„Armut gibt es auch in Würzburg“

Soziale Lage: Sozialreferent Robert Scheller über Arbeitslosenzahlen, Bildungschancen und Altersarmut
Zwischen Tafelladen und Sternendinner-Tafel: Der Verein Würzburger Tafel kümmert sich um die Versorgung Bedürftiger durch Lebensmittelspenden. Die andere Seite: Die lange Tafel beim Sternendinner am Mainkai im August 2011.
Zwischen Tafelladen und Sternendinner-Tafel: Der Verein Würzburger Tafel kümmert sich um die Versorgung Bedürftiger durch Lebensmittelspenden. Die andere Seite: Die lange Tafel beim Sternendinner am Mainkai im August 2011. Foto: NORBERT SCHWARZOTT/ THOMAS OBERMEIER

Die Interpretation des vierten Armuts- und Reichtumsberichts der Regierung sorgt in Berlin derzeit für reichlich Diskussion und politischen Streit. Unstrittig sind einige Fakten, die aus dem Bericht bereits veröffentlicht worden sind. Erfreulich: Die Zahl an Arbeitslosen und Kindern, die von Hartz IV leben, ist zurückgegangen. Unerfreulich: Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Auch in Würzburg ist Armut ein Thema. Sozialreferent Robert Scheller erläutert die Situation und verteidigt den Sozialstaat.

Frage: Laut Armutsbericht geht die Schere zwischen Reich und Arm in Deutschland immer weiter auf. Wie ist das in Würzburg? Robert Scheller:

Absolute Armut, so dass jemand hungern muss, gibt es in Deutschland zum Glück nicht. Wir definieren Armut im Vergleich zur übrigen Gesellschaft: Als relativ arm gilt derjenige, dessen Einkommen weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens beträgt. Das sind die Menschen, die von Transferleistungen des Sozialstaates leben – aber nicht nur die. Auch wenn die Armut in einer stabilen Stadt wie Würzburg vielfach nicht wahrnehmbar ist, gibt es sie.

Obwohl die Arbeitslosenquote sinkt. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen hat seit 2007 um 40 Prozent abgenommen. Wie ist das in Würzburg?

scheller: Im September 2007 haben 6043 erwerbsfähige Menschen Hartz IV bezogen, im September 2012 waren es 4998. Es beziehen also in Würzburg konjunkturbedingt 17 Prozent weniger Menschen länger als ein Jahr Arbeitslosengeld. Allerdings leben momentan 3300 von ihnen seit mindestens zwei Jahren von Hartz IV. Die Zahl dieser sogenannten Langzeitbezieher geht nur leicht zurück.

Warum? Scheller:

Das sind Menschen, die rein rechtlich zwar erwerbsfähig sind, aber für die es keine Jobs gibt, weil sie gesundheitliche Beeinträchtigungen haben, kein oder nur wenig Deutsch sprechen oder keinen Führerschein haben. Wir können nicht so tun, als seien diese Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt ohne Einschränkungen integrationsfähig, sie werden immer auf staatliche Hilfen angewiesen sein. Was mir mehr Sorgen macht, sind die Menschen, die auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind. Ihre Zahl nimmt schleichend zu und liegt in Würzburg momentan bei 1413 Menschen. Das Risiko im Alter arm zu werden, wird aber weiter steigen.

Das heißt, in Würzburg wird es immer mehr alte Menschen geben, die von ihrer Rente nicht leben können? Scheller:

Ja. Momentan sind ein Großteil der Betroffenen Menschen aus den Migrationsbewegungen der 80er und 90er Jahre. Aber man muss davon ausgehen, dass die Dunkelziffer höher ist, da sich viele immer noch schämen, um Hilfe zu bitten. Das merken wir an Reaktionen auf Glückwunschbriefe, die der Oberbürgermeister zu runden Geburtstagen verschickt. Immer wieder schreiben uns Jubilare zurück, dass sie ihren Strom oder ihre Medikamente nicht bezahlen können. Da kümmern wir uns dann natürlich.

Das Problem wird noch größer werden, weil immer mehr Leute nicht von ihrem Lohn leben können. Laut Armutsbericht sind im Niedriglohnsektor immer mehr Menschen auf Hilfe vom Staat angewiesen. Auch in Würzburg?

