WÜRZBURG

Anton Eckert, der unbekannte Baumeister

Anton Eckert: Ein Architekt hat in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Teile Würzburgs geprägt. Weil seine Bauten keine Kontroversen auslösten, ist er heute praktisch vergessen.
Ziegelaustraße 2 und 4: In den Jahren 1903 und 1904 entstanden diese Jugendstilhäuser. Das rechte Gebäude existiert, vor allem im Dachbereich verändert, noch heute.
Ziegelaustraße 2 und 4: In den Jahren 1903 und 1904 entstanden diese Jugendstilhäuser. Das rechte Gebäude existiert, vor allem im Dachbereich verändert, noch heute. Foto: Stadtarchiv

Wer am Dominikanerplatz steht, dessen Blick fällt unweigerlich auf zwei Häuser, die, zusammen mit der Augustinerkirche, den Platz prägen: den Textilladen Esprit mit seiner abgerundeten Fassade und den Augustinerkonvent. Beide Gebäude sehen heute noch fast genauso aus wie bei ihrer Entstehung Ende der 1920er Jahre. Der Architekt, der seinerzeit die Pläne zeichnete, ist so gut wie vergessen: Anton Eckert.

Eckerts Wirken lässt sich auch an anderen Stellen Würzburgs erkennen: In der Äußeren Pleich schuf er zahlreiche große Wohngebäude, die zum Teil den 16. März 1945 überstanden, in der Bismarckstraße 12 a-d und in der Ziegelaustraße 1 a-f existieren die von ihm konzipierten Kleinwohnsiedlungen fort, außerdem entstand das Elisabethenheim nach seinen Entwürfen, ebenso wie der Jugendstilbau Sonnenstraße 21/23. Mit dem Haus der Studentenverbindung Germania am Fuß des Käppele lieferte er einen weiteren markanten Beitrag zum Stadtbild.

Warum kennen nur Experten heute noch Eckerts Namen? Rainer Leng, Geschichtsprofessor an der Würzburger Uni, hat gerade ein 213 Seiten umfassendes Buch über den Architekten vorgelegt. Seine Erklärung: Eckert brachte in die vorwiegend konservative Umgebung Würzburgs „jenes Maß an Moderne ein, das gerade noch geschätzt wurde.“

Diese Zurückhaltung, die seinen wirtschaftlichen Erfolg begründete, führte freilich auch dazu, dass Eckerts Entwürfe ohne kontroverse öffentliche Diskussion verwirklicht werden konnten, auch an sensibles Stellen wie dem Dominikanerplatz. Andere Architekten, vor allem der vom Bauhaus beeinflusste Peter Feile, versuchten Hochmodernes in Würzburg durchzusetzen, sorgten für heftige Debatten und sind dadurch auch heute noch im Gespräch.

Anton Eckert entstammte einem alteingesessenen Würzburger Geschlecht, das vor allem zahlreiche Zimmermänner und Architekten hervorgebracht hatte, von denen einige auch im Stadtmagistrat vertreten waren. Die Familie besaß ein Baugeschäft mit Holzhandlung, Bauschreinerei und Glaserei in der damals noch kaum besiedelten Äußeren Pleich in der Nähe des Alten Hafens, der für den Transport von Baustoffen wichtig war, und hatte großen Anteil an der Entwicklung dieses Quartiers.

Im Jahr 1912, als der große Bauboom der Gründerjahre abgeebbt war, wurde das Baugeschäft aufgegeben. Der 1875 geborene aktuelle Firmeninhaber Anton Eckert konzentrierte sich seither ganz auf seine Tätigkeit als Architekt repräsentativer Häuser und ebensolcher Inneneinrichtungen.

Bemerkenswert ist laut Leng die Vielfalt von Eckerts architektonischem Wirken: „Im Wohnhausbau bediente er die volle Bandbreite vom Sommerhaus und Einfamilienwohnhaus über die repräsentative Gründerzeitvilla und den Wohnhausgruppenbau bis zum Siedlungsbau, in dem er zu großer Selbstständigkeit gelangte.“ Daneben plante er Sanatorien, vor allem in Bad Kissingen und Bad Brückenau, Krankenhäuser, unter anderem St. Josef in Schweinfurt, sowie Altenheime wie jenes der jüdischen Gemeinde Würzburg in der Valentin-Becker-Straße (heute Gemeindezentrum Shalom Europa).

