Würzburg

Abrisskalender: Was in Würzburg jüngst verloren gegangen ist

Der Abrisskalender prangert den Verlust historischer Bausubstanz an. Zwölf Monatsblätter zeigen, was vom alten Würzburg in jüngster Zeit verschwunden ist.   
Die US-Tankstelle auf den Leighton Barracks wurde für die Landesgartenschau heraus geputzt und dann abgerissen. Foto: Antje Hansen

Den ersten Würzburger Abrisskalender gibt die Heiner-Reitberger-Stiftung heraus. Dafür wählte die Stiftung, die sich für Denkmäler in Würzburg einsetzt, zwölf Motive von "aktuellen oder anstehenden  städtebaulichen Dramen“ aus. Die zwölf Monatsmotive thematisieren den Verlust von historischer Bausubstanz im Stadtbild. Die Initiatoren wollen mit dem Kalender das Bewusstsein dafür schärfen.

So sah die Spiegelstraße vor zehn Jahren mit dem Eiscafé Venezia aus. Foto: Theresa Müller

Die Fotos werden ergänzt von Texten, die erklären was versucht wurde, um die Objekte zu erhalten und woran diese Versuche gescheitert sind. "Es wird die Vielfalt an Ausreden aufgezeigt, warum es in Würzburg nicht gelingt, die wenigen noch vorhandenen Bauten zu erhalten. Unweigerlich muss man sich fragen, warum es andere Städte schaffen, gleich ein Vielfaches davon zu erhalten, seien es zum Beispiel Bamberg, Regensburg, Heidelberg, Tübingen oder Lüneburg", schreibt Florian Evenbye, der Sprecher des Arbeitskreises Denkmalschutz in einer Pressemitteilung.

Erst vor kurzem abgerissen: Das Torwächterhaus am Zeller Tor. Foto: Florian Evenbye

So werden Wege aufgezeigt, wie mehr Denkmalschutz realisiert werden könnte. "Der Erhalt historischer Gebäude ist gerade in Zeiten des Klimawandels wichtig, da Neubau aus Beton der größte Einzelposten beim weltweiten Ausstoß von Klimagasen ist", nennt Evenbye ein aktuelles Argument für Denkmalschutz. 

Die Tankstelle am letzten Tag der Landesgartenschau. Foto: Torsten Schleicher

Elf Motive gehen auf Abrisse aus jüngster Zeit zurück. Dazu gehört das Torwächterhaus am Zeller Tor, das zum Gesamtensemble der barocken Würzburger Stadtbefestigung gehörte und in dem die städtische Umweltstation untergebracht war. Die US-amerikanische 50er-Jahre Tankstelle am Hubland wurde nach einer öffentlichen Diskussion und Petition für den Erhalt im Juni 2019 abgerissen . Auch das  letzte Gerberhaus der Stadt, das aus dem Jahr 1725 stammt, wurde mitsamt seines Gewölbekellers und romanischer Mauerreste in diesem Jahr beseitigt. Der Text erklärt, dass es durchaus auch Investoren für eine Nutzung der historischen Mauern gegeben hätte. 

Diese Wohnanlage aus den 1920er Jahren wurde im Sommer abgerissen Foto: Florian Evenbye

Eine Wohnanlage aus der Gründerzeit mit Art déco Stilelementen in der Sanderau wurde im Sommer zerstört - hier zeigt der Kalender filigrane Details des Gebäudes und nennt Stadträte, die gegen den Abriss gestimmt haben.  

Art déco Elemente zierten das Haus in der Sanderau Foto: Floria Evenbye

Ein weiterer Monat ist dem barocken Pavillon und dem 2011 verschwundenen Garten in der Spiegelstraße gewidmet. "Dieses Thema halten wir weiterhin für aktuell, aufgrund der Diskussion um den Erhalt von Grünflächen in eng bebauter Umgebung in Zeiten des Klimawandels und sich aufheizender Städte im Sommer", erklärt dazu Evenbye. Auch werde die graue Fußgängerzone Eichhorn/Spiegelstraße, die heuer fertig gestellt wurde, nach wie vor von von vielen Würzburgern kritisiert.

Die filigranen Pavillons aus den 50er Jahren wurden am Hauptbahnhof bereits 2017 abgerissen. "Wir finden es schade, dass Oberbürgermeister Christian Schuchardt trotz mehrfacher Anschreiben verschiedener Stellen nicht auf die Bitte reagierte, wenigstens einen Pavillon stehen zu lassen," heißt es im Text der Reitberger-Stiftung dazu.  

Zwei Reihen mit Buden aus den 50er Jahren prägten den Bahnhofsplatz. Foto: Daniel Peter

Auch für den Erhalt des Hauses der Gaststätte Zum Onkel in der Frankfurter Straße engagierten sich Würzburger Bürger. 2014 wurde es abgerissen. 

Die letzten Fotos der Gaststätte Zum Onkel in der Zellerau entstanden 2014. Foto: Norbert Schwarzott
Ein Archivbild der Jugendstil-Bäckerei Zierlein in der Haugerpfarrgasse aus dem Jahr 1985. Foto: Volksblatt

Dass es bis vor kurzen noch eine originale Jugendstil-Bäckerei in der Innenstadt gab, sieht man auf einem anderen Monatsblatt.  Gezeigt werden Details der Wandverkleidung aus Reliefkacheln mit Distelblüten-Ornamenten. Die Bäckerei Zierlein in der Haugerpfarrgasse verschwand 2018. "Die Einrichtung, die viele Menschen fasziniert hat, gibt es nicht mehr. Das ist auch ein Ergebnis zögerlicher Denkmalpflege beziehungsweise Stadtverwaltung", heißt es im Begleittext.     

Hölzerne Tribüne und Dachstuhl machen die Frankenhalle aus.  Foto: Johannes Kiefer

Einige Monatsblätter widmen sich Denkmälern, die man noch retten könnte. So zum Beispiel der denkmalgeschützten Frankenhalle, für die 2018 ein Investor gefunden wurde, der zumindest Teile der Halle erhalten möchte. Ein anders Objekt ist das Weinberghaus, das unterhalb des Neubergs zwischen den Reben verfällt. Hier gäbe es schon konkrete Rettungspläne. 

Das verfallene Weinberghaus. Foto: Florian Evenbye

Der Kalender ist kostenlos - über eine Spende freut sich die Reitberger-Stitung.

Abgeholt werden kann der Abrisskalender in den Läden Schuhhaus Dorsch in der Karmelitenstraße 27, in Der Hutladen in der Augustinerstraße 4, im Café Viertelkultur in der Sedanstraße 2, im Copy-Shop Englert in der Erthalstraße 36 sowie im ROT WEISS ROSÉ - Drei Farben Wein, im Bürgerbräu-Keller an der Frankfurter Str.87. Dort stehen Spendenboxen, die Kontoverbindung steht auf der Rückseite des Kalenders.

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