Würzburg

Artenvielfalt: Warum wir alles brauchen, was Biene heißt

Warum braucht es eigentlich so viele Arten? Und müssen wir wirklich Bienen retten? Der Würzburger Forscher Jürgen Tautz erklärt, wie die Welt ohne Insekten aussähe.
Wenn sie einmal zerstört ist, lässt sie sich nicht mehr reparieren: Soziobiologe Professor Jürgen Tautz kämpft für Artenvielfalt.
Wenn sie einmal zerstört ist, lässt sie sich nicht mehr reparieren: Soziobiologe Professor Jürgen Tautz kämpft für Artenvielfalt. Foto: Daniel Peter

Sie sind ein hochaktuelles Politikum - und plakativer Sympathieträger des Volksbegehrens Artenvielfalt: Wie entscheidend ist es, Bienen zu retten? Welche Rolle hat das Symbol-Insekt in unseren Ökosystemen? Und brauchen wir eigentlich Artenvielfalt in der Welt? Fragen an den Würzburger Soziobiologen Professor Jürgen Tautz, der seit Jahrzehnten über Bienen forscht und etliche Bücher - auch für Nicht-Wissenschaftler - geschrieben hat.  

Eine Welt ohne Bienen wäre . . .

Prof. Jürgen Tautz: Für die Natur eine Auslöschung von 30 Millionen Jahren Evolution, in der Blütenpflanzen und Bienen unauflösbar miteinander verwoben wurden. Für die Menschen die Vernichtung einer Partnerschaft, essentiell für die Beschaffung unserer Nahrung und ein Verlust an Lebensqualität durch den stummen Frühling ohne die summenden Bienen.

Eine Welt ohne Insekten wäre . . .

Tautz: Nicht vorstellbar und würde so auch nicht mehr funktionieren. Es gibt nur wenige Aspekt des terrestrischen Lebens, in denen die Insekten keine entscheidende Rolle spielen.

Alles hängt mit allem zusammen. Wie relevant ist Artenvielfalt?

Tautz: Artenvielfalt ist ein Resultat der Evolution, in der Organismen an ökologische Nischen angepasst werden und so in ihrer Gesamtheit ein eng verwobenes Netz bilden. Eine hohe Artenvielfalt stabilisiert ein Ökosystem durch die gegenseitige Abhängigkeit der Organismen.

Welche Auswirkungen hat es langfristig, wenn die Vielfalt in der Natur abnimmt?

Tautz: In langen Zeiträumen gedacht: Wenn Arten ausgelöscht werden, hinterlassen sie eine Lücke im Ökosystem, die durch andere neu entstehende Arten gefüllt wird. So haben wir Säugetiere die große Chance bekommen, nachdem die Saurier ausgelöscht wurden. In kürzeren Zeiträumen betrachtet, reißen verschwindende Arten alle diejenigen mit sich, die von der verlöschenden Art abhängen. Wenn Arten verschwinden, baut sich die Natur um, mit komplett unvorhersehbarem Ausgang. Das dauert sehr sehr lange . . .

Eine Aufnahme aus dem neuen Buch von Jürgen Tautz und dem Naturfotografen Éric Tourneret: 'Das Genie der Honigbienen', erschienen 2018 im Ulmer Verlag.
Eine Aufnahme aus dem neuen Buch von Jürgen Tautz und dem Naturfotografen Éric Tourneret: "Das Genie der Honigbienen", erschienen 2018 im Ulmer Verlag. Foto: Éric Tourneret

Würden uns die gehegten, von Imkern gepflegten Honigbienen nicht – zum Beispiel zur Bestäubung - reichen? Braucht es wilde Bienen?

Tautz: Be-imkerte Honigbienen sind "Haustiere" einer ganz besonderen Kategorie. Der Imker bietet den Honigbienen eine Behausung an, die frei beweglich ist, im Gegensatz zu den natürlichen Behausungen von Bienenvölkern in hohlen Bäumen. Bewegliche Behausungen erlauben es, Bienenvölker dort einzusetzen, wo sie benötigt werden - und auch, sie aus Gefahrenzonen zu bringen. Wilde Bienen, die solitären, also nicht-staatenbildenen Bienen, sind insbesondere in Naturräumen höchst wichtige Bestäuber. Aber auch für Obstbäume sind sie sehr wichtige Überträger von Pollen, da sie bei niedrigeren Temperaturen als die Honigbienen herumfliegen können. Wir brauchen - bitte Großschreiben - ALLES, was Biene heißt.

Wie viel Leben ist eigentlich in einem Maisfeld?

Tautz: Sehr mäßig, enorm artenarm. Honigbienen finden sich hier zum Pollensammeln ein. Wenn man großes Glück hat, sieht man auch einen Laufkäfer am Boden. Oder verirrte Marienkäfer und Fliegen, die auf einem Blatt sitzen. Sehr viel Insekten-Leben wird sich einstellen, wenn sich Schädlinge wie der Maiswurzelbohrer, ein Käfer, oder der Maiszünsler, ein Schmetterling, explosionsartig vermehren.

