WÜRZBURG

Albert von Koelliker: Würzburger Anatom von Weltruf

Albert von Koelliker: Im 19. Jahrhundert war Würzburg für die berühmtesten Medizin-Professoren oft nur Zwischenstation auf dem Weg nach Berlin, Wien oder Prag. Nicht so für Koelliker, der hier fast sechs Jahrzehnte lebte und forschte. Vor 200 Jahren wurde er geboren.
Albert von Koelliker wurde von Carl Albert Dauthendey, einem der ersten Fotografen in Deutschland, fotografiert. Der Würzburger Hobbyhistoriker Willi Dürrnagel hatte dieses Visitenkartenporträt für seine Sammlung erwerben können.
Albert von Koelliker wurde von Carl Albert Dauthendey, einem der ersten Fotografen in Deutschland, fotografiert. Der Würzburger Hobbyhistoriker Willi Dürrnagel hatte dieses Visitenkartenporträt für seine Sammlung erwerben können. Foto: Sammlung Dürrnagel

Als der gebürtige Züricher Albert von Koelliker 1847 Professor der Experimentalphysiologie und Verglei-chenden Anatomie in Würzburg wurde, war er gerade einmal 30 Jahre alt. Zusammen mit dem vielseitigen Kliniker Franz Rinecker, dem klinischen Chemiker Johann Joseph Scherer, dem Frauenarzt Franz Ki-wisch von Rotterau und – nach der gescheiterten Revolution von 1848 – dem genialen Pathologen Rudolf Virchow machte er Würzburg innerhalb weniger Jahre zu einem europaweiten Zentrum medizinischer Grundlagenforschung.

Im Schatten von Rudolf Virchow

Deutlich verbesserte Mikroskope sowie ausgetüftelte, ständig verfeinerte Färbetechniken erlaubten die Entdeckung bislang unsichtbarer Zellstrukturen – und verhalfen der Untersuchung von Gewebsschnitten zu einer Blütezeit. Dies ermöglichte Virchow die Entwicklung seiner „Zellularpathologie“, das heißt die Erklärung von Krankheitsprozessen auf Zellebene. Sein fleißiger und bescheidener Kollege Koelliker, den das Licht des selbstbewussten Virchow überstrahlte, wurde zum „Papst der Histologie“, das heißt der mikroskopischen Anatomie.

Zahl der Medizinstudenten stieg an

Zusammen mit älteren Kollegen gelang es dem neu berufenen Fünfgestirn junger Pro-fessoren, die Zahl der Medizinstudenten in Würzburg anschwellen zu lassen. Begünstigend wirkte, dass das alte, zugige und viel zu kleine anatomische Theater im heutigen Juliusspital-Pavillon zugunsten eines geräumigeren Gebäudes, des Medizinischen Kollegienhauses (an der Stelle des heutigen Juliusspital-Parkhauses) aufgegeben wurde. In diesem frühen „Bio-Zentrum“ forschten und arbeiteten Anatomen, Pathologen, Physiologen und Chemiker Tür an Tür – in unmittelbarer Nähe zum Botanischen Garten und den Kliniken im Juliusspital.

Mit der 1849 gegründeten „Physikalisch-Medizinischen Gesellschaft“, die auch eine eigene, weithin beachtete Zeitschrift herausgab, fanden die Forscher zudem ein Forum, um eigene und fremde Erkenntnisse kritisch zu diskutieren.

Der Lehrer

Bei seiner Berufung – nur wenige Jahre älter als seine Studenten – konnte Koelliker diese rasch für sein Fach begeistern. Als die Würzburger Studentenschaft 1848 aus Verärgerung über Übergriffe des Militärs nach Wertheim auszog, gelang es dem jungen Schweizer, die Kommilitonen zur Rückkehr zu bewegen. Was die Medizinstudenten außer an dem anschaulichen, lebhaften und überaus gediegenen Vortrag beeindruckte, war, dass er beidhändig an der Tafel zeichnete. Noch als Achtzigjähriger ließ er es sich nicht nehmen, zusammen mit den Studenten Leichen zu sezieren und zu mikroskopieren. Für die Schweizer unter ihnen richtete er außerdem ein „Kränzchen“ ein, vielleicht auch, um sein Schwyzerdütsch in Franken nicht ganz zu vergessen.

Der Wissenschaftler

Albert von Koelliker war ein ausgesprochen produktiver und vielseitiger Forscher. Für seine Studenten und Kollegen fasste er die immer zahlreicheren neuen Erkenntnisse seines Faches übersichtlich in zwei Lehrbüchern zusammen, von denen das erste mehr als Nachschlagewerk, das zweite als Kompendium gedacht war. Diese beiden sehr populären Werke wurden rasch ins Englische (erschienen in London/GB und Philadelphia/USA), Französische, Italienische und Spanische übersetzt und begründeten seinen internationalen Ruhm.

Auch in Deutschland erlebten sie zahlreiche, immer wieder verbesserte, aktualisierte und ergänzte Neuauflagen.

