Als Bomben vom Himmel fielen

Obertheres Die Muttertagsfeier des Seniorenkreises Obertheres-Buch-Horhausen stand unter dem Motto: "Erinnern schafft Zukunft". Im Mittelpunkt der Feier stand ein Referat von Bianca Lang aus Haßfurt zum Thema: "Obertheres im Zweiten Weltkrieg".
Die Schülerin Bianca Lang aus       -  Die Schülerin Bianca Lang aus Obertheres hielt beim Seniorenkreis Obertheres-Buch-Horhausen einen
interessanten und informativen Vortrag zum Thema 'Obertheres im Zweiten Weltkrieg'.
Die Schülerin Bianca Lang aus Obertheres hielt beim Seniorenkreis Obertheres-Buch-Horhausen einen interessanten und informativen Vortrag zum Thema "Obertheres im Zweiten Weltkrieg". Foto: FOTO ULRIKE LANGER
Bianca Lang, die heuer ihr Fachabitur an der Berufsoberschule in Schweinfurt ablegen wird, hatte für ein Geschichtsreferat Zeitzeugen befragt, im Archiv von Klaus Dindorf geforscht, das Tagebuch von Lorenz Säger und das Kriegstagebuch von Thomas Viernekäs gelesen sowie das Buch zur 1200-Jahrfeier studiert und daraus eine Zusammenfassung geschrieben.

 

Zunächst erzählte sie den Senioren, die diese Zeit selbst erlebt haben, von den Anfängen des Dritten Reichs. So wurde damals Julius Vogel zwar zum Bürgermeister gewählt, aber vom nationalsozialistischen Bezirks-Sonderkommissar und vom Bezirksamt nicht bestätigt. So trat Baron Guntram von Gise das Amt an, der dann einem komplett nationalsozialistischen Gemeinderat vorstand. Zwei Oberthereser Vereine, der Junggesellenclub der 12 Geheimen und die KAB entkamen der Gleichschaltung durch die Umbenennung in "Vereinigte Musikfreunde" und "Sterbegeldvereinigung".

Bianca Lang schilderte auch, dass das einzige Fahrzeug, das der Bäckerei Ullrich gehörte, beschlagnahmt wurde, bei der Einführung von Lebensmittelkarten die beiden Geschäfte in Buch von "Hamsterern" gestürmt wurden und sowohl Buch als auch Obertheres so genannte "Rückwanderer" aus der Pfalz und dem Saarland zugewiesen bekamen. Nach dem Krieg seien zwar viele von ihnen wieder gegangen, doch manche hätten ihr Glück in Obertheres gefunden. Einer von ihnen, Georg Burkardt, lebe noch heute hier.

Als die Verdunkelung eingeführt wurde und eine Krankenschwester in Obertheres darauf vergaß und das Licht brennen ließ, wurde ihr Haus von einer Bombe getroffen. "Verletzte", so Bianca Lang, "gab es aber glücklicherweise keine." Sie erinnerte auch an das Kinderverschickungslager im Schloss derer von Gise, den Abtransport der Glocken aus Obertheres und an die Zerstörung des alten TV-Sportheims, als ein amerikanischer Flieger eine Bombe verlor. Aus den Unterlagen der Schule entnahm sie, dass die Schule zur Seidenraupenzucht eingeteilt wurden und Knochen, Lumpen, Eisen, Papier und Bucheckern sammeln musste. 1944 durfte man nicht mehr Fahrrad fahren, weil der Gummi für die Kriegsführung ein wichtiger Rohstoff war.

Bianca Lang erinnerte an den heute berühmten Schriftsteller Paul Maar, der während des Krieges aus Schweinfurt mit seiner Mutter nach Obertheres zu Verwandten gekommen war. Er schilderte dies "als eine Reise aus der Vorhölle ins Paradies". Denn in Obertheres gab es keine Bomben, kein nächtliches Flüchten im Schlafanzug, keinen Feuerschein, sondern blühende Wiesen, unbeschwertes Spielen am Mainufer, viele Freunde und vor allem seinen Opa Schorsch.

Kurz vor dem Ende des Krieges wurde mit Bernhard Firsching ein gebürtiger Oberthereser hingerichtet, der in Nürnberg als Friseur tätig war und einem Soldaten geraten hatte, nicht mehr in den schon verlorenen Krieg zurückzukehren. 1944 gab es einen Tieffliegerangriff auf einen Eisenbahnzug bei Obertheres, bei dem elf Menschen starben und in einem Massengrab bei der Marienkapelle beigesetzt wurden.

Ausführlich schilderte Bianca Lang auch das Ende des Krieges, als die Amerikaner über Buch kommend in Obertheres einmarschierten. Da Obertheres keinen Widerstand leistete, blieb es unbeschädigt. Baron von Swaine musste sein Schloss als Wiedergutmachung den Amerikanern zur Verfügung stellen und Wagenhausen an Flüchtlinge abtreten. Dem Gemeindeschreiber Lorenz Hußlein wurde unrechtmäßig unterstellt, ein Nationalsozialist gewesen zu sein. Erst ein Verfahren klärte seine Unschuld.

Nach dem Krieg kamen zu den 549 Bewohnern von Obertheres weitere 300 Flüchtlinge unter anderem aus Schlesien, dem Sudetenland, aus Ungarn und Estland hinzu. 1948 stellte man in Obertheres fest, dass noch 22 Soldaten vermisst werden und sich noch 17 in Kriegsgefangenschaft befinden. Für ihren Vortrag erhielt Bianca Lang viel Applaus.

Zuvor hatte Margarita Winter den rund 70 Senioren einige Gedanken zum Muttertag vorgetragen. Die Flötenkinder der Musikschule Gädheim erfreuten die Gäste mit einigen Melodien und die 86-jährige Gerda Dindorf schilderte humorvoll einige Erinnerungen an die Bitttage in ihrer Jugendzeit.

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