Scheller: Rund ein Drittel der Bezieher von Hartz IV in Würzburg stocken damit ihr Einkommen auf. Die meisten dieser derzeit 1486 Männer und Frauen sind geringfügig Beschäftigte mit Minijobs. Dass Menschen im Niedriglohnsektor beschäftigt sind und von ihrem Lohn nicht leben können, nimmt auch bei uns zu. Und diese Menschen werden später auch so wenig Rente bekommen, dass sie in die Altersarmut rutschen. Leider können wir auf kommunaler Ebene in diesen Fällen wenig tun, denn diese Armut ist vorwiegend ein materielles Problem.

Welche anderen Aspekte hat Armut?

Scheller: Die 2007 Kinder, die momentan in Würzburg von Hartz IV leben, sind in mehrerer Hinsicht armutsgefährdet. Zunächst im materiellen Bereich, aber auch im sozial-emotionalem Bereich, wenn zum Beispiel ihre Bildungschancen geringer sind.

Was kann das Sozialreferat da tun?

Scheller: Aus dem jährlichen 20 000 Euro Etat unseres Nothilfefonds finanzieren wir zum Beispiel eine Sportausrüstung oder eine Therapie. Auch die staatlichen Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket für die Finanzierung von Vereinsbeiträgen, Mittagessen oder Lernförderung werden mittlerweile von den Berechtigten gut angenommen. Zum anderen bauen wir die Kinderbetreuung aus und investieren in die Kinder- und Jugendarbeit.

Wie bekämpfen Kindergarten- und Krippenplätze Armut?

Scheller: Zum einen sind Eltern und Kinder nach einer Scheidung nach wie vor einem hohen Armutsrisiko ausgesetzt. Manche der derzeit 830 Alleinerziehenden, die Hartz IV beziehen, könnten und wollen aber arbeiten, wenn ihre Kinder betreut würden. Zum anderen tut vielen Kindern eine außerfamiliäre Betreuung oft gut, diese wird Hilfeempfängern auch bezahlt, nur fehlen oft noch Plätze. Wir sind zwar gerade im Bereich der Krippen auf einem guten Weg, aber noch nicht am Ziel.

Kann das Jugendamt Eltern auch Erziehungskompetenz beibringen?

Scheller: Wir versuchen Eltern zu stärken, indem wir Lebens-, Erziehung- und Familienberatung mitfinanzieren. Zum Beispiel die des Diakonischen Werkes, gerade für Alleinerziehende, oder die Erziehungsberatungsstelle des Sozialdienstes Katholischer Frauen. Gleichzeitig machen wir niederschwellige Angebote zur Vermittlung von Werten in der Kindererziehung. Das Jugendamt beispielsweise bietet betreute Spielplatztreffen in Grombühl und der Zellerau an. Wir informieren auch über Freizeitgestaltung oder Ernährung.

Um die schwierigen Fälle kümmert sich der Allgemeine Sozialdienst. Hat der ASD mehr zu tun als früher?

Scheller: Die Zahl der Familien, die von Mitarbeitern fortlaufend zum Beispiel zur Verhinderung von befürchteter Gefährdung des Kindswohls betreut werden, steigt. 2011 wurden 1062 Familien dauerhaft betreut. Auch die Anzahl von Kindern und Jugendlichen, die von uns einen Erziehungsbeistand zur Seite gestellt bekommen, wächst. Im vergangenen Jahr waren es 136, mit denen Sozialpädagogen Gespräche führen, für die Schule lernen oder einmal zur Festung oder auf die Eisbahn gehen. Doppelt so viele wie 2007.

. . . was Ihre Eltern nicht können oder wollen. Verlassen sich manche Menschen zu sehr auf den Sozialstaat?

Scheller: Ich glaube, dass unser soziales Sicherheitsnetz sehr wichtig ist. Es hilft Menschen, die in Not geraten sind, wieder auf die Beine. Der überwiegende Teil unserer Hilfe wird gebraucht, doch natürlich gibt es auch Menschen mit ausgeprägter Anspruchshaltung, die sie ausnutzen. Doch jedes System hat seine Schwächen. Ein reiches Land wie Deutschland muss sich die Umverteilung aber dauerhaften leisten können.

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