Hotels („Russischer Hof“ am Eingang zur Theaterstraße) und Theater („Central-Theater“ in der Eichhornstraße) stellten planerisch ebenfalls keine Herausforderung für Eckert dar, schreibt Leng. Während diese Gebäude verschwunden sind, ist die etwas verborgen gelegene mehrstöckige Villa in der Frankfurter Straße 91a noch völlig unverfälscht und ohne nachträgliche Umbauten zu erkennen.

Anton Eckert hatte an der Königlich Bayerischen Technischen Hochschule in München bei Friedrich von Thiersch (1852 – 1921) studiert, der eine ganze Generation von Architekten prägte. Unter Eckerts Kommilitonen waren heute international bekannte Architekten, etwa Paul Bonatz, der Erbauer des Stuttgarter Hauptbahnhofs, oder Fritz Schumacher, der Mitbegründer des „Deutschen Werkbundes“. Nach dem Tod des Vaters übernahm Eckert 1903, inzwischen verheiratet, die Leitung der Firma. Rainer Leng beschreibt den jungen Baumeister so: „Er war ein überaus gründlicher, fast penibler Mann, der in allem auf umsichtige, solide Planung setzte, alles berechnete, alles verzeichnete und auf direkte Präsenz und unmittelbare Kommunikation setzte.“

Die Firma Eckert, damals noch ein Bauunternehmen, hatte in der Äußeren Pleich bereits vor der Jahrhundertwende mehrere große Häuser gebaut, zum Teil auf eigenem, teilweise auf fremdem Grund. Noch zu sehen sind der ehemalige Firmensitz in der Veitshöchheimer Straße 2 (errichtet 1882) und die Gründerzeithäuser in der Rotkreuzstraße 5-11. Schon unter Eckerts Leitung begannen 1904 die Arbeiten an dem benachbarten fünfstöckigen „Gruppenwohnhaus“ in der Veitshöchheimer Straße 4-6, das ein architektonisch gleichwertiges Pendant zum neuen Zollgebäude darstellte und auch das vornehme Restaurant „Zum Eckertsgarten“ beherbergte.

Rainer Leng über das Etablissement: „Das Restaurant sollte wohl vor allem die höheren Dienstgrade des Zollamts, die zahlreichen besser gestellten Mieter des Viertels, häufig Universitätsprofessoren, sowie die am Main entlang Reisenden anziehen. Tatsächlich hatte sich bald ein Liebhaber-Blasorchester aus Professoren, höheren Beamten und Kaufleuten den Eckertsgarten als Probenlokal erkoren. Im ,Eckertsgärtle’ traf sich in frivoleren Momenten aber auch Leonhard Franks Räuberband zum Kegeln.“

Von dem Komplex steht, allerdings stark verändert, nur noch der Eckbau Welzstraße 4. Im Hinterhof, heute zugehörig zum Haus Veitshöchheimer Straße 6, sind die Aufbauten der Kegelbahn zu erkennen.

In den Jahren 1903 und 1904 schuf Eckert zwei Jugendstilhäuser mit den Adressen Ziegelaustraße 2 und 4. Das Gebäude Nummer 4 wurde nach der Zerstörung durch einen Nachkriegsbau ersetzt, doch das Anwesen Nummer 2 existiert noch, wenn auch der Dachstuhl samt Giebel, Turm und Balkonen durch ein einfaches Walmdach ersetzt wurde.

Auf den Planzeichnungen stechen Jugendstilelemente deutlich hervor: geschwungene Gitter der Balkone am Mansardengeschoss, Loggien und Putzdekor an der Fassade. Loggien und Dekor sind erhalten geblieben und prägen die Ziegelaustraße.

Im Lauf der Zeit änderte sich die Bevölkerungsstruktur in der Äußeren Pleich. Zu Professoren und Beamten kamen einfache Bürger; viele von ihnen zogen in die Kleinwohnungssiedlung Bismarckstraße 12a-d, die 1916 und 1917 entstand. Nach der Änderung der Aufteilung der zunächst sehr kleinen Wohnungen besteht die unter Denkmalschutz stehende Anlage bis heute im Wesentlichen unverändert.

Anton Eckert saß von 1925 bis 1933 zwei Wahlperioden lang für die katholische Bayerische Volkspartei im Würzburger Stadtrat; im kulturellen und sozialen Leben der Stadt war er bestens vernetzt. So ist es nicht verwunderlich, dass er mehrmals für kirchliche Bauerherren wie das Augustinerkloster und den Trägerverein des Elisabethenheims tätig war.