Die Initiatoren des Volksbegehrens handeln mit Zahlen, die aus dem Zusammenhang gerissen wurden: 54 Prozent aller Bienen seien bedroht oder ausgestorben, 73 Prozent aller Tagfalter seien verschwunden, 75 Prozent aller Fluginsekten nicht mehr da. Doch was ist die Referenzgröße? Wie wurde gemessen? Was können Sie sagen: Wie groß ist der Schwund?

Tautz: Derartige Zahlenangaben benötigen einen Rahmen, um nachvollziehen zu können, was ausgesagt werden soll. Eine höchst wichtige Zusatzangabe ist die Festlegung auf "Biomasse" oder "Artenzahl". "75 Prozent aller Fluginsekten weg" - das kann bedeuten, dass die Artenzahl unverändert geblieben ist, aber vom Gesamtgewicht aller erfassten Tiere der Abwärtstrend beobachtet worden ist. Es kann aber auch bedeuten, dass die Artenzahl derart drastisch abgenommen hat. Letztes wäre besorgniserregender, da starke Populations-, also Biomasse-Schwankungen innerhalb einer Art nichts Ungewöhnliches sind. Das eigene Erleben der Natur in Garten, Feld, Wald und Flur lässt erschrecken. Es fällt auf, wie wenigen Insekten man im Vergleich zu früher begegnet. Auch der oft gescholtene "Windschutzscheiben-Test" macht besorgt. Es liegt sicher nicht an der stark verbesserten Stromlinienform moderner Autos, dass sich kaum noch Insektenleichen auf den Frontscheiben finden lassen. Ablesbar ist der rapide Anstieg toter Insekten am Auto nämlich, wenn man Mitteleuropa in Richtung Osten verlässt.

Wie viele ausgestorbene Arten könnten unsere Ökosysteme denn verkraften?

Tautz: Da kann man nur raten. Es gibt Arten, die sehr wichtig sind, wie die Bestäuberinsekten und solche, deren Verlust nicht in sehr augenfälligen Konsequenzen endet. Artensterben hat aber nicht nur Auswirkungen auf die Ökosysteme, es verschwinden unwiederbringlich Schätze, oft bevor wir überhaupt wissen, was wir da zerstört haben. Insekten sind hochkomplexe chemische "Fabriken". Oft erzeugen diese Überlebenskünstler chemische Verbindungen, die auch für uns Menschen im Einsatz bei Therapien helfen können. Die Medizin interessiert sich sehr für diese natürlichen Laboratorien. Die Insektenbiotechnologie ist ein höchst innovatives und viel versprechendes Forschungsgebiet.

Was ist wichtiger: Artenvielfalt oder Biomasse, also die Zahl der einzelnen Insekten insgesamt?

Tautz: Primär ist die Artenvielfalt am wichtigsten, da nicht mehr reparabel, wenn einmal zerstört. Biomasse lässt sich in Zeiträumen, die für uns Menschen maßgeblich sind, hochfahren, Artenvielfalt nicht.

Vermissen Sie eine Art, die es noch gab, als Sie mit den Forschungen begonnen haben?

Tautz: Da gibt es viele, die ich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen habe. Ich fürchte, dass es genau deshalb nur wenigen Lesern konkret vor Augen geführt werden kann, wenn man deren Namen nennt, wie den Schmetterlingshaft oder den Lederlaufkäfer.

Welche Arten machen Ihnen am meisten Sorgen?

Tautz: Am wenigsten die Honigbienen, solange es die starke und hoch engagierte Bienen-Lobby der Imkerschaft gibt. Im Blickpunkt der besorgten Öffentlichkeit stehen auch die solitären Wildbienen, denen zunehmend Nistmöglichkeiten, zum Beispiel Bienenhotels, und Blütenpracht angeboten werden. Viele andere leiden still, profitieren aber vom Bemühen um die Bienen. Was den Bienen gut tut, hilft sehr vielen weitere Arten, bis hin zu Vögeln und Kleinsäugern.

Haben Sie eine persönliche Lieblingswildbiene?

Tautz: Ja, die Mauerbiene. Man ist immer wieder erstaunt, wenn man ein Halm oder Ästchen scheinbar wie durch Geisterhand durch die Luft fliegen sieht und erst spät entdeckt, dass es die Luftfracht einer Mauerbiene ist, die beim Nestbau ist.

Käferforscher sagen, dass die Artenvielfalt bei Käfern in Deutschland sogar langsam ansteigt . . .

Tautz: Ich muss gestehen, diese Aussage ist mir neu. Es sei denn, es ist davon die Rede: Der Klimawandel schafft die Voraussetzung für Neuankömmlinge auch unter den Käfern, deren Ankunft häufig nicht ohne negative Folgen bleibt. Der Asiatische Laubholzbockkäfer schädigt Pappel, Birke und Rosskastanie.

Lässt sich Artenschwund rückgängig machen?

