Würzburg

500 statt 150 Teilnehmer bei Abschiebe-Demo in Würzburg

500 Menschen demonstrierten in Würzburg gegen die Abschiebepolitik der bayerischen Regierung. Auch ein Vertreter der AfD mischte mit und irritierte die Demonstranten.
Die Demonstranten wollten am Montag ihren Gefühlen Ausdruck verleihen, aber auch konkrete Forderungen an die Regierung durchsetzen. Foto: Fabian Gebert

Über 500 Menschen demonstrierten am Montagabend in Würzburg gegen die Abschiebepolitik der bayerischen Regierung. Anlass für die Demonstration war eine Sammelabschiebung von 36 Menschen nach Afghanistan im Januar, darunter sieben Afghanen aus Unterfranken. Insbesondere der abgeschobene Murtaza Azizi (22) aus Marktheidenfeld hatte in Würzburg und Umgebung viele Freunde, die ihrem Ärger und ihrer Trauer am Montag lautstark Luft machten.

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Demo gegen Abschiebungen

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Lukas Kleinhenz, Versammlungsleiter der Demonstration, kann es immer noch nicht fassen. Genau zwei Wochen ist es her, dass sein Freund Murtaza Azizi, genannt Sam, innerhalb eines Tages aus seinem Leben gerissen wurde. Zwei Wochen ist es her, dass Sam an einem dunklen Montagabend in einem vergitterten Polizeiwagen zum Münchner Flughafen gefahren wurde, um von dort nach Afghanistan abgeschoben zu werden. Ein Land, das ihm fremd geworden ist und in dem er um sein Leben fürchten muss. "Die ganze Situation ist absurd, es fühlt sich an, wie wenn jemand stirbt", sagt Lukas Kleinhenz traurig.

Um die Öffentlichkeit auf das Schicksal eines abgeschobenen Freundes aufmerksam zu machen, wurde die Demo ins Leben gerufen. Foto: Fabian Gebert

Mit 150 Menschen gerechnet, 500 sind gekommen

Um die Öffentlichkeit auf das Schicksal seines Freundes aufmerksam zu machen, hat er die Demonstration angemeldet. Gerechnet hat er mit etwa 150 Menschen, gekommen sind laut ihm und der Polizei letztlich über 500. Die Stimmung ist gedrückt. Die Demonstranten wollen ihren Gefühlen Ausdruck verleihen, aber auch konkrete Forderungen durchsetzen. "Wir fordern den sofortigen Stopp von Abschiebungen nach Afghanistan", ruft Lukas Kleinhenz den Demonstranten entgegen. Er hat sich auf eine Parkbank gestellt, um besser gesehen zu werden.

"Die ganze Situation ist absurd, es fühlt sich an, wie wenn jemand stirbt."
Lukas Kleinhenz, Versammlungsleiter der Demonstration

Auch Burkard Hose vom Würzburger Flüchtlingsrat ist gekommen, er wirkt wütend. "Asylrecht ist keine Gnade, sondern ein Recht", ruft er. Die bayerische Regierung würde reine Symbolpolitik betreiben und damit den Rechten in die Hände spielen. Die CSU wüsste ganz genau, dass Afghanistan nicht sicher ist. Dies sei ihr aber egal.

Offener Brief an Joachim Herrmann

Auch Professor Stephan Ellinger von der Uni Würzburg wendet sich direkt an die bayerische Regierung. Er hat einen offenen Brief an Innenminister Joachim Herrmann dabei, aus dem er vorliest. Es geht um ehrenamtliches Engagement, das die bayerische Regierung mit ihrem Verhalten verhöhnen würde: "Ich möchte Sie heute bitten, Ihren Umgang mit den ehrenamtlich engagierten Menschen in Bayern zu verändern. Genau diesen lebenswichtigen ehrenamtlichen Helfern geben Sie eine Ohrfeige nach der anderen. Sie verhöhnen die Arbeit all derjenigen, die wir in unserer Zeit so dringend brauchen, indem Sie gut integrierte, fleißige, motivierte und lieb gewonnene Freunde aus ihren sozialen Netzwerken herausreißen und in das unsichere Afghanistan zurückschicken."

Vertreter der AfD irritierte

Der Demonstrationszug setzt sich in Bewegung. Die Teilnehmer tragen Schilder mit der Aufschrift "Wir wollen unseren Freund wiederhaben", "Sam wir vermissen dich" oder "Was soll der Scheiß?".

Ein einzelner Mann läuft den Demonstranten in der Kaiserstraße entgegen. Mit erhobener Faust ruft er ihnen immer wieder "AfD! AfD! AfD!" entgegen. Die Demonstranten reagieren irritiert, ignorieren ihn jedoch weitgehend. Später wird sich herausstellen, dass es sich dabei um Hansjörg Müller, parlamentarischer Geschäftsführer der AfD im Bundestag, handelte, der zufällig gerade durch Würzburg lief. Auf Twitter wird er sich darüber beschweren, dass er "diesen Gutmenschenmist" über sich ergehen lassen müsste.

Die Teilnehmer der Demonstration starteten am Hauptbahnhof. Foto: Fabian Gebert

"In Sams ehemaliger Schulklasse gibt es noch zwei weitere, die es jederzeit treffen könnte", sagt Jürgen Bischof, Murtazas ehemaliger Klassenleiter, der auch bei der Demonstration mitläuft. Wie im Ausnahmezustand fühle er sich, aber viel machen könne er als Lehrer leider nicht. "Es ist wirklich abstrus, über was für alltägliche Kleinigkeiten wir uns ständig streiten, während andere Menschen damit rechnen müssen, jederzeit aus ihrem Leben gerissen zu werden."

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