WÜRZBURG

25 Jahre Krisendienst: Eine Stunde ohne Tränen

Waltraud Stubenhofer (links) und Sonja Liebig helfen Menschen, die von Suizidgedanken gequält werden. Foto: Pat Christ

Eine seelische Krise muss kein Endpunkt sein. Sie kann eine neue Chance bieten. Dies gelingt jedoch nur, wenn Ziele und Wünsche reflektiert und neu bewertet werden. Hierfür ist ein professionelles Gegenüber hilfreich, das durch die Krise begleitet. Ein solches Gegenüber finden Menschen aus der Region seit 1990 beim ökumenischen Krisendienst in Würzburg. Seit 1991 ist der Dienst auch nachts da. Das 25-jährige Jubiläum des „kompletten“ Krisendienstes wird am 24. Juni im Burkhardushaus gefeiert.

Eine Krise kostet körperlich und seelisch immens viel Energie, die Betroffenen fühlen sich erschöpft und mitunter sprichwörtlich „lebensmüde“. Sie sehen keine Möglichkeiten mehr, die schwierige Situation zu bewältigen. Gründe, weshalb Menschen in eine nach ihrem eigenen Empfinden ausweglose Krise geraten sind vielfältig.

Das können gravierende familiäre Konflikte, der Tod eines geliebten Menschen, eine Trennung oder Einsamkeit sein. Außerdem kann es durch Angst vorm Altwerden, die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit oder plötzliche Arbeitslosigkeit zu krisenhaften Episoden kommen. In all diesen Fällen hilft die von der Arbeitsgemeinschaft „Ökumenische Telefonseelsorge und Krisendienst Würzburg Main-Rhön“ getragene Einrichtung.

In der Medizin ist die Krise der Höhepunkt einer körperlichen Erkrankung. Meist tritt danach eine Wende zum Besseren ein. Psychische Krisen sind anders. Die Betroffenen neigen zum „Tunnelblick“, ihre Sichtweise wird immer eingeschränkter. Irgendwann gibt es gar kein Licht mehr am Ende des Tunnels. In dieser Situation droht die Gefahr einer suizidalen Handlung. Alle 52 Minuten nimmt sich ein Mensch in Deutschland das Leben. In Unterfranken gab es im Jahr 2014 insgesamt 159 Suizidopfer.

Anonyme Hilfe

An den Würzburger Krisendienst kann man sich wenden, ohne seinen Namen nennen oder sich sonst wie outen zu müssen. „Selbst die Rufnummer wird bei uns weder angezeigt noch gespeichert“, versichert Krisendienstleiterin Waltraud Stubenhofer. Rund 470 Männer und Frauen aus Main-Spessart, Würzburg und Kitzingen kontaktierten den Tagdienst im vergangenen Jahr. Bis zu 668 Mal klingelte das Handy des 35-köpfigen Nachtdienstes, der aus professionellen Ehrenamtlichen besteht.

Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Krisendienstes versuchen, das Problem, das ihnen ein Klient schildert, ganz aus dessen Sicht zu verstehen. Voreilige Ratschläge gibt es nicht. In den Gesprächen wird allerdings an der Frage gearbeitet, welche Veränderungen vielleicht doch möglich sind – obwohl alles im Augenblick so ausweglos erscheint. Hilfreich ist Stubenhofer zufolge, einen Wechsel der Perspektive herbeizuführen: „Ich fordere die Klienten oft auf, von einem gedanklichen Aussichtspunkt aus, ihr bisheriges und zukünftiges Leben zu überblicken.“

Auf diese Weise wird sichtbar, dass es schon sehr oft im Leben gelungen ist, Probleme zu lösen. Es gab zwischendurch wohl längere Durststrecken, die alles andere als angenehm waren. Aber immer ging es bisher irgendwie weiter. Der spekulative Blick darauf, wie es vielleicht in 10 oder 20 Jahren sein könnte, macht den Klienten Mut und lässt Hoffnung keimen. Vielleicht wird es ja auch diesmal wieder gelingen, das Unglück zu überwinden und neue Lebensfreude zu entdecken.

Dass die Gespräche im Krisendienst den Klienten sichtlich gut tun, bestätigt Mitarbeiterin Sonja Liebig. Sie erinnert sich an eine Witwe, die seit dem Tod des Partners an Suizidgedanken litt. Mit ihren Töchtern konnte sie weder über den Tod des Ehegatten und Vaters noch über ihre Selbsttötungsgedanken reden. Die Gespräche mit Sonja Liebig machten der Seniorin neuen Mut. „Gestern habe ich eine ganze Stunde lang nicht geweint“, erzählte sie bei einem der Treffen. Kraft gab ihr außerdem der Aufenthalt in einer gerontopsychiatrischen Tagesklinik.

Hilfe ist immer da

An den Krisendienst können sich Menschen wenden, wann immer es ihnen aufgrund von eigenen Krisen oder aufgrund der Krise eines Angehörigen schlecht geht. „Manche Klienten kennen wir seit vielen Jahren“, schildert Einrichtungsleiterin Stubenhofer. Sie melden sich oft monatelang nicht. Dann folgt neuerlich eine Phase, wo sie oft Kontakt suchen. Dies geschieht häufig dann, wenn Veränderungen anstehen: „Etwa Wohnungsprobleme, finanzielle Schwierigkeiten, Probleme am Arbeitsplatz oder Druck vom Arbeitsamt.“

Erreichbar ist der Krisendienst an jedem Werktag von 14 bis 18 Uhr unter Tel. (09 31) 57 17 17. Zu dieser Zeit kann man auch persönlich vorbeikommen (Kardinal-Döpfner-Platz 1). Der Bereitschaftsdienst kann an jedem Tag des Jahres zwischen 18.30 und 0.30 Uhr kontaktiert werden. Das Angebot steht allen Bürgern aus der Region Würzburg kostenlos zur Verfügung.

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