Mehrere Forschungsreisen

Kein Wunder, dass Würzburg zum Mekka der Anatomie wurde, das Studenten, aber auch Ärzte und Wissenschaftler aus aller Welt anlockte. Eigene Forschungsreisen führten Albert Koelliker an die Zoologische Station nach Neapel sowie nach England, Schottland, Frankreich, Belgien und Italien. Leider ist der umfangreiche Briefwechsel aus dem Nachlass im Zweiten Weltkrieg verbrannt, der das umfassende Netzwerk dokumentierte, das der Anatom aufgebaut hatte. Hierzu zählen auch Camillo Golgi und Santiago Ramón y Cajal, die Koelliker für deren bahnbrechende Forschungen zum Nervensystem erfolgreich für den Nobelpreis vorschlug.

Noch im Anatomiepavillon entdeckte 1851 ein italienischer Gastwissenschaftler, Alfonso Corti, das später nach ihm benannte Cortische Organ im Innenohr und trug so zum Verständnis des Hörvorganges bei. Koellikers 1849 zusammen mit seinem Kollegen Theodor von Siebold begründete ,Zeitschrift für Wissenschaftliche Zoologie‘ war das maßgebliche Organ der Forschung und wurde weit über den deutschsprachigen Raum hinaus wahrgenommen.

Ehrungen und Nachleben

Der bayerische König wie auch die Stadt Würzburg wussten Koellikers Treue zur Universität und seine wissenschaftliche Leistung zu schätzen: Neben der Adelserhebung und der Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt durfte er noch erleben, dass die ehemalige Stelzengasse an dem von ihm errichteten Anatomischen Institut seinen Namen erhielt.

In den fast sechs Jahrzehnten seiner Würzburger Tätigkeit haben Generationen von Medizinstudenten bei Koelliker studiert. Seit 2003 verleiht die Medizinische Fakultät für herausragende Leistungen in der Lehre den „Koelliker-Preis“. Und zu seinen Ehren tagt die Deutsche Anatomische Gesellschaft alljährlich nicht an wechselnden Kongressorten, sondern stets an „seinem“ Institut in Würzburg.

Auch der derzeitige Würzburger Institutschef Süleyman Ergün ist ein großer Bewunderer seines berühmten Vorgängers.

Obwohl die Wissenschaft heute – mehr als ein Jahrhundert nach seinem Tod – mit der Zell- und Gefäßbiologie natürlich viel weiter in die Geheimnisse der Anatomie vorgestoßen ist, bleiben Koellikers Forschungen grundlegend und für moderne Wissenschaftler noch immer inspirierend.

Albert von Koelliker

• Geboren 6.7.1817 in Zürich.

• Gymnasium in Zürich

• Medizinstudium in Zürich, Bonn und Berlin

• 1841: Promotion zum Dr. phil. in Zürich

• 1842: Promotion zum Dr. med. in Heidelberg

• Forschungsaufenthalt in Neapel und Sizilien (Meeresfauna)

• Assistent und Prosektor in Zürich

• 1843: Habilitation in Zürich

• 1844: Extraordinarius für Physiologie und Vergleichende Anatomie in Zürich

• 1847: Professor der experimentellen Physiologie und vergleichenden Anatomie in Würzburg

• 1849-1897: Ordinarius der Anatomie in Würzburg

• 1854: Bezug des Kollegienhauses

• 1866: Niederlegung des Lehrauftrags für Physiologie

• 1883: Bezug des neuen Anatomischen Instituts in der heutigen Koellikerstraße

• 1897: Emeritierung, Titel: Exzellenz

• 1892: Ehrenbürger von Würzburg • 1895: In einer Sitzung der von Koelliker mitbegründeten Physikalisch-Medizinischen Gesellschaft stellte Conrad Röntgen die von ihm entdeckten Strahlen vor. Der damals knapp achtzigjährige Ehrenpräsident Albert von Koelliker hielt seine Hand in den Strahlengang (siehe Foto)

• 1897: „Koelliker-Straße“ in Würzburg

• Gestorben 2.11.1905 in Würzburg. FOTO: FZB-Atelier

Erst das 1883 nach Koellikers Planungen und ausschließlich für die Anatomie errichtete Gebäude in der heutigen Koellikerstraße nahe dem Juliusspital bot ausreichend Raum für wachsende Studentenzahlen und Forschungslabore.
Erst das 1883 nach Koellikers Planungen und ausschließlich für die Anatomie errichtete Gebäude in der heutigen Koellikerstraße nahe dem Juliusspital bot ausreichend Raum für wachsende Studentenzahlen und Forschungslabore. Foto: Sammlung Mettenleiter
Professor Süleyman Ergün, der heute das Anatomische Institut leitet, ist stolz auf seinen berühmten Vorgänger Koelliker (hinten in einem Bild).
Professor Süleyman Ergün, der heute das Anatomische Institut leitet, ist stolz auf seinen berühmten Vorgänger Koelliker (hinten in einem Bild). Foto: A. Mettenleiter

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