WÜRZBURG-LAND

40 Jahre Landkreis Würzburg: Leistungsfähige Einheit in Europa

Herbert Franz (rechts) mit Nachfolger Gerhard Hartmann beim Redaktionsbesuch im Jahre 1999. Der ehemalige Landtagsabgeordnete Franz hat 1972 die Kreisreform als stellvertretender SPD-Kreisvorsitzender miterlebt. Foto: R. Rausch

Ministerpräsident Horst Seehofer schmeichelt den Landkreis-Oberen in seinem Grußwort zum 40. Jubiläum. Der Landkreis Würzburg präsentiere sich vier Jahrzehnte nach der Neuordnung mit der Einverleibung des Landkreises Ochsenfurt und Bereichen von Marktheidenfeld, Karlstadt, Gerolzhofen und Kitzingen „als eine leistungsfähige Einheit in der Mitte Europas.“

 

Symbol der Partnerschaft

Zum Landkreis-Jubiläum, das von Freitag, 7. September, bis Sonntag, 9. September gefeiert wird, sind bereits Delegationen aus den Partnerregionen Olomouc (Tschechien) und Matte Yehuda (Israel) eingetroffen. Den Gästen wird an diesem Donnerstag eine Würzburger Stadtführung sowie die Besichtigung des Müllheizkraftwerkes geboten. Am Nachmittag wird als Symbol für die Partnerschaften auf dem Gelände des Landratsamtes gemeinsam ein Baum gepflanzt. Die Partnerschaft mit den Israelis lebt in erster Linie vom gegenseitigen Jugendaustausch. Aber auch offizielle Delegationen treffen sich jährlich im Wechsel.
So in etwa dürfte der Ministerpräsident seine Botschaften zwar auch an die anderen 70 Landkreise formulieren, aber unabhängig davon zieht

„Fritz Wilhelm wollte den Kragen-Landkreis und hat ihn auch bekommen“

Herbert Franz SPD-Landtagsabgeordneter a. D.

der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete Herbert Franz (Bild) ebenfalls ein positives Fazit: „Diese Reform war zwingend notwendig gewesen.“ Einen wesentlichen Vorteil sieht er durch die Schaffung von effizienteren Verwaltungen. Der Umbruch sei „gut gelungen“ und von den neuen Landkreis-Bürgern angenommen worden.

Herbert Franz war 1972 noch stellvertretender SPD-Kreisvorsitzender und zog in jenem Jahr in den Kreistag ein. Dadurch sei er mit diesem Thema „politisch befasst“ gewesen. So weiß er noch, dass es im Ministerium durchaus auch andere Pläne gegeben habe, eine sogenannte „Sektoralaufteilung“ des Landkreises Würzburg.

Was hätte das für die Region bedeutet? Möglicherweise sollte Gerbrunn der Stadt zugeschlagen werden, mutmaßt Franz. Dann wäre Würzburg an die Landkreisgrenze von Kitzingen gestoßen. Ebenso hätte es dadurch auch Veränderungen im westlichen Bereich geben können, möglicherweise bis nach Arnstein und Karlstadt.

Diesen Sektoralplänen habe sich der damalige Landrat Fritz Wilhelm mit seinem politischen Schwergewicht entgegengestellt, blickt Franz zurück. „Wilhelm wollte den Kragen-Landkreis und hat ihn auch bekommen“.

Nutznießer war allerdings auch die Stadt Würzburg, die Landkreis-Gemeinden dazu bekam. So wurden bis 1978 nach und nach Ober- und Unterdürrbach, Versbach und Lengfeld Stadtteile. Die Rottenbauerer, Heimatort des damligen Landrats Wilhelm, haderten offenbar mit ihrem Kreischef und sind daraufhin als erste 1974 freiwillig zur Stadt gewechselt.

Nach der Gebietsreform kehrte bis zu ersten Hälfte der 90er-Jahre Ruhe ein, bis der damalige Oberbürgermeister Jürgen Weber plötzlich laut dachte. In Gedanken schwebte ihm eine neue Eingemeindungswelle vor. Er wollte den Speckrand ins städtische Boot holen und hatte an prosperierende Landkreis-Gemeinden wie Höchberg, Veitshöchheim, Zell, Gerbrunn, Rottendorf, Estenfeld und sogar Rimpar gedacht.