Als der Stadtrat 1933 gleichgeschaltet wurde und nur noch aus NSDAP-Mitgliedern bestand, zog Eckert sich sofort und vollständig aus der Politik zurück. Rainer Leng: „Ein Eintritt in die NSDAP, wie ihn einige ehemalige BVP-Stadträte vollzogen, kam für ihn nicht in Frage.“

Eckert scheint auch ein sehr gutes Verhältnis zur jüdischen Gemeinde oder zumindest zu mehreren ihrer Mitglieder unterhalten zu haben. Dies zeigte sich vor 1933, als er für jüdische Bauherren tätig wurde (Textilhandlung Manes, heute Esprit; „Central-Theater“; Kaufhaus Wilhelm Zapff, heute Woolworth; jüdisches Altersheim), aber auch nach der nationalsozialistischen Machtergreifung.

So erledigte er kleinere Aufträge für die Witwe von Bezirksrabbiner Nathan Bamberger. Noch im August 1937 führte Eckert den Ausbau einer Dachwohnung im Anwesen Bismarckstraße 9 für den jüdischen Kaufmann Julius Katzmann durch. Leng: „Einen solchen Auftrag dürften zu diesem Zeitpunkt wohl nicht mehr viele seiner Berufskollegen angenommen haben, die mehrheitlich auf die braunen Eliten setzten.“

Eckert hielt sich von den neuen Machthabern fern. Die Folge laut Leng: „Nach 1933 sind nur noch einige Kleinaufträge festzustellen. Andere Architekten und Baugeschäfte wurden viel häufiger beauftragt.“

1939 erlitt Anton Eckert den ersten von mehreren Schlaganfällen. Die letzten Jahre vor seinem Tod am 28. Juni 1944 verbrachte er bei geistiger Gesundheit, jedoch bettlägerig in seinem Haus in der Rotkreuzstraße 5. Die Schwestern des Elisabethenheims, die ihm seit dem Heimbau sehr zugetan waren, besuchten ihn regelmäßig und übernahmen zuletzt auch externe Pflegedienste.

Anton Eckert und seine bereits 1942 gestorbene Frau Anna hatten drei Kinder: Anton Josef (gestorben 1961), Gertraud (gestorben bei einem Bombenangriff auf Würzburg am 19. Februar 1945) und Franz Max Josef (gestorben 1981). Ein Sohn von Anton Josef lebt heute noch in Würzburg.

Das Buch: Rainer Leng, Anton Josef Eckert (1875 – 1944). Ein Würzburger Architekt am Beginn des 20. Jahrhunderts, Mainfränkische Hefte, Heft 114, Freunde Mainfränkischer Kunst und Geschichte, 213 Seiten, 208 Abbildungen, Spurbuchverlag, 2014, 19,80 Euro.

Ziegelaustraße 2: Das Haus stammt vom Beginn des 20. Jahrhunderts; das Dach wurde nach 1945 verändert.
Ziegelaustraße 2: Das Haus stammt vom Beginn des 20. Jahrhunderts; das Dach wurde nach 1945 verändert. Foto: Rainer leng
Bismarckstraße 12 a-d: Die 1916 und 1917 errichtete Kleinwohnungssiedlung ist denkmalgeschützt.
Bismarckstraße 12 a-d: Die 1916 und 1917 errichtete Kleinwohnungssiedlung ist denkmalgeschützt. Foto: Familienarchiv Eckert
Sonnenstraße 21/23: Der prächtige Jugendstilbau wurde innen und außen originalgetreu saniert.
Sonnenstraße 21/23: Der prächtige Jugendstilbau wurde innen und außen originalgetreu saniert. Foto: Rainer Leng
Dominikanerplatz 1: Im ehemaligen Geschäftshaus Manes logiert heute die Firma Esprit.
Dominikanerplatz 1: Im ehemaligen Geschäftshaus Manes logiert heute die Firma Esprit. Foto: Familienarchiv Eckert
Dominikanerplatz 2: Die Fassade des Augustinerkonvents wurde nach Eckerts Plänen wiederaufgebaut.
Dominikanerplatz 2: Die Fassade des Augustinerkonvents wurde nach Eckerts Plänen wiederaufgebaut. Foto: Rainer Leng
Architekt Anton Eckert.
Architekt Anton Eckert.

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