Reichenberg

Aphasie: Als Mirjam Einwag plötzlich die Sprache verlor

Mirjam Einwag (rechts), hier mit ihrer Mutter Elke, hat sich nach einer schweren Hirnblutung zurück ins Leben gekämpft.
Mirjam Einwag (rechts), hier mit ihrer Mutter Elke, hat sich nach einer schweren Hirnblutung zurück ins Leben gekämpft. Foto: Thomas Wechsung

Mit einem Schlag veränderte sich Mirjam Einwags Leben vor acht Jahren komplett. Die junge Mutter ist gerade 30 Jahre alt, als eine Hirnblutung sie aus heiterem Himmel völlig aus der Bahn wirft. Sie merkt auf einmal, dass ihr rechter Mundwinkel nach unten hängt. Geistesgegenwärtig ruft sie ihre Eltern Elke und Kurt Brand an.

Zehn Minuten später treffen die beiden bei ihr ein. Da kann sie schon nicht mehr sprechen. "Ich habe nur noch auf die rechte Seite gedeutet", erinnert sie sich. Dann wird sie bewusstlos. In der Uni-Kopfklinik in Würzburg operieren die Ärzte sie fünf Stunden lang - Diagnose: Aphasie (siehe Infobox). Zwei Wochen liegt sie anschließend im künstlichen Koma.

Nach dem Aufwachen aus dem Koma war nichts mehr wie vorher

Als sie aufwacht, ist nichts mehr wie vorher. Sie ist halbseitig gelähmt, kann nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen. Doch eines weiß sie: Aufgeben wird sie nicht. "Ich hab an meine Kinder gedacht und mir gesagt: Ich muss das einfach packen", erzählt sie.

Einige Rehas folgen. Und so kämpft sie sich Schritt für Schritt zurück ins Leben. Lernt alltägliche Dinge neu: sprechen, schreiben, laufen. Sehr langsam. Nach fünf Wochen kommt das erste Wort wieder über ihre Lippen. Das macht ihr Mut und treibt sie weiter voran. "Ich bin total ehrgeizig und hab schon immer gekämpft", sagt sie. Wenn sie aufgegeben hätte, hätte sie keine Chance gehabt, meint sie.

Zur Krankheit kam noch ein familiärer Schicksalsschlag

Denn zu all ihrem Leid, ausgelöst durch die schwere Erkrankung, kommt auch noch ein persönlicher Schicksalsschlag: Ihr Ehemann verlässt sie mit den beiden Kindern. Doch Mirjam kämpft weiter. Ihr unbändiger Lebenswille, regelmäßige Krankengymnastik, Ergo- und Musiktherpaie helfen ihr dabei - und das Zentrum für Aphasie und Schlaganfall Unterfranken in Würzburg. Fünf Jahre nach ihrer Hirnblutung stößt sie zu der Selbsthilfeeinrichtung. Erst habe sie gar nicht gewollt, weil sie dachte: "Da sind doch nur alte Leute." Doch: "Als ich das erste Mal da war, war ich begeistert", sagt sie. Weil dort alle das gleiche Schicksal haben und man sich austauschen und gegenseitig unterstützen kann.

Einmal pro Woche geht Mirjam, die heute wieder selbständig in einer eigenen kleinen Wohnung in Reichenberg lebt, dorthin. Ihre Eltern Elke und Kurt Brand möchten die Einrichtung nun mit einer Spendenaktion am Samstag, 4. Mai, von 13 bis 17 Uhr, unterstützen.

Bilder, Clowns und vieles mehr will Elke Brand am kommenden Samstag für das Aphasie-Zentrum in Würzburg verkaufen.
Bilder, Clowns und vieles mehr will Elke Brand am kommenden Samstag für das Aphasie-Zentrum in Würzburg verkaufen. Foto: Wilma Wolf

Dafür haben sich die beiden mächtig ins Zeug gelegt und verkaufen ihre selbst gefertigten Bilder. Elke hat mit Acrylfarben auf Leinwand die unterschiedlichsten Motive gemalt und Kurt hat für seine ungewöhnlichen Mosaik-Bilder eine ganz eigene Technik, bei der er sogenannte Kantenumleimer als Werkstoff verwendet. Eine Sisyphus-Arbeit, bei der schon mal 50 Stunden pro Bild ins Land gehen. Und auch seine aus besonderen Hölzern (beispielsweise Goldregen) gefertigten Uhren stellt Kurt Brand für die Spendenaktion zur Verfügung.

Die Aktion findet im Anwesen der Familie Brand Am Höchberg 19 in Reichenberg (direkt am Parkplatz Bahnhalt) statt. Kaffee, selbst gebackenen Kuchen und viele andere Sachen gibt es auch. Und auch Mirjam Einwag und Thomas Hupp, der ehrenamtliche Geschäftsführer des Würzburger Aphasie-Zentrums, werden da sein.

Aphasie
Aphasie ist die Folge einer Schädigung der linken Hirnhälfte und hat zur Folge, dass die Betroffenen plötzlich nicht mehr sprechen können.
Die Wurzeln des Würzburger Zentrums für Aphasie und Schlaganfall Unterfranken (AZU) reichen bis in die Aphasiker-Selbsthilfebewegung. zurück, als 1972 der Jurist Dr. Erich Rieger nach einem Reitunfall eine schwere Aphasie erleidet. Auf der Suche nach Menschen, die das gleiche Schicksal teilen, gründet er 1981 die erste Aphasiker-Selbsthilfegruppe in Würzburg, die sich zunächst in seinem Keller trifft. Mit Hilfe ehrenamtlicher Förderer und Unterstützung durch die damalige bayerische Staatsministerin Barbara Stamm wurde das erste Aphasiker-Zentrum in Deutschland in der Würzburger Theaterstraße eröffnet.
Aufgrund räumlicher Engpässe zog das Zentrum am 7. Februar 1997 an den heutigen Standort nach Grombühl um. Im Mai 2010 eröffnete das Zentrum in Kooperation mit der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe ein Schlaganfall-Büro für Unterfranken. (Quelle: wuerzburgwiki)

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