Würzburg

Angelika Mechtel - Würzburgs vergessene Schriftstellerin?

Angelika Mechtel während einer Signierstunde (um 1978).  Foto: MP-Archiv

Würzburg, die Stadt von Leonhard Frank und Max Dauthendey, war nicht unbedingt mit vielen dichterischen Talenten gesegnet, die in der alten Bischofsstadt aufwuchsen oder schrieben. Umso verwunderlicher ist es, dass man ein sehr großes Talent, eine der interessantesten deutschen Autorinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vergessen hat. Sie wurde durch Würzburg nicht unwesentlich geprägt und wäre am 26. August 2018 75 Jahre geworden. Es handelt sich um Angelika Mechtel. Die Schriftstellerin publizierte Romane, Gedichtbände, Sammlungen von Erzählungen und Reportagen, dazu Kinderbücher.

Schicksal des Vaters in zwei Romanen verarbeitet

Sie wurde in Dresden geboren. Der Vater, gerade 23 Jahre alt, war als Panzersoldat an der Front. Das Kind wuchs zunächst bei seiner Mutter, der Schauspielerin Gisela Altendorf (1913-1994), auf. Walter Mechtel arbeitete nach dem Krieg als Journalist, schließlich als Auslandskorrespondent der ARD in Beirut. Als er 1967 im Jemen über Gasangriffe berichtete, wurde er ermordet. Die Karriere des Vaters veranlasste Angelika Mechtel zu zwei kritischen Romanen über den TV-Journalismus.

Von 1960 bis 1964 wohnte die Familie Mechtel in diesem Haus in der Rüdigerstraße 2.  Foto: Torsten Schleicher

Im Februar 1945 floh die Mutter mit dem Baby von Sachsen in ihre Heimat Oppenheim in Rhein. Bad Godesberg, München und schließlich Würzburg waren die weiteren Orte im Leben der jungen Angelika Mechtel. Sie lernte einerseits den Unterricht an der Waldorfschule, andererseits den in der katholischen Klosterschule, dem Gymnasium der Ursulinen, kennen. Schon Ende der 1950er Jahre erschienen in einigen Tageszeitungen Gedichte und Kurzgeschichte der jungen Autorin.

Ein Jahr vor dem Abitur wurde sie 1962 schwanger. Das hätte in Würzburg auch an einem nichtkirchlichen Mädchengymnasium zur Entlassung geführt. Es herrschte damals Einigkeit in der Verteidigung der guten Sitten.

Angelika Mechtel im Alter von 22 Jahren. Foto: Privatarchiv Mechtel

Mechtel heiratete den Vater ihrer Tochter Anke, 1965 wurde die zweite Tochter Silke geboren. Sie musste ihre Familie ernähren und arbeitete als Zimmermädchen, kaufmännische Angestellte und Hilfsarbeiterin. Nebenher schrieb sie Literatur. 1963 kam ihr erster Lyrikband „Gegen Eis und Fluß“ heraus, 7 Seiten dünn (!). Fünf Jahre später stellte sich mit dem Erzählungsband „Die feinen Totengräber“ der erste Erfolg ein. "In diesen Erzählungen triumphiert eine Realität", so der Verlag,  "deren spröde Stofflichkeit sich allen wohlfeilen Ästhetisierungen widersetzt". 

Einsatz für soziale Absicherung von Schriftstellern

1970 veröffentliche sie den Debütroman „Kaputte Spiele“, zwei Jahre später das Reportagebuch „Alte Schriftsteller in der Bundesrepublik“. Dies führte auch dazu, dass die Schriftsteller eine Absicherung durch die VG Wort erhielten. Schon als junge Autorin fand sie ihren Stil: Knapp schilderte sie mit phantasievollen und  surrealen Einzelheiten Macht und Gewalt, die den Alltag meist von Frauen prägten.

Die Autorin 1973. Foto: Privatarchiv Mechtel

Bestimmt erinnern sich viele Menschen noch heute an die beliebten Kinderbücher, die Angelika Mechtel seit 1975 verfasste. Dazu zählten „Kitty Brombeere“, „Kitty und Kay“ und „Hallo Vivi“, schließlich auch „Die Reise nach Tamerland“ und der kritische Jugendroman „Cold Turkey“ über die Drogenproblematik. Besonders dieses Buch war auch als Schullektüre weit verbreitet. Auch mit den Romanen „Wir sind arm, wir sind reich“, „Die andere Hälfte der Welt oder Frühstücksgespräche mit Paula" und dem Erzählband „Die Träume der Füchsin“ erreichte sie ein vielschichtiges Publikum und zählte zur Avantgarde der deutschen Autorinnen.

Seit 1981 lebte sie mit dem Schriftsteller Gerd E. Hoffmann zusammen, mit dem sie große Reisen unternahm und ein gemeinsames Buch „Tropenzeit“ über Puerto Rico schrieb. 1987 wurde bei ihr Brustkrebs entdeckt, und über ihren  Kampf um ihr Leben schrieb sie das Krebstagebuch „Jeden Tag will ich leben“. Sie schien schon gewonnen zu haben und schrieb einen historischen Roman „Die Prinzipalin“ über die Theaterleiterin Friederike Caroline Neuber, die Lebensgefährtin des Literaturreformers Gottsched. Darauf folgte ein bunter Abenteuerroman über karibisches Piratentum „Das kurze heldenhafte Leben des Don Roberto“.

Angelika Mechtel 1993. Foto: Privatarchiv Mechtel

Angelika Mechtel engagierte sich sowohl sozial und politisch für Schriftsteller im Verband deutscher Schriftsteller (VDS) und wurde in den Vorstand des P.E.N.-Präsidiums gewählt. Als Vizepräsidentin und Beauftragte für das "Writers in Prison Committee" wirkte sie maßgeblich mit an erfolgreichen Bemühungen, gefangene Autoren in der Türkei, der UdSSR und Mexiko freizubekommen.  Als der VDS nicht entschieden gegen die Todesdrohungen des Iran eintrat, trat sie aus dem Verband aus. Mit Gerd E. Hoffmann organisierte sie 1982 die ersten internationalen Literaturtage "Interlit" in Köln und vier Jahre später den Internationalen P.E.N.-Kongress in Hamburg. Angelika Mechtel trug viel dazu bei, dass schreibende Frauen mehr ins Bewusstsein rückten.

1993 erlitt sie einen starken Krebsrückfall. Deswegen musste sie ihr Engagement für die Autoren aufgeben. Im Februar 2000 starb Angelika Mechtel in Köln. Auf ihren Wunsch hin wurde ihre Asche in der Bucht von Boquerón, Puerto Rico, ausgestreut, die ihr und Gerd E. Hoffmann zur zweiten Heimat geworden war. In ihrem Krebstagebuch (1990) hat sie wohl das Motto ihres Lebens treffend formuliert: "Das Rätsel des Lebens habe ich noch nicht gelöst. Gibt es eines zu lösen? Gilt es nicht, ganz einfach nur zu leben?"

Wäre es nicht Zeit, sich in Würzburg dieser intelligenten und interessanten Schriftstellerin zu erinnern, die in dieser Stadt einen wichtigen Wendepunkt ihres Lebens erfuhr?

Text: Hans Steidle

Hans Steidle ist Stadtheimatpfleger in Würzburg.

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