WÜRZBURG

Arzneipflanze des Jahres 2017: Hafer hilft

Haferschleimsüppchen gegen Magenweh, klar. Aber das Getreide ist noch zu weit mehr gut. Der Würzburger Medizinhistoriker Dr. Johannes Mayer erklärt wie und warum.
Zur Arzneipflanze 2017 gekürt: der Saathafer. Foto: Tobias Niedenthal–

Die Schreiber der „Leipziger Drogenkunde“ fanden im 15. Jahrhundert deutliche Worte: „Die Kraft des Hafers besteht darin, dass er in sanfter Weise die harten Eitergeschwüre laxiert und auflöst und die Fiesteln, die bei den Augen sind und auch den Schorf. Wenn du dem Patienten ein Pflaster mit dem Mehl von Hafer machst, heilt es den Schorf und löst die harten Geschwüre auf.“ Wie vorzugehen sei, schrieben die Kundigen in dem großen Kräuterbuch auch: „Man drückt dazu den Saft des Hafers aus und vermengt ihn mit Mehl und lässt das trocknen.“

Wenn es juckt und schmerzt: Gut für die Haut

Für die Haut also sollte der Hafer gut sein. Den antiken Ärzten war Avena sativa zwar schon bekannt gewesen. Doch erst die mittelalterliche Klostermedizin schenkte dem Hafer größere Beachtung. Verschiedene Kräuterbücher und Rezeptsammlungen empfahlen, den Hafer für erweichende Umschläge bei Geschwüren zu nutzen. Und Hildegard von Bingen schrieb dem Süßgras eine wärmende Wirkung zu. Überhaupt schien die Äbtissin den Hafer zu schätzen: Sie empfahl ihn als nervenstärkendes Mittel und lobte, bei Schwächezuständen, den Nutzen der Haferflocken.

Zum ersten Mal ein Getreide in der Jahresgalerie der Arzneipflanzen

„Ist von Arzneipflanzen die Rede, dann wird sicher nicht gleich an die Getreidearten gedacht“, sagt Dr. Johannes Gottfried Mayer. Doch Getreide, so der Würzburger Medizinhistoriker, hätte seit Jahrtausenden in der Heilkunde einen Platz. Und so wurde es Zeit, dass nach Arnika und Thymian, nach Hopfen und Passionsblume ein Korn gekürt wurde zur Arzneipflanze des Jahres: 2017, so entschied der "Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“, soll es der Saathafer sein. Der Buchweizen, anerkanntes Mittel gegen allerlei Gefäßerkrankungen, war zwar 1999 bereits dran. Der aber ist bekanntlich ein „Pseudogetreide“ und gilt als Ersatz.

Seit 17 Jahren ruft der „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“, der am Würzburger Institut für Geschichte der Medizin beheimatet ist, die Arzneipflanze des Jahres aus. Die Wahl soll die Bedeutung der Pflanzen in der Medizin hervorheben. Und gerne küren die Juroren solche Kräuter und Früchte, die in Vergessenheit oder gar Verruf geraten sind. Und an deren pharmazeutischen Nutzen man vielleicht nicht sofort denkt.

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Arzneipflanzen des Jahres

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Haut, Magen, Diabetes: Im Hafer stecken viele Heilmittel

Für das nächste Jahr also: Hafer! Im Saathafer, sagt Medizinhistoriker Mayer, steckten gleich mehrere, ganz unterschiedliche Heilmittel mit einem großen Spektrum an Einsatzmöglichkeiten: „Sie reichen von der Behandlung der Haut über Magen-Darm-Erkrankungen bis hin zur Vorbeugung etwa von Arteriosklerose und Diabetes mellitus Typ 2.“ Grund genug für den Studienkreis, den Weißen oder auch Echten Hafer zu wählen. Und Mayer nennt einen weiteren: „Die Gebiete der Dermatologie und der Ernährung sind bislang noch nicht durch die Arzneipflanzen des Jahres abgedeckt worden.“

Der Hafer gehört, wie Weizen, Roggen oder Gerste, zu den Süßgräsern (Poaceen). Im Ge-gensatz zu seinen Verwandten bildet er seine Körner jedoch nicht in Ähren, sondern in vielfach verzweigten Rispen aus. Deshalb liefert eine Haferpflanze weniger Ertrag, deshalb ist sie schwerer zu ernten. Dass die Körner von Spelzen umschlossen sind, kommt erschwerend hinzu: Die kleinen harten Blätter müssen durch einen besonderen Mahlgang erst einmal entfernt werden. Was für den Hafer als Getreide spricht: Er gedeiht auch auf kargen Böden und in Regionen mit hohen Niederschlägen.

Und, sagt Johannes Gottfried Mayer: „Beim Nährwert und nicht zuletzt beim Geschmack ist er den übrigen Getreidearten überlegen.“

Drei Mal Hafer: Stroh, Kraut und Korn

Drei Heilmittel verschiedener Art lassen sich aus dem Hafer machen. „In der einschlägigen Fachliteratur findet man meist nur das Stroh“, sagt der Medizinhistoriker. Es wird seit langem für Bäder verwendet, die bei Hautverletzungen und Juckreiz helfen sollen. In jüngerer Zeit gewinne neben dem Stroh (Stramentum Avenae) das Kraut (Herba Avenae) an Bedeutung. Und auch das Korn (Fructus Avenae) wird mehr und mehr geschätzt. Wird das Kraut genutzt, dann wird der Hafer geerntet, bevor er blüht. „Es ist reich an Flavonoiden und Saponinen und besitzt einen hohen Anteil an Mineralien wie Kalium, Calcium und Magnesium“, sagt Mayer. Die Flavonoiden sind bestimmte Pflanzenstoffe, denen entzündungshemmende Eigenschaften zugesprochen werden. Und die Saponine, populärsprachlich Seifenstoffe genannt, sollen positive Wirkung aufs Immunsystem haben. Bei trockener Haut, Rötungen oder Ekzemen greift die Klostermedizin deshalb auf Extrakte des Haferkrautes zurück.