Doch niemand macht die Rechnung ohne dem Wirt, in diesem Fall gleich mit mehreren. Die betroffenen Bürgermeister und Landkreis-Verantwortliche fuhren Weber in die Parade. Wer sich noch erinnert, der weiß, wie es ausging: Es folgte ein kurzer Sturm der Entrüstung.

Der Oberbürgermeister holte sich eine blutige Nase und das Thema war fortan erledigt. Dazu befragt, urteilte Herbert Franz kurz und knapp: „Das war ohnehin keine ernsthafte Diskussion.“

Allerdings wurde dem SPD-Recken durch die Gebietsreform auch ein persönliches Opfer abgerungen. Weil sein Wohnort Lengfeld ebenso wie Versbach 1978 nach Würzburg „zwangs-eingemeindet“ wurde, „bin ich damals aus dem Kreistag geflogen.“ Dieses Schicksal musste er mit einem weiteren SPD-Genossen und zwei CSU-Vertretern teilen.

Der Landkreis wäre eine gute Partie

Finanzverwaltung schätzt den Wert des Immobilien-Besitzes auf mehr als 100 Millionen Euro

Filetstück: Die wohl wertvollste Immobilie des Landkreis ist sein blaues Amtsgebäude im Frauenland. Das Luftbild zeigt die Rückseite. Zu den weiteren Besitztümern gehören die Main-Klinik, Schulen, Seniorenheime, Äcker und über 300 Kilometer Straßen. Foto: Landkreis Würzburg

Der Landkreis Würzburg ist mit 1400 Beschäftigten nicht nur einer der bedeutenden Arbeitgeber in der Region, sondern hat auch einen großen Grundstücks- und Immobilienbesitz. Die Finanzverwaltung im Landratsamt Würzburg schätzt den Wert auf mehr als 100 Millionen Euro.

Wertvollstes Objekt ist ohne Zweifel das Gebäude in der Würzburger Zeppelinstraße im Stadtteil Frauenland. Es dient dem Landkreis als zentrale Anlauf- und Verwaltungsstelle. Dazu kommt noch die neue Außenstelle in der benachbarten Friesstraße, die jüngst ihrer Bestimmung übergeben wurde.

Beide Objekte gelten in Würzburger Immobilienkreisen als Filetstücke. Zumal das Hauptgebäude in der Zeppelinstraße in den vergangenen Jahren für mehr als sieben Millionen Euro aufwändig innen und außen saniert wurde.

Doch der Geldwert ist die eine Seite. Die andere, das sind viele Hektar Land, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten für den Naturschutz vom Landkreis aufgekauft wurden. Seien es die Trockenrasenhänge in Neubrunn-Böttigheim, am Kleinochsenfurter Berg oder im Bereich der Thüngersheimer Platte.

Verwalter der Liegenschaften ist Stefan Dürr im Landratsamt Würzburg. Er weiß, viel Besitz des Landkreises ballt sich in Ochsenfurt zusammen. Angefangen von der Main-Klinik über die Schulen, das Hallenbad bis hin zum Pallatium, dem früheren Herbstsitz der Würzburger Domherrn, der als Außenstelle des Landratsamtes dient. Allerdings gehört dieses historische Gebäude mit seinen riesigen Kellern dem Freistaat. Doch der hat es mietfrei für viele Jahrzehnte dem Kreis überlassen. Der Landkreis besitzt am Pallatium aber auch ein eigenes Verwaltungsgebäude.

Als wertvoll wird von Fachleuten auch die Immobilie des Deutschhaus-Gymnasiums am Zeller Berg in Würzburg eingestuft. Dort hat der Landkreis ebenfalls viele Millionen Euro in Sanierung und Ausbau gesteckt. Ein weiteres Landkreis-Gymnasium besteht in Veitshöchheim. Dazu kommt noch die Leopold-Sonnemann-Realschule in Höchberg sowie die Ruppert-Egenberger-Schule mit Unterrichtsstätten in Höchberg, Veitshöchheim, Gelchsheim und Sommerhausen.

Seniorenheime besitzt der Kreis in Aub und am Hubland in Würzburg. Dazu gesellt sich noch das Gebäude des Amtes für Landwirtschaft in der Von-Luxburg-Straße, der Bauhof in Giebelstadt und als jüngste Liegenschaft das Feuerwehr-Zentrum im Gewerbepark Klingholz.

