Würzburg

Arbeitskampf: Die neue Strategie der Gewerkschaften

DGB-Bezirkschef Frank Firsching: "Wenn die Tarifbindung weiter sinkt, wird die soziale Marktwirtschaft in Deutschland zum Auslaufmodell." Foto: Thomas Obermeier

Ein Prozent des Bruttolohns: So viel kostet die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft. Doch immer weniger Beschäftigte engagieren sich. Der Würzburger Soziologe Andreas Göbel spricht von einer sich immer weiter verlierenden Solidarität. Es gibt Branchen, in denen fehlt den Gewerkschaften schlichtweg die Mitgliederstärke und damit die Kraft, einen Arbeitskampf durchzufechten.

Das hat Folgen: Hier in der Region sind weniger als die Hälfte der Beschäftigten durch einen Tarifvertrag geschützt. Im Interview erklärt Frank Firsching, der Bezirkschef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), warum es neue Wege der Kommunikation braucht, um Erzieher, Pfleger und Programmierer zu erreichen.

Frage: Herr Firsching, im Einzelhandel, in der Pflege oder der IT-Branche spielen Gewerkschaften quasi keine Rolle. Was läuft dort falsch?

Frank Firsching: Wir als Gewerkschaften haben unsere Mitstreiter über viele Jahrzehnte direkt in den Betrieben mobilisiert – und das sehr erfolgreich. In den von Ihnen angesprochenen Branchen funktioniert das aber nur bedingt, weil wir dort schlichtweg zu wenige Mitglieder haben. Das bedeutet, wir müssen auch neue Wege gehen – beispielsweise über öffentliche Kampagnen. Denn eines ist klar: Wenn die Tarifbindung weiter sinkt, wird die soziale Marktwirtschaft in Deutschland zum Auslaufmodell.

 

 

Kommt diese Einsicht nicht 20 Jahre zu spät? Supermärkte, Kitas und Pflegeheime gibt es schließlich nicht erst seit gestern.

Firsching: Sicherlich gab es da Versäumnisse. Aber es tut sich was. Verdi beispielsweise hat eine erfolgreiche Kampagne zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Erzieherinnen und Altenpflegerinnen gestartet – obwohl die wenigsten von ihnen gewerkschaftlich organisiert sind. Während bisher eine gewisse Mitgliederstärke Voraussetzung für den Arbeitskampf war, sind solche Kampagnen der Versuch, in neuen Branchen überhaupt erst Fuß zu fassen. Ein gutes Beispiel ist Amazon. Dort konnten wir unter schwierigen Bedingungen viele neue Mitglieder gewinnen.

 

 

Was sind weitere Herausforderungen?

Firsching: Die zunehmende berufliche Mobilität und das sogenannte Jobhopping erschweren unsere Arbeit. Gerade junge Leute hangeln sich – häufig unfreiwillig – von einem zum nächsten befristeten Vertrag. Wenn Gewerkschaftsmitglieder dann in Betriebe wechseln müssen, in denen es keine gewerkschaftlichen Strukturen gibt, stellt sich schnell die Sinnfrage. Für uns als Gewerkschafter ist es schwierig, Konstanz und Sicherheit zu organisieren, die so im Beruf nicht gegeben ist. Außerdem habe ich das Gefühl, dass viele Jugendliche zu Hause kaum mit Gewerkschaften in Berührung kommen. Auch das ist eine Herausforderung.

Frank Firsching, Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Unterfranken Foto: Thomas Obermeier

Ist denn das Angebot der Gewerkschaften für junge Leute überhaupt noch attraktiv?

Firsching: Wo wir sind, gibt es mehr Geld, bessere Ausbildungsbedingungen und eine geregelte Übernahme. Das ist attraktiv. In einigen Branchen aber fehlen junge Gewerkschafterinnen, die ihre Kolleginnen im gleichen Alter zum Mitmachen motivieren. Die Kunst besteht also darin, in den Betrieben gegenseitige Solidarität zu organisieren – von jung bis alt.

Welche Rolle spielt dabei die Ansprache im Netz?

Firsching: Über digitale Kanäle Beschäftigte an eine Gewerkschaft zu binden, ist schwierig. Natürlich wird das versucht – über Facebook-Seiten, Homepage-Auftritte und auch Instagram. Aber damit gewinnt man kaum neue Mitglieder. Letztlich sind Angebote - von Mensch zu Mensch - besser als jedes Facebook-Profil. Der Betrieb bleibt die Keimzelle der Gewerkschaften.