An „atopischer“ Dermatitis, veraltet auch Neurodermitis genannt, leiden nach Angaben des Studienkreises in den Industrieländern bis zu 20 Prozent der Kinder und drei Prozent der Erwachsenen.

Badezusätze, Köprerlotion und Cremes

In den 90er Jahren habe man in Frankreich durch Auslese eine geeignete weiße Hafersorte gewonnen, die einen besonders hohen Anteil an Flavonoiden und Saponinen aufweist, berichten die Arzneipflanzenforscher. Der Hafer werde sehr jung geerntet und speziell aufgereinigt. „So ist er nach heutigem Stand der Technik frei von Proteinen, auch von Gluten“, sagt Mayer. Entsprechende Hautpflegemittel – Cremes, Körpermilch, Badezusätze – seien so „für Allergiker besonders gut verträglich“. Haferkrautextrakte könnten neben der Behandlung von Neurodermitis auch für Wunden und empfindliche Babyhaut oder Altershaut, bei der Hautkrankheit Rosacea und bei Psoriasis verwendet werden.

Was die Heilige Hildegard riet

Und was Hildegard von Bingen schon ahnte: Haferkrautextrakte werden auch zur Beruhigung, gegen Stress und zur Verbesserung der Konzentration und Lernfähigkeit angeboten. „Diese Effekte sollten jedoch noch durch weitere Studien untermauert werden“, schreibt der „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ in seiner Mitteilung zur Arzneipflanze des Jahres. In der Erfahrungsheilkunde war Haferstroh auch als Gichtmittel eingesetzt worden. Bei Hildegard von Bingen hatte es im 12. Jahrhundert so geheißen: „Wer an Gicht leidet und davon einen gespaltenen Geist und nichtige Gedanken hat, so dass er so einigermaßen verrückt wird, der umgebe mit dem im Wasser gekochten Hafer im Dampfbad seinen ganzen Körper und übergieße mit dem gleichen Wasser, in dem der Hafer gekocht wurde, erhitzte Steine. Er tue das oft und er wird wieder zu sich kommen und die Gesundheit wieder erlangen.“

Gutes in den Haferflocken

Bleibt neben Stroh und Kraut die Frucht: Neben viel Vitamin B1 und Vitamin B6 liefert das Haferkorn auch sehr viele Ballaststoffe. Von besonderem Interesse seien dabei die Beta-Glucane, die etwa die Hälfte des gesamten Ballaststoffgehaltes ausmachen, sagt Mayer. 100 Gramm Haferflocken enthalten etwa 4,5 Gramm Beta-Glucane, in der Haferkleie sind es über acht Gramm pro 100 Gramm. Vor allem wirken sie auf den Verdauungstrakt und den Stoffwechsel, sagt Mayer und nennt positive Effekte auf den Cholesterin- und den Blutzuckerspiegel.

Die Fähigkeit dieser Hafer-Inhaltsstoffe, Gallensäuren zu binden, führe vermutlich zur Ausscheidung von Cholesterin. Blutgefäße können damit vor schädlichen Ablagerungen geschützt werden. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) habe vor fünf Jahren bestätigt, so der Studienkreis, dass der Verzehr von Beta-Glucan aus Hafer zur Senkung des Cholesterolspiegels beitragen kann. Medizinhistoriker Mayer erinnert an die „Hafertage“, die vor 100 Jahren bereits für Diabetes-Patienten eingeführt wurden.

Und was ist mit dem Gluten?

Bleibt die Frage, ob Menschen mit Zöliakie, die Gluten meiden müssen, zu Haferprodukten greifen können? Endgültig geklärt ist das nicht. Aber, so die Klostermedizin-Forscher, der Hafer komme – was die krankheitsauslösenden Bestandteilen betrifft – offenbar Hirse, Mais und Reis relativ nahe. Die gelten als glutenfrei. „In mehreren Studien mit Zöliakiepatienten hat sich gezeigt, dass kleinere Mengen von Hafer in der Regel gut vertragen werden.“ Allerdings muss es sich um „nicht-kontaminierten“ Hafer handeln, der eigens für diesen Zweck angebaut wird und nicht mit glutenhaltigem Getreide verunreinigt sein darf.

Mehr Einsatzmöglichkeiten des Hafers in der Ernährung und in der Medizin gelte es in weiteren Forschungen herauszufinden. Denn, so schreiben die Arzneipflanzen-Forscher: Noch ist das ganze Potenzial des Süßgrases nicht ausgelotet.

Wie man Haferstroh verwendet

Das Handbuch der Klosterheilkunde empfiehlt die Anwendung dieser Badezusätze:

Bei Milchschorf und Kopfgneis oder auch bei Nervenschmerzen 50 g Haferstroh mit zwei Liter Wasser übergießen, 30 Minuten kochen, abseihen und in eine Wanne mit 37 Grad Celsius warmem Wasser geben. Jeden zweiten Tag 15 bis 20 Minuten baden.

Bei Neurodermitis 100 g Haferstroh in zwei Liter kaltes Wasser geben, 15 Minuten kochen lassen, abseihen und ins lauwarme Badewasser geben. Täglich einmal etwa 10 bis 15 Minuten damit baden.

Im Hafer-Feld: Wissenschaftlerin Dr. Heike Will und Dr. Johannes Gottfried Mayer von der Forschungsgruppe Klostermedizin mit der Arzneipflanze des Jahres 2017. Foto: Tobias Niedenthal

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