Tautz: Ist eine Art nicht vollkommen ausgerottet, erlauben geeignete Maßnahmen eine Neubesiedlung ehemals verlassener Habitate. Aber nur im Prinzip. Wie es im konkreten Fall aussieht, hängt von vielen Faktoren ab und ist auch nur dann erfolgreich, wenn sich erneut stabile Populationen aufbauen können. Dass mal wieder irgendwo ein Vertreter einer bestimmten Art gesehen wird, ist kein Grund für eine Entwarnung.

Früher wurden Arten durch Jagd ausgerottet. Und heute? Sind wirklich die intensive Landwirtschaft und Bewirtschaftungsmethoden schuld? Oder sind es nicht eher generell der Verlust an Lebensraum, also Habitatzerstörung, sowie der Klimawandel?

Tautz: Alle diese Faktoren spielen zusammen. Die Lage ist hochkomplex und es wird der Anstrengung von Generationen bedürfen, angerichtete Schäden zu korrigieren. Ab einem bestimmten "Punkt ohne Wiederkehr" wird aber nichts mehr helfen.  

"Das größtes Artensterben seit den Dinosauriern" wird gerade von vielen gesagt und geschrieben. Lässt sich sowas überhaupt guten Gewissens behaupten?

Tautz: Gemeint ist die Tatsache, dass nach unserem paläontologischen Wissen - also dem Wissen um die bisher ausgestorbenen Lebewesen - kein bisheriges Artensterben so schnell abgelaufen ist, wie das derzeit stattfindende Mensch-gemachte.

Das schlimmste für Tiere ist . . .

Tautz: Sehen Sie mir bitte nach, wenn ich die Antwort etwas humorvoll verpacke: "Erde trifft Mars. Mars sagt: Erde, Du siehst wirklich schlecht aus. Erde: Ja, ich weiß, ich habe den Menschen. Darauf Mars: Ach so, das macht nichts, das geht vorüber." Es wäre schön für alle, die nach uns kommen, wenn das ein netter Witz bliebe.

Was ist für den Artenschutz am dringlichsten?

Tautz: Ein Zusammenrücken aller Beteiligten und eine Politik, die in ihren Entscheidungen auf Sachverstand basierte Weitsicht zeigt und auch den Mut zu unpopulären Regelungen aufbringt.

Jürgen Tautz vor einem Bienenhotel am Würzburger Hubland: Schon kleine Maßnahmen wie solche Nisthilfen nützen, sagt Tautz.
Jürgen Tautz vor einem Bienenhotel am Würzburger Hubland: Schon kleine Maßnahmen wie solche Nisthilfen nützen, sagt Tautz. Foto: Patty Varasano

Insektenhotels und Vogelhäuschen – wirklich sinnvoll oder nur Alibi-Handlungen gegen das schlechte Gewissen des Menschen?

Tautz: Sehr sinnvoll.

Ihr Wunsch und Tipp: Was sollte und kann jeder Einzelne tun?

Tautz: In sich gehen, der Verbraucher hat Macht: Muss ich so viel Fleisch auf dem Tisch haben? Bin ich bereit, auch selbst im wahrsten Sinne des Wortes den Preis zu zahlen, den die Rettung der Natur kostet? Wenn es andere richten sollen, ich aber weiter einen ökologisch schädlichen Fußabdruck hinterlassen - so kann das nicht funktionieren.

Jürgen Tautz und "we4bee"
Der Verhaltensforscher und Soziologe Jürgen Tautz zählt zu den größten Bienenexperten weltweit. Der 69-jährige emeritierte Zoologieprofessor vom Biozentrum der Uni Würzburg gründete die Bienenforschung Würzburg e.V. und entwickelte seit 2006 das interdisziplinäre Projekt "HOneyBee Online Studies" (HOBOS),  eine internetbasierte Lehr- und Lernplattform, die  Zugang zu Messdaten aus einem Bienenvolk bietet. An mehreren Standorten in Deutschland hat Tautz Forschungs-Bienenstöcke eingerichtet, die riesige Datenmengen aus den tierischen Staaten erfassen und an die Würzburger Uni übertragen.
Gerade hat Tautz ein neues Projekt für junge Nachwuchsforscher gestartet: "we4bee". Bis zu 100 Schulen, Bildungseinrichtungen und Jungimker können sich bis 15. Februar um die Teilnahme bewerben. Wer Erfolg hat, bekommt einen Hightech-Bienenstock zur Verfügung gestellt: Mit Infrarot-Kamera und Sensoren, die Gewicht, Temperatur, Feinstaubbelastung und andere Parameter im und ums Volk messen, können die Schülerforscher Daten sammeln. Eine Jury wählt 100 Teilnehmer aus, mit denen das Projekt startet. Wer zum Zug kommt, erhält bis 8. März per E-Mail Bescheid. Ab Mitte April werden die Hightech-Bienenstöcke versandt. 
Das Bewerbungsformular und alle nötigen Infos finden sich auf www.we4bee.org

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