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Aber ist das nicht genau die veraltete Denke, die auf lange Sicht in die Bedeutungslosigkeit führt?

Firsching: Also alt ist ja nicht gleich schlecht. Die persönliche Ansprache ist ein Erfolgsrezept, wenn sie zielgerichtet eingesetzt wird. In vielen Industriebetrieben funktioniert das immer noch sehr gut, trotzdem braucht es auch neue Wege der Kommunikation.

Wenn man sich die Sozialen Netzwerke anschaut, gelingt das nur mäßig. Bei rund sechs Millionen Mitgliedern hat der DGB auf Facebook gerade einmal 25.000 Abonnenten, auf Instagram sind es 3000.

Firsching: Ich bin überzeugt, dass da noch Luft nach oben ist. Aber Gewerkschaften sind auch keine Social-Media-Anbieter, sondern Organisationen von Menschen, die sich umeinander kümmern. Letztlich ist das Digitale nicht der Schlüssel zum Erfolg. Wir brauchen die Überzeugungsarbeit in den Betrieben – möglichst täglich.

 

"Die Angebote von Mensch zu Mensch sind besser als jedes Facebook-Profil."
Frank Firsching, DGB-Geschäftsführer in Unterfranken

 

Aber ist diese Strategie in einigen Branchen nicht über Jahrzehnte gescheitert?

Firsching: Sie ist nicht überall umsetzbar gewesen, aber sie ist deswegen nicht gescheitert. Immerhin entscheiden sich täglich etwa 1000 Menschen in Deutschland, einer DGB-Gewerkschaft beizutreten.

Trotzdem wird der Anteil der Bevölkerung, der gewerkschaftlich organisiert ist, immer kleiner.

Firsching: Deswegen gilt: Am Ende des Tages werden wir nur dann Erfolg haben, wenn Mitgliedschaften durch persönliche Kontakte entstehen. Dass sich eine große Zahl morgen wegen eines Facebook-Posts entscheidet, Mitglied zu werden, wird nicht stattfinden.

Frank Firsching
Schon in jungen Jahren engagierte sich Frank Firsching in der Gewerkschaft. Er machte die Ausbildung zum Technischen Zeichner bei SKF in Schweinfurt und wurde dort Jugend- und Ausbildungsvertreter der IG Metall. Anschließend studierte er Volkswirtschaft und Arbeitsrecht in Dortmund. Seit 1992 arbeitet er als Gewerkschaftssekretär beim DGB, seit 2014 ist er Bezirksgeschäftsführer in Unterfranken. Firsching sitzt für die Linke im Schweinfurter Stadtrat. (ori)

 

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Gut zu wissen: Tarifsystem in Deutschland
Deutschlandweit gibt es mehr als 50.000 verschiedene Tarifverträge, in denen Lohn, Arbeitszeit, Kündigungsfristen, Urlaubsanspruch und viele weitere Arbeitsbedingungen der Beschäftigten geregelt sind. Doch wer verhandelt diese eigentlich? Ein Überblick.
 
  • Der Verbandstarifvertrag (Flächen- oder Branchentarifvertrag) wird zwischen einer Gewerkschaft und einem Arbeitgeberverband geschlossen und gilt für eine bestimmte Branche in einer bestimmten Region.
  • Beim mehrgliedrigen Tarifvertrag verhandeln auf beiden Seiten mehrere Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände.
  • Der Firmentarifvertrag (Haustarifvertrag) wird von einer Gewerkschaft verhandelt, gilt aber nur in dem entsprechenden Unternehmen.
 
Obwohl sich der Staat weitgehend aus den Verhandlungen heraushält (Tarifautonomie), hat ein Tarifvertrag die gleiche bindende Wirkung wie ein Gesetz. Davon ausgenommen sind Unternehmen, die nicht Mitglied im Arbeitgeberverband sind. Nur das Bundesarbeitsministerium kann einen Tarifvertrag für "allgemeinverbindlich" erklären, so dass sich alle Betriebe innerhalb einer Branche daranhalten müssen. Dem müssen die Spitzenorganisationen der Arbeitgeber und der Gewerkschaften jedoch zustimmen. (ori)

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