GIEBELSTADT

Am Beginn einer Neid-Debatte?

Professor Johannes Holzner von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf einwarf beim Maschinenring Maindreieck ein alarmierendes Szenario über die künftigen Herausforderungen für die Landwirtschaft. Foto: Gerhard Meißner

Ist der Neid einer zunehmend urbanisierten Bevölkerung die größte Herausforderung, der sich die Landwirtschaft in den kommenden Jahrzehnten stellen muss? So sieht es zumindest Johannes Holzner, praktizierender Landwirt und Professor für angewandte Betriebswirtschaft und Unternehmensplanung an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. In einem Referat bei der Jahreshauptversammlung des Maschinenrings Ochsenfurt-Maindreieck entwarf er ein ebenso überraschendes wie alarmierendes Szenario.

Maschineneinsatz mit GPS

Die Digitalisierung ist in der Landwirtschaft bereits weit fortgeschritten. Auch der Maschinenring Maindreieck mit seinen aktuell knapp 1300 Mitgliedern stellt sich dem Thema. Vor Jahren schon wurde ein GPS-basiertes System installiert, das den angeschlossenen Landwirten einen zentimetergenau Maschineneinsatz auf ihren Äckern ermöglicht. Das Potenzial der Technik reicht weit, von der Bodenschonung, weil über Jahre hinweg die gleichen Fahrgassen in den Feldern benutzt werden können, bis zum punktgenauen und damit minimierten Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln.

In Zusammenarbeit mit dem Software-Hersteller SAP bietet der Maschinenring seinen Mitgliedern in Kürze ein Betriebsmanagement-System an, in dem von der Düngebilanzierung bis zur Schlagkartei alle relevanten Daten des Feldanbaus erfasst und ausgewertet werden können. Computertechnik, die bislang vorwiegend von Großbetrieben genutzt wurde, wird so auch kleinen Familienbetrieben verfügbar gemacht – im besten Sinn der Maschinenring-Idee, so Betriebsberater Fabian Zipfel.

Drohnen zur Schädlingsbekämpfung

Sogar Drohnen kommen inzwischen zum Einsatz, berichtet Maschinenring-Geschäftsführerin Jutta Michel. Im vergangenen Jahr wurden die kleinen Fluggeräte erstmals testweise zur biologischen Bekämpfung des Maiszünslers eingesetzt. Dabei werden Eier von Schlupfwespen, Fressfeinden des Maiszünslers, punktgenau über befallenen Pflanzen ausgebracht.

Die weitere Digitalisierung und Technisierung ist nur eine der Herausforderungen, denen sich die Landwirtschaft in der Zukunft stellen muss, sagt Professor Johannes Holzner. Eine weitere ist der Umgang mit der Gentechnik. Von einem Großteil der Verbraucher wird sie abgelehnt. Doch neuere Verfahren wie die sogenannten CRISPR/Cas-Methode lassen die Grenzen zwischen konventioneller Züchtung und Gentechnik verschwimmen.

Neue gentechnische Verfahren

Statt wie bisher ein artfremdes Gen in eine Pflanze einzuschleusen, werden dabei die pflanzeneigene Gene verändert, um Erträge zu steigern oder die Anfälligkeit für Krankheiten zu minimieren. Die Folge: Die Genveränderung ist nicht mehr nachweisbar. Ob die neue Technologie Fluch oder Segen für die Landwirtschaft ist, will Holzner nicht bewerten. Fest stehe indes, dass die Abhängigkeit der Landwirte von den internationalen Chemie- und Saatgut-Konzernen dadurch wieder ein Stück größer wird.

Man müsse sich dieser Veränderungen bewusst werden, um vorbereitet zu sein, fordert der Hochschullehrer. „Strategien kann ich erst entwickeln, wenn ich weiß, was auf mich zukommt.“ Das betrifft auch den fortschreitenden gesellschaftlichen Wandel. Seit Jahren ziehe es die Bevölkerung vom Land in die Stadt. Das gewachsenen Verhältnis zur Landwirtschaft und das Verständnis für ihre Erfordernisse gehe dadurch verloren.

Landflucht und Wohnungsknappheit

Landwirte gelten nicht mehr als die Schöpfer der Kulturlandschaft, sondern als deren Bedrohung. Das werde an den, aus Holzners Sicht oftmals irrigen Vorstellungen zur Tierhaltung oder zum Einsatz von Pflanzenschutzmitteln deutlich. Vor allem aber führe die Landflucht zu Wohnungsknappheit in den Ballungsräumen und steigenden Mietpreisen. Und genau damit sieht Johannes Holzner die Saat für gesellschaftlichen Neid gelegt. „Es geht darum, dass in der Großstadt jemand sitzt, der die Hälfte seines Gehaltes für eine 50-Quadratmeter-Wohnung ausgibt und sieht, dass die Bauern auf dem Land ein großes Haus haben“, sagt er.

Ein weiteres Spannungsfeld, dem sich die Landwirte werden stellen müssen, ist Holzner überzeugt. Einen Rat, auf welche Weise sie das tun sollten, blieb er seinen Zuhörern allerdings schuldig. „Ich kann die Herausforderungen aufzeigen, Antworten kann ich nicht geben.“ Vielleicht nur so viel: Mehr denn je komme es darauf an, sich in die gesellschaftliche Diskussion einzumischen, aufzuklären, Transparenz zu zeigen – ein steiniger Weg.

Rekordjahr für den Maschinenring

Der Maschinen- und Betriebshilfering Maindreieck ist eine Vereinigung, in der sich Landwirte durch den Austausch von Maschinen und Arbeitskraft gegenseitig unterstützen.

Von den 1284 Mitgliedern nahmen laut Geschäftsführerin Jutta Michel im vergangenen Jahr 827 Leistungen in Anspruch, 254 brachten selbst Arbeitsleistung ein. Dabei wurden insgesamt 44 000 Hektar Ackerfläche bewirtschaftet.

Mit 10,5 Millionen Euro lag der Verrechnungswert der erbrachten Leistungen erstmals über der Zehn-Millionen-Marke. Die Steigerung zum Vorjahr um 23 Prozent ist vor allem der Rekord-Zuckerrübenernte geschuldet. Mit rund 8 Millionen Euro schlagen die Rodung und der Transport der Zuckerrüben als bedeutendster Posten in der Bilanz zu Buche.

Die soziale und wirtschaftliche Betriebshilfe, die landwirtschaftlichen Betrieben bei Krankheitsfällen oder anderen Ausnahmesituationen zur Seite steht, leistete insgesamt 38 305 Einsatzstunden mit einem Verrechnungswert von 650 000 Euro.

Weitere hauswirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Betriebshelferinnen und Helfern werden nach den Worten der Geschäftsführerin derzeit dringend gesucht, auch in Teilzeit oder stundenweise.

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