WÜRZBURG

25 Jahre „Werkstattgespräche“ in der Unibibliothek

Neuerung: Norbert Gstreins (rechts) Lesung über „Die ganze Wahrheit“ markierte einen Epochenwechsel der Werkstattgespräche: Prof. Fotis Jannidis (links) löst Prof. Helmut Pfotenhauer als Ausrichter der literarischen Reihe ab. Foto: Joachim Fildhaut

Vierundfünfzig der wichtigsten deutschsprachigen Autoren gastierten seit 1985 in der Eingangshalle der Universitätsbibliothek auf dem Hubland. Einige mehrmals, so dass etwa zwischen dem hintersinnig komischen Dichter Robert Gernhardt und dem Organisator, dem Germanistik-Professor Günter Hess, eine regelrechte Freundschaft entstand. Hess konnte jetzt auf 63 Abende mit Lesungen und – teils pflichtgemäßer, teils turbulenter – Diskussion verweisen.

Und auf Rekorde: 700 Besucher drängten sich in der Halle, als Ulrich Plenzdorf oder Martin Walser sprachen. Letzterer trat 1999 kurz nach seiner umstrittenen Paulskirchenrede auf und stand denn auch in Mainfranken im Feuer erbitterter Kritik.

Autoren aus West- und Ostdeutschland hielten sich die Waage, resümierte Hess, der 15 Jahre lang die „Werkstattgespräche“ betreute. Sein Nachfolger Prof. Wolfgang Riedel, inzwischen Uni-Vizepräsident, hob hervor, dass die Reihe auch „wichtig nach innen“ sei, haben Studierende hier doch die Möglichkeit, mit Gegenwartsautoren ins Gespräch zu kommen. Der Eintritt ist nämlich frei, Honorar, Unterkunft und Reise zahlt der Universitätsbund, eine Fördervereinigung, die ansonsten hauptsächlich Anschubfinanzierungen für Forschungsprojekte gibt, bevor diese andere Geldgeber finden.

Gemeinsam mit Riedel managte zehn Jahre lang Prof. Helmut Pfotenhauer die Diskussionslesungen. Auf die man sich „ziemlich gut vorbereiten“ müsse, bekannte der Germanistiklehrer: „Denn wir wollen darüber sprechen, wie Literatur gemacht wird.“ Dass Prof. Hess diese Arbeit zuvor allein geleistet hatte, rang Pfotenhauer bei der Jubiläumsveranstaltung alle Achtung ab.

Vom neuen Management-Duo mit Prof. Roland Borgards stellte sich Prof. Fotis Jannidis als Moderator des Abends vor. Für den Computerphilologen, der sich „sonst nur mit toten Autoren beschäftigt“, war es zunächst noch „ein merkwürdiger Sprechakt, in Gegenwart eines lebenden Autoren das Werk eben dieses lebenden Autoren zu erklären“.

Der lebendige Schriftsteller neben ihm war der Österreicher Norbert Gstrein, durch dessen Romane sich laut Jannidis als Motive „die Nähe der Distanz“ und Kriege ziehen, dies allerdings immer in gebrochenen Perspektiven und „mit einem lustvollen, eleganten Stil“.

Als aktuelles Beispiel dafür las Gstrein ausgewählte Passagen seines aktuellen Romans „Die ganze Wahrheit“. Darin erzählt der Ex-Lektor eines Verlags davon, wie er ein Buch verhindern wollte, nämlich das, in dem die Frau vom Chef den Tod ihres Gatten verherrliche. Publikumsfragen nach einem autobiografischen Hintergrund von „Die ganze Wahrheit“ nahm Gstrein vorweg mit dem Hinweis, alle zwei Verlegerinnen, mit denen er in den letzten Jahren zusammenarbeitete, hätten ein Buch über den Tod ihres Manns geschrieben.

Spezifische Art von Humor

Diese sinnige Bemerkung führte zugleich in die spezifische Art von Humor ein, die auch den Roman durchwaltet – nicht auf Pointen aus, sondern hintergründig.

Beim anschließenden Werkstattgespräch wurde manche Anspielung auf den Literaturbetrieb geknackt. Norbert Gstrein hofft aber unabhängig von diesem Realitätsbezug, dass es „später, wenn der Suhrkamp-Verlag nicht mehr existiert“, noch Leser gibt, die „Die ganze Wahrheit“ als reine Fiktion lesen. Noch keinen Auftritt hatte er in der Ausstellung im Treppenhaus der Unibibliothek. Die vereint alle bisherigen Schriftsteller auf informativen Postern mit vielen Fotos.

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