Würzburg

1990: Als sich 2000 Würzburger auf den Weg nach Suhl machten

Am 14. Januar 1990, wenige Wochen nach dem Mauerfall, fahren 34 Busse von Würzburg in die Partnerstadt Suhl. Es ist die größte Bürgerreise, die es in Würzburg je gegeben hat.
Thüringer Bratwürste für die Gäste aus Würzburg: Die Suhler revanchierten sich am 14. Januar 1990 für die Gastfreundschaft, mit der viele Bürger der thüringischen Stadt nach dem Mauerfall in Würzburg empfangen wurden.  Foto: Hans Heer

Der 14. Januar 1990 ist ein nasskalter Wintertag, als sich am Morgen 34 Busse mit rund 2000 Passagieren in Würzburg auf den Weg nach Nordosten machen. Das Ziel: die thüringische Bezirksstadt Suhl in der DDR. In Rhön und Thüringer Wald bedeckt der Schnee die Straßen, der Himmel ist grau. In den Bussen aus Unterfranken ist die Stimmung prächtig, die Spannung ist groß. Für viele Menschen aus Würzburg und Umgebung ist es das erste Mal, dass sie Suhl oder die DDR überhaupt besuchen. 

Der Volkspolizist als Freund und Helfer: am Mittag des 14. Januar 1990 in der Suhler Innenstadt. Foto: Eva Tödtmann

Gut neun Wochen ist es erst her, dass in Berlin die Mauer gefallen ist. Die Wochen danach haben viele Suhler genutzt, um erstmals einen Abstecher in die Partnerstadt Würzburg zu machen. Zwar besteht die Städtepartnerschaft schon ein Jahr, doch bis zum Mauerfall hatte nur eine kleine Zahl ausgewählter Suhler nach Würzburg fahren dürfen. 

In den wenigen Wochen zwischen Mauerfall und Weihnachtsfest waren rund 4500 Suhler in Würzburg gewesen, viele von ihnen waren von Vereinen und Privatleuten bewirtet oder beherbergt worden. "Wahnsinn!" ist das wohl meistgesagte Wort jener Wochen. Für Bernd Höland, damals 42 Jahre alt und Vorsitzender des Freundeskreises Würzburg-Suhl, gibt es in diesen Tagen kein Ausruhen, auch nicht, als der erste Ansturm vorüber ist. Denn nun möchten sich die Suhler gern bei den Würzburgern bedanken – aber wie? Bernd Höland muss nicht lange überlegen. "Ich habe gesagt: Machen wir doch einen Würzburger Tag in Suhl!", erinnert er sich 30 Jahre später.  

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Der Aufruf zur Bürgerreise macht in Würzburg schnell die Runde, von der Resonanz ist selbst Höland überrascht. 31 Busse stehen am Morgen des 14. Januar am Residenzplatz und sammeln die Teilnehmer ein. Noch vor sechs Uhr macht sich der Konvoi auf den Weg nach Thüringen, drei weitere Busse fahren separat.

So sehr sich Bernd Höland über den großen Zuspruch freut: Mit der Teilnehmerzahl und den vielen Bussen entstehen logistische Probleme."Als es auf die 2000 zuging, habe ich mich gefragt: Wie kommen wir mit über 30 Bussen durch Bad Neustadt?" Schließlich sollte der Konvoi innerorts an den zwölf Ampelanlagen nicht auseinander gerissen werden. Schließlich hilft die Polizei und schaltet alle Ampeln einfach aus: Damit haben die Busse auf Bundesstraße Vorfahrt.

Einmarsch mit Musik: Die Würzburger ziehen in Suhl ein. Foto: Eva Tödtmann

Unbürokratisch geht es auch an der deutsch-deutschen Grenze zu. Der verschneite Grenzübergang wird kurzzeitig für den Gegenverkehr gesperrt, die DDR-Grenzer verzichten auf Kontrollen. Kaum hat die Kolonne die kurz zuvor noch schier unüberwindliche Linie passiert, bekommt sie Geleitschutz: Zwei Autos der Volkspolizei sichern den 31 Bussen freie Fahrt bis Suhl. Als der Tross schließlich kurz vor 12 Uhr eintrifft, wird in der Suhler Innenstadt kurzerhand die Hauptstraße gesperrt. Die Würzburger haben zwei Faschingskapellen dabei und marschieren mit Pauken und Trompeten ein. 