Einen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb hat der Landkreis noch nicht, aber etliche Ackerflächen, die verpachtet sind, wie Dürr weiter berichtet. Die werden häufig für Ausgleichsflächen benötigt, wenn zum Beispiel eine neue Kreisstraße gebaut wird. Immerhin besitzt der Landkreis 306 Kilometer Straßen.

„Königlich Allerhöchste Anordnung“ von Ihrer Majestät

Noch ein Grund zum Feiern: 150 Jahre Bayerische Landratsämter  - Ein Bezirksamtmann war der Chef

Das waren noch Zeiten, als Bayern von einem König regiert wurde. Davon träumen heute noch viele, die sich die gute, alte Zeit wieder herbeiwünschen.

Einer „Königlich Allerhöchsten Verordnung“ des Bayerischen Königs Maximilian II. von anno dazumal ist es zu verdanken, dass es neben dem 40-jährigen Bestehen des Landkreises Würzburg in diesem Jahr bayernweit noch einen weiteren Anlass zum Feiern gibt: Der 1. Juli 1862 – vor 150 Jahren also – gilt als die Geburtsstunde aller bayerischen Landratsämter.

Mit dem Gesetz vom 24. Februar 1862 wurden innerhalb der bereits bestehenden Distriktgemeinden die Bezirksämter als Distrikt-Verwaltungsbehörden eingerichtet. Laut § 2 dieses Gesetzes musste jedes Bezirksamt mit einem Bezirksamtmann als Vorsitzenden besetzt werden, der als Chef des Amtes anzusehen war.

Gleichzeitig wurden die administrativen Aufgaben von der Justiz getrennt. Die Bezirksämter waren demnach reine Verwaltungsbehörden und damit die Vorläufer der heutigen Landratsämter. Die Entstehung der bayerischen Landratsämter ist nach dem Staatsumbau der Montgelas-Zeit um 1800 die wichtigste Verwaltungsreform des 19. Jahrhunderts. 1862 gilt als Meilenstein in der Geschichte der modernen Staatlichkeit Bayerns. Und das umso mehr, weil damals schon erkannt wurde, dass Landratsämter als bürgernahe Unterbehörden in einem Flächenlandkreis wie Bayern unerlässlich sind.

Veröffentlich wurde die „Königlich Allerhöchste Verordnung“ zur Errichtung der Bezirksämter im „Königlich Bayerischen seinerzeit im Kreisamtsblatt von Unterfranken und Aschaffenburg“, Nr. 32, vom 26. März 1862.

Landläufiges: Endlich WÜ statt MAR oder KAR

Wer 1972 noch ein junger Zeitgenosse war, hat inzwischen einige Jährchen mehr auf dem Buckel. So kann er die Zeitbegriffe in Bereiche „früher“, „damals“ oder auf gut fränkisch mit „Wäßt no?“ einordnen.

Wohlan! Greifen wir uns einen Aspekt aus der Zeit vor und nach 1972 heraus. Damals gab's um uns herum noch Autokennzeichen mit MAR, LOH, KAR und GEM. Die haben's jetzt auch nicht besser, denn sie sind trotz Kreisreform auf drei Buchstaben sitzen geblieben: MSP – Mammi sucht Papi.

Wir haben mit unserem WÜ wenigstens schon immer nur zwei Buchstaben und sind somit „Großstädterischer“. Profitiert davon haben die aus dem früheren OCH-Bereich, die 1972 angedockt worden sind und dadurch sicher heilfroh waren.

Ein Freund in Remlingen konnte nach der Kreisreform sein MAR-Kennzeichen für immer an die Innenwand seiner Garage nageln. Fortan fuhr sich's mit dem Kumpel und dem WÜ an der Stoßstange schon viel unbeschwerter durch die Lande. Das Drei-Buchstaben-Mitleid schwand schlagartig.

Vom Hinterwäldler mit drei Buchstaben rückte man mit WÜ schon in die Mittelklasse unter den Großstädten auf. Nicht profitieren konnten die von Marktheidenfeld, Lohr, Karlstadt und Gemünden – sie müssen halt seitdem mit MSP 'rumfahren. Und die von TBB auch. Die Armen.




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