar waren die Verluste an Kunst- und Kulturwerken, die in dieser Nacht verglühten. Museen, Bibliotheken und Archive mit ihren Beständen fielen der Feuersbrunst zum Opfer. Große Teile des alten Würzburgs, der kunstreichen Stadt am Main, gab es nicht mehr.

Zellerau nach der Bombardierung. Foto: THE U.S. NATIONAL ARCHIVES AND RECORDS ADMINISTRATION (NARA) / ARCHIV ULRICH WAGNER

Der von Hitlerdeutschland entfachte Luftkrieg schlug mit schrecklichen Konsequenzen auf das Land und seine Bewohner zurück. Viele Würzburger verloren ihr Leben, viele ihren gesamten Besitz. Leidtragende waren in erster Linie die Zivilisten und dies für viele Jahre. Mit Dresden und Hamburg zählte Würzburg zu den am schwersten verwüsteten Städten Deutschlands. Erst die Eroberung der Ruinenstadt durch die 7. US-Armee im April 1945 ermöglichte Neubeginn und Wiederaufbau unter demokratischen Verhältnissen.

Der Autor Ulrich Wagner ist Historiker und war von 1997 bis 2014 Leitender Archivdirektor am Stadtarchiv Würzburg.

Fotos: THE U.S. NATIONAL ARCHIVES AND RECORDS ADMINISTRATION (NARA)/ARCHIV ULRICH WAGNER

Schlagworte

  • Würzburg
  • Bombenangriffe
  • Brandbomben
  • England
  • Heinrich
  • Stadtarchiv Würzburg
  • Tote
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!