WÜRZBURG

Anekdoten vom Mann mit dem Blindenstock

Außergewöhnlicher Besuch: Rainer Eggebrecht demonstrierte den Grundschülern des Vinzentinums den Umgang mit dem Langstock und erzählte aus seinem Alltag als Blinder.
Außergewöhnlicher Besuch: Rainer Eggebrecht demonstrierte den Grundschülern des Vinzentinums den Umgang mit dem Langstock und erzählte aus seinem Alltag als Blinder. Foto: Kennepohl

Rainer Eggebrecht sitzt im Stuhlkreis, um ihn herum rund 20 Erst- und Zweitklässler. Aufmerksam schauen sie ihn an. Sie stellen Fragen, Eggebrecht wendet sich ihnen zu, sieht ihnen ins Gesicht und antwortet mit ruhiger Stimme. Auf den ersten Blick wirkt alles normal. Doch schaut man genauer hin, bemerkt man den Blindenstock, der neben seinem Stuhl liegt.

Rainer Eggebrecht hatte vor 18 Jahren einen Autounfall und lag mehrere Tage im Koma. Als er wieder aufwachte, war er blind. Die Augen des 51-Jährigen sind noch intakt, aber der Sehnerv wurde zu stark beschädigt. Seinen Beruf als Metallograph, bei dem er Materialien am Mikroskop untersucht hat, konnte er nicht mehr ausüben.

Vor seinem Besuch in der Klasse 1/2b der Volksschule Vinzentinum haben die Kinder im Unterricht das Thema Augen und Sehen behandelt. Jetzt haben sie die Möglichkeit, Fragen an einen Betroffenen zu stellen. Die kommen auch sofort und ungehemmt: „Wie kannst du denn essen?“, „Woher weißt du welche Schuhe du anziehst?“, „Wie findest du deine Uhr?“, „Woher weißt du, wann die Straßenbahn kommt?“.

Eggebrecht antwortet humorvoll und ehrlich. Immer wieder erzählt er Anekdoten aus seinem Leben. So erfährt man, welche Schwierigkeiten das Pommes-Essen mit sich bringt. „Wenn man in die Pommes piekst, weiß man nicht, wo das Ende ist. Da ist es mir schon passiert, dass ich mir eine mit Ketchup und Mayo in die Nase geschoben habe“, lacht er.

Und die Schuhe? Er holt ein weißes eckiges Gerät aus der Tasche und fährt damit über seine Schuhe. „Schwarz“, sagt der kleine Kasten. Es handelt sich um ein Farberkennungsgerät. Aber nicht nur Farben erkennt es, sondern auch wie hell es ist.

„Im Traum sehe ich ganz normal.“
Rainer Eggebrecht Blinder

„Wenn ich Besuch hatte, muss ich immer kontrollieren, ob das Licht aus ist und ich habe festgestellt, dass mich meine Gäste nie im Dunkeln sitzen lassen“, sagt er. Fasziniert folgen die Kinder seinen Ausführungen. Die Fragen reißen nicht ab.

Insgesamt hat sich in seinem Leben viel geändert. Er muss mehr Ordnung halten, sich merken, wo die Sachen liegen und häufiger Hilfe von Fremden in Anspruch nehmen. Viele Probleme lassen sich inzwischen mit technischen Hilfsmitteln lösen: Ein Handy mit Sprachausgabe, eine Füllstandsanzeige für die Teetasse oder die akustische Bildbeschreibung am Fernseher.

„War es für dich schwierig, die Blindenschrift zu lernen?“, möchte eines der Kinder wissen. „Das war unheimlich schwer, aber sehr wichtig“, erinnert sich Eggebrecht, „Mit dem Finger lesen ist für mich eine Qual. Wenn ich am Computer bin, mach ich das mit der Sprachausgabe und lass' mir alles Zeile für Zeile vorlesen.“

Mit dem Computer beschäftigt sich Rainer Eggebrecht häufig. Er ist EDV-Lehrer am Berufsförderungswerk (bfw), einem Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte. Es kümmert sich um die nahtlose berufliche und soziale Integration von blinden und sehbehinderten Menschen und eröffnet ihnen neue Job-Perspektiven. Durch den Kontakt zwischen Vinzentinum und dem bfw ergab sich auch die Möglichkeit, für den außergewöhnlichen Besuch im Klassenzimmer.

Gegen Ende der Unterrichtsstunde wird es noch einmal emotional. Ob er denn traurig gewesen sei, als er erblindete, interessiert eine Schülerin. Eggebrecht wird ernst: „Am Anfang war ich sehr traurig. Das Träumen war sehr schlimm. Im Schlaf habe ich Bilder gesehen und als ich aufgewacht bin, war alles schwarz.“

Jetzt ist Träumen für ihn das Schönste, „da sehe ich ganz normal“. Etwas Gutes hat das Blindsein noch: „Ich lerne nur noch nette Leute kennen. Die unfreundlichen gehen stumm an mir vorbei. Die bemerke ich gar nicht.“

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