VEITSHÖCHHEIM

7,4 Kilometer blindes Vertrauen

Lauftraining: Die sehbehinderte Herma Schädler (vorne in der Mitte) ist beim Laufen mit Reha-Ausbilderin Christine Haupt-Kreutzer über einen Strick verbunden. Seit einigen Wochen trainieren Mitarbeiter und Teilnehmer des Berufsförderungswerkes Würzburg in Veitshöchheim gemeinsam ... Foto: Thomas Obermeier

Es ist ein Leben mit einem Tunnelblick. Alles, was Herma Schädler sieht, ist nicht größer als ein kleiner Ausschnitt – ein Blick durch eine Röhre. Sie ist nicht etwa unaufgeschlossen, im Gegenteil, aber ihre Augen lassen schlicht nicht mehr zu.

Die 52-Jährige leidet an Retinitis pigmentosa, eine Erbkrankheit. „Ich habe die Krankheit seit meiner Geburt und es wird immer schlechter“, erzählt Schädler. Ein Schicksal, mit dem sie umzugehen weiß. Im pinken Tank-Top, schwarzer Jogging-Hose und Laufschuhen sitzt sie auf einem Sessel im Foyer des Berufsförderungswerkes (BFW) Würzburg in Veitshöchheim. Sie wirkt glücklich und voller Lebensfreude.

„Es gibt eigentlich keine Probleme. Wenn man sich ergänzt, ist ganz viel möglich.“
Christine Haupt-Kreutzer Reha-Ausbilderin

Seit zwei Monaten lebt Herma Schädler unter der Woche im BFW in Veitshöchheim. Damit sie weiterhin in ihrem Beruf arbeiten kann, erlernt sie hier die Punktschrift. Und das ist mühselig. „Es ist echt hart. Du kommst dir vor, als wärst du wieder sechs oder sieben Jahre alt“, erzählt Schädler.

Bei Laien als „Blindenschrift“ gebräuchlich, sprechen die, die sich auskennen von „Breilschrift“. Diese zu lernen, ist eine echte Herausforderung. Was Schädler motiviert: „Meine ganzen blinden Kollegen haben das auch geschafft.“

Etwa ein Jahr wird es dauern, bis sie die Worte, die aus maximal sechs Punkten gebildet werden, lesen kann. Sie braucht diese Fähigkeit, damit sie auch weiterhin als Verwaltungsfachangestellte bei der Telekom arbeiten kann. Die Augen sind zu schlecht geworden, um damit etwas zu lesen.

Wenn sie nicht paukt, freut sich Schädler über Abwechslung an der frischen Luft. Seit einigen Wochen trainieren Mitarbeiter und Teilnehmer des BFW gemeinsam auf ein Ziel hin: den Firmenlauf am Mittwoch, 1. Juli; Streckenlänge: 7,4 Kilometer.

„Wir sind seit einigen Jahren mit einer kleinen Gruppe beim Firmenlauf dabei. Mit unserem neuen Geschäftsführer haben wir uns überlegt, dass wir eine größere Truppe an den Start bringen wollen“, erklärt Marcus Meier, der für die Öffentlichkeitsarbeit des BFW zuständig ist. Mit Durchsagen und Aushängen haben sie getrommelt – und das hat gefruchtet.

Die inklusive Mannschaft wird aus etwa 100 Teilnehmern bestehen und damit eine der größten sein, die beim Firmenlauf antritt. Die meisten Teilnehmer können trotz Seheinschränkung alleine laufen.

Beim Training kann teilnehmen, wer möchte. Herma Schädler wartet bereits ungeduldig auf den Rest der Truppe. Für sie ist Sport ein fester Bestandteil ihres Lebens. „Hauptsache frische Luft und Natur. Das brauche ich, damit der Kopf frei wird“, erzählt sie. Schädler wuchs im Allgäu auf und war als Kind begeisterte Schwimmerin. In der späteren Wahlheimat München war sie in einer Tandemgruppe aktiv. Auch in den Bergen war sie oft wandern.

So ein Lauf in einer großen Gruppe und über eine lange Distanz ist aber etwas Neues für Schädler. Zur Unterstützung begleitet sie eine Mitarbeiterin. An diesem Trainingsnachmittag wird Reha-Ausbilderin Christine Haupt-Kreutzer mit der 52-Jährigen laufen. Sie spannen einen Strick zwischen sich und bilden kleine Knoten, damit sie beim Laufen nicht abrutschen.

Die Firmenlauf-Strecke beginnt am Dallenbergbad, führt durch die Sanderau und über die Alte Mainbrücke zurück. Engstellen und Hindernisse wie Wurzelstöcke können zu Problemen führen, wenn man nicht richtig sehen kann. Wie lösen die Teilnehmer diese Hürden? Schädler nimmt die Hand ihrer Begleiterin und drückt zu: „So“, sagt sie, „das bedeutet stopp!“ Was vor allem wichtig ist: Vertrauen und Kommunikation.

„Es gibt eigentlich keine Probleme. Wenn man sich ergänzt, dann ist ganz viel möglich“, sagt Haupt-Kreutzer. Neben ihrer Tätigkeit als stellvertretende Landrätin ist sie für die berufliche Rehabilitation am BFW zuständig und bildet in kaufmännischen Berufen aus- oder um. „Das geht alles, wenn man sich drauf einlässt. Problem sind immer noch die Barrieren im Kopf“, sagt sie. Sie will aber auch niemanden wegen Berührungsängsten anklagen. „Das kriegt eben keiner in die Wiege gelegt.“

Das inklusive Team hat beschlossen, beim Firmenlauf am Ende des Feldes zu laufen. „Auch wenn es hier vor allem nach dem Motto geht, „Dabei sein ist alle“, gibt es doch immer ambitioniert Läufer, die einfach keine Rücksicht nehmen“, erklärt Haupt-Kreutzer.

„Es ist auch für den behinderten wichtig, dass er Sport treiben kann“, betont die Reha-Ausbilderin. Für sie sei immer wieder beeindruckend, wie Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen beim Sport aufblühen. Die Freiheit, die ihnen sonst oft fehle, fänden sie beim Sport. Herma Schädler jedenfalls dreht eine Runde nach der anderen – mit einem fröhlichen Lächeln auf dem Gesicht.

Der Firmenlauf findet am Mittwoch, 1. Juli, statt. Alle Startplätze sind bereits ausgebucht. Wer zuschauen möchte, findet nähere Informationen unter www.firmenlauf-wuerzburg.de

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