WÜRZBURG

19.Zellerauer Kulturtage: Zwischen Dönerbude und Kino

Kurioses Konzert in der Frankfurter Straße bei den Zellerauer Kulturtagen: Die Band spielt im Schaufenster einer Polsterwerkstatt. Foto: Fotos (3): Angie wolf

Das Kind wimmert schrecklich naturalistisch hinter dem qualmenden Fenster, das elektrisch rot und orange blinkt. Auf dem Balkon direkt daneben fährt eine kahle Schaufensterpuppe heraus. Diese Installation erstreckte sich über vier Stockwerke und trug spektakulär zu den 19. Zellerauer Kulturtagen bei. Mit über 100 Zuschauern war sie eine der meistbesuchten der 20 Locations, die das Stadtteilfest am Samstag und Sonntag bespielte.

Ein „Jeder-kann-mitmachen-Abend“

Eine Schule, eine Kirchengemeinde, ein Karnevalsverein – auch wenn keine der drei Einrichtungen 2017 mehr in Erscheinung trat, merkte man den Kulturtagen sofort an, dass sie eine Gründung von unten sind. Sie zeigen, was sich ohne kommerzielle Absichten auf die Beine stellen lässt. Das ist geblieben von den Anfängen der Zellerauer Kulturtage als bunter „Jeder-kann-mitmachen-Abend“.

Viele der 20 Örtlichkeiten konzentrierten sich auf das Bürgerbräu. Aber auch die Döner-Bude am Zellerauer Marktplätzle hatte eine prominente Funktion. Hier war die Eröffnung. Die verzichtete auf Reden und sonstige Feierlichkeiten. Es stellte sich nur ein Dutzend Leute vom Ausrichterteam für ein Gruppenfoto zusammen. Dann ging?s wieder in den Stadtteil hinaus, um das Ganze zu organisieren: Es galt Verstärker hin und her zu fahren oder Referenten zu begrüßen.

Kultur bei den Floriansjüngern

Der simulierte Hochhausbrand fand weniger als Kunstaktion statt denn als heimatkundliche Exkursion. Diese führte in die 30 Meter hohe Übungshalle der Feuerwehrschule an der Mainaustraße. Was man von außen nur bei günstiger Sonneneinstrahlung ahnt: Drinnen wurden vier Häuser in Beton gegossen und mit aller Technik verdrahtet, die es braucht, um Katastrophen realistisch durchzuspielen.

Zum zweiten Mal machten die Löschzug-Ausbilder heuer bei den Kulturtagen mit. Der erweiterte Kulturbegriff verdankt sich einer Nachbarschaft, nämlich der zwischen Feuerwehrschule und Vogel Business Media. Dort ist der Kulturtage-Mitbetreiber Gunther Schunk Kommunikationschef, und weil die Nachbarn schon öfter miteinander zu tun hatten – „zum Glück nicht in der Kernkompetenz der Feuerwehr“, unkt Schunk –, öffnet die Brandschule ihre Tür gern zum Stadtteilfestival.

Zwei Tage volles Programm

Das sollte heuer eigentlich mit der Eröffnung des Kulturkellers zusammenfallen, eines ehemaligen Bierlagers auf dem Bürgerbräu-Gelände. Weil der neue Bühnenraum aber nicht fertig wurde, musste umdisponiert und das Gesamtprogramm auf zwei – statt der inzwischen gewohnten drei – Tage komprimiert werden, erläutert der Kabarettist vom Orga-Team, Andy Sauerwein. Vom gewohnten Freitagabend auf den Samstagnachmittag verschoben wurde die Autorenkreis-Lesung, die den Würzburgern auch Gelegenheit gibt, das Fraunhofer-Institut an der Luitpoldstraße, den Bau der Star-Architektin Zaha Hadid von innen zu erleben. Wieder sehr gut gelangen die drei Hinterglaskonzerte, die kleine progressive Popbands im Schaufenster einer Polsterei in der Frankfurter Straße gaben.

Auf dem Brauereigelände lud die Künstlerin Brigitte Miers besonders Kinder in ihr Atelier ein. Von ähnlichen Gelegenheiten bei früheren Kulturtagen stammten die bunten Betonskulpturen, die jahrelang den Weg zum Theater Ensemble säumten. Schließlich war Miers fast von Anfang an dabei. Ihr Rückblick: „Ich finde es toll, dass so ganz verschiedene Vereine die Kulturtage immer weiter mitentwickelt haben. Die haben durch das Bürgerbräu noch einmal einen Sprung getan.“

Die Chancen wurden genutzt

Die Chancen im Kreativquartier wurden weidlich genutzt. Nirgends musste man drängeln – der Franken-Poetry-Slam U20 schloss einfach, als der große Central-Kinosaal voll besetzt war. Überall war der Hör-, Schau- und Handelsplatz gut gefüllt. Überraschenderweise standen hier einen Tag nach dem Kunsthandwerkermarkt Klein Montmartre gleich wieder jede Menge design-orientierte Verkaufsstände. Das Sortiment: einen Tick weit origineller als auf der Alten Mainbrücke. Und hier wie an den dicht umlagerten Ex-Pferdeboxen: den Kulturtagen gelang es, nicht allzu kommerziell orientiert zu wirken.

Auch am anderen Ende des Quartiers regten sich interessante neue Agenten. Die Szenekneipe Dornheim war am Samstagabend Galerie für einen Fotowettbewerb. 30 Lichtbildner hatten einen Fotoroman zum Thema „Leben“ inszeniert. Erstes Kapitel: „Wir sind voll motiviert.“ Das sind die Macher der Zellerauer Kulturtage insgesamt, zumal nächstes Jahr eine Jubiläumsausgabe ansteht.

Die Konzerte hinter dem Schaufenster der Polsterei waren bis zur nächsten Kreuzung zu hören. Foto: ANGIE WOLF
Blues wie am Mississippi hörten die Besucher im Waschsalon von „Sebbo“ Schneider und „Jürgen „TJ“ Thürauf, dem „Mann mit Melone“ (von links). Foto: ANGIE WOLF
Blues wie am Mississippi konnten die Besucher der Zellerauer Kulturtage im Waschsalon hören. FOTO ANGIE WOLF Foto: ANGIE WOLF
Blues wie am Mississippi konnten die Besucher der Zellerauer Kulturtage im Waschsalon hören. FOTO ANGIE WOLF Foto: ANGIE WOLF

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