GIEBELSTADT

Andrii und Vitalii wollen helfen

Eingeschworene Feuerwehrkameraden: der Vorsitzende des Giebelstadter Feuerwehrvereins Tobias Steigerwald, die ukrainischen Asylbewerber Andrii Donchuk und Vitalii Talan sowie Kommandant Michael Kramosch. Bei der Giebelstädter Wehr hoffen alle, dass die ukrainischen Kameraden blei... Foto: Gerhard Meißner

Schläuche ausrollen, das Strahlrohr ankuppeln, Wasser marsch! Es klappt schon ganz gut, was die rund 50 Feuerwehranwärter in den ersten vier Wochen ihres Grundlehrgangs gelernt haben. Sie kommen aus den umliegenden Gemeinden und bereiten sich im ehemaligen Kasernengelände in Giebelstadt auf ihren aktiven Feuerwehr-Dienst vor. Mit dabei auch Andrii Donchuk und Vitalii Talan, zwei Asylbewerber aus der Ukraine.

Für Andrii und Vitalii ist es gewissermaßen ein Heimspiel. Sie leben in einer Gemeinschaftsunterkunft in Giebelstadt gehören seit einem Jahr zur Feuerwehr. Sie hatten sich damals eine Übung angesehen und beschlossen: Da wollen sie dabei sein. „Ich hatte das Klischee, dass die Feuerwehr nur Feuer löscht“, erzählt Vitalii, „dabei ist es die wichtigste Aufgabe, Leute zu retten. Ich möchte auch Leute retten.“ Andrii ergänzt: „Alle Leute helfen uns hier. So können auch wir helfen.“

Bei ihren Feuerwehrkameraden stießen sie damit anfangs nicht nur auf Zustimmung, erinnert sich Kommmandant Michael Kramosch. Passen die überhaupt in unsere eingeschworene Gemeinschaft? Wie lange dürfen sie überhaupt in Giebelstadt bleiben? So ähnlich lauteten die Fragen damals. Auch seitens der Gemeinde habe es Vorbehalte gegeben, so Kramosch. Schließlich muss sie für Ausrüstung und Lehrgangskosten aufkommen, ohne zu wissen, wie lange die beiden Ukrainer tatsächlich bei der Feuerwehr bleiben können.

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Feuerwehrausbildung

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Andrii und Vitalii wussten schließlich, durch ihre Motivation zu überzeugen. „Ich hab' in 25 Jahren bei der Feuerwehr noch niemand kennengelernt, der so lernbegierig war“, sagt Kommandant Kramosch. Und auch Tobias Steigerwald, Vorsitzender des Feuerwehrvereins, ist voll des Lobes. „Im Verein helfen sie tüchtig mit, ich bin echt stolz“, sagt er.

Dabei war eine freiwillige Feuerwehr für die Beiden etwas vollständig Neues, als sie nach Giebelstadt kamen. In der Ukraine gibt es nur Berufsfeuerwehren, sagt Andrii. Auch in ihrer Heimatstadt Donezk.

Im Kreis der übrigen Feuerwehranwärter fallen die Beiden auf. Die meisten von ihnen sind kaum älter als 16, das Mindestalter für den aktiven Feuerwehrdienst. Vitalii hingegen ist 23, Andrii sogar schon 31. In der Feuerwehr-Inspektion Mitte sind es die ersten Asylbewerber, die sich auf normalen Dienst in einer Feuerwehr vorbereiten, sagt Kreisbrandmeister Jürgen Fuß.

Fuß leitet den Grundlehrgang. Fünf Wochen lang lernen die Teilnehmer die Grundkenntnisse der Feuerwehrtätigkeit. An zwei Abenden in der Woche und an dem Samstagen stehen Theorie und Praxis auf dem Lehrplan – insgesamt 110 Stunden.

Die unterschiedlichen Hilfs- und Rettungsmittel kennenlernen, über Gefahrstoffe Bescheid wissen, die Risiken kennen – darauf kommt es bei dem Lehrgang an. Während sich eine Gruppe mit der Ausrüstung des Löschfahrzeugs vertraut macht und den Angriff auf den Brandort vorbereitet, üben andere den Umgang mit dem Strahlrohr.

Ein simulierter Fettbrand zeigt, wie gefährlich unsachgemäße Löschversuche sein können. Als aus sicherer Entfernung Wasser ins brennende Fett gegossen wird, steigt explosionsartig eine mannshohe Feuersäule auf. Auch Erste Hilfe und den Umgang mit dem Funkgerät müssen die jungen Feuerwehrleute lernen.

Andrii und Vitalii haben die Funkprüfung anstandslos bestanden, erzählt Michael Kramosch. Einige ihrer deutschen Kollegen sind an dieser Hürde im ersten Anlauf gescheitert. Dennoch dürfte die Abschlussprüfung nach dem Grundlehrgang für keinen der Teilnehmer ein ernsthaftes Hindernis sein, sagt Jürgen Fuß.

Zwei Jahre lang müssen die Jung-Feuerwehrleute anschließend bei ihren Heimatwehren Dienst tun – bei Übungen und Leistungsprüfungen, aber auch bei Einsätzen – um schließlich die Ausbildung zum Truppführer abzuschließen. Mit diesem Zertifikat in der Tasche steht ihnen dann der Weg offen zu höheren Aufgaben innerhalb ihrer Feuerwehr.

Für Andrii Donchuk und Vitalii Talan wird es eine Zeit der Ungewissheit. Ihr Asylantrag steckt im laufenden Verfahren. Ob ihnen ein dauerhaftes Bleiberecht eingeräumt wird, ist ungewiss. Michael Kramosch will das nicht hinnehmen und hat vorsorglich sogar schon Politiker eingeschaltet. „Egal was passiert, wir werden uns dafür einsetzen, dass sie dableiben“, sagt er. Feuerwehrkameraden halten schließlich zusammen.

 

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