Stadtbummel durch Suhl. Foto: Eva Tödtmann

In Suhl hat man sich in den Tagen zuvor auf den Besuch aus Würzburg vorbereitet. Die Gäste sollen sich wohlfühlen. Ähnlich wie Wochen zuvor in Würzburg kümmern sich nun Bürger aus Suhl um die Besucher aus dem Westen. Etwa 1000 Suhler sind Aufrufen in der Lokalzeitung "Freies Wort" gefolgt und bereit, die Gäste aus dem Westen zu bewirten. Die Busse werden auf die Suhler Stadtbezirke aufgeteilt, wenig später sitzen in Privatwohnungen bei Rotkohl und Thüringer Klößen Menschen zusammen, die sich noch nie gesehen haben. "Thüringer Klöße festigen die junge Freundschaft", titelt die Main-Post. Im Stadtzentrum kommen die Thüringer "Begrüßungsbratwürste" auf den Grill. "Dabei sind viele echte Freundschaften entstanden", sagt Höland, "das ist doch das Beste, was passieren konnte". 

"Begrüßungsbratwürste" für die Gäste aus Würzburg. Foto: Eva Tödtmann

In der Suhler Kongresshalle mitten im Stadtzentrum laufen parallel die letzten Vorbereitungen für einen bunten Würzburg-Suhler Faschingsnachmittag. Die Würzburger Karnevalsgesellschaft Elferrat samt Ranzengarde ist vor Ort, ebenso wie die kurz zuvor inthronisierte Prinzenpaar. Die Unterfranken haben 300 Liter gespendetes Bier aus Würzburg und 100 Bocksbeutel mitgebracht – um den Rest kümmern sich die Suhler.  

Deutsch-deutsches Programm: In der vollbesetzten Suhler Stadthalle geht am am 14. Januar 1990 ein bunter Faschingsnachmittag über die Bühne. Foto: Eva Tödtmann

"Dort habe ich zum ersten Mal vor viereinhalbtausend Menschen eine Rede gehalten, aus freien Stücken", sagt Höland. Für ihn, der 1961 aus Thüringen nach Würzburg kam, geht ein Traum in Erfüllung. Über ihm an der Wand prangt in Leuchtschrift "Grüß Gott, Würzburg", auch das war Wochen zuvor noch undenkbar. Nach Reden und Bieranstich geht ein deutsch-deutsches Faschingsprogramm über die Bühne, der Würzburger Polizeichor singt. "So ein Tag, so wunderschön wie heute" schmettern Würzburger und Suhler in der Kongresshalle gemeinsam, bevor sich am Abend die Busse wieder in Richtung Würzburg in Bewegung setzen.

Auch heute, 30 Jahre später, sind die Ereignisse von damals für Höland ein einziges Wunder. An der Grenze, wo es bei früheren Besuchen immer mal wieder Scherereien gab, werden die Busse auch bei der Rückfahrt einfach durchgewunken. "Dort standen dieselben Volkspolizisten, die mich ein Jahr zuvor kassiert hatten, und boten mir nun einen Schnaps und eine Bratwurst an", erinnert sich Höland. Was ihm dieser 14. Januar 1990 bedeutet? Der 72-Jährige muss nicht lange überlegen: "Für mich war das einer der schönsten Tage meines Lebens." 

In diesem Jahr feiert die Main-Post ihren 75. Geburtstag und die ganze Mediengruppe feiert mit. Das ganze Jahr lang durchsuchen wir die Archive und erzählen die wichtigsten und spektakulärsten Geschichten aus 75 Jahren noch einmal.

Blättert 30 Jahre später im Buch der Erinnerungen: Bernd Höland, Gründungsmitglied und langjähriger Vorsitzender des Freundeskreises Würzburg-Suhl. Foto: Thomas Obermeier

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