Würzburg

Arzneipflanze des Jahres 2020: Was Lavendel alles kann

Er duftet, klar. Er sieht schön aus, auch klar. Aber schon gewusst, welch vielseitige Heilpflanze der Echte Lavendel ist? Medizinhistoriker zeigen, wie man ihn verwendet.
Wird seit Jahrhunderten als pflanzliches Arzneimittel zur Beruhigung und Entspannung genutzt: der Echte Lavendel. Foto: Puchtler/Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde

Die antiken Autoren hatten ihn kaum beachtetet, warum auch immer. So sehr der Echte Lavendel eine Pflanze des Mittelmeerraums ist, in der Medizin der griechisch-römischen Antike spielte er kaum eine Rolle. Dass seine Heilkräfte entdeckt wurden – es scheint ein Verdienst der mittelalterlichen Klostermedizin zu sein. Und einmal mehr beginnt alles mit Hildegard von Bingen.

Im zwölften Jahrhundert erwähnt die Benediktinerin und Universalgelehrte in ihrer „Physica“ den Echten Lavendel unter dem Namen „Lavandula“. Sie rühmt sein starkes Aroma, empfiehlt ihn gegen Läuse. Nur von einer innerlichen Anwendung rät die Äbtissin und Dichterin dringend ab. Auch Odo Magdunensis beschreibt im „Macer floridus“, das zum Standardwerk der Kräuterheilkunde im Mittelalter wurde, die verschiedenen Arten des Lavendels.

„Beißenden und stechenden Schmerz in den Eingeweiden behebt sie“, heißt es da zu den Wirkungen der Pflanze. „Und trinkt man sie, so pflegt sie die Windblähung, die sich im Magen eingeschlossen hat, hinauszutreiben.“ Und dann, heißt es im Lehrgedicht über die Heilpflanze noch: „Auch einen starken Fluss aus der Gebärmutter dämmt sie, mit einem Wollzäpfchen von unten eingeführt. Mit kaltem Wasser gereicht, soll sie das Herzzittern beruhigen, ferner hemmt sie den Brechreiz.“

Die mittelalterlichen Ärzte und Heilkundigen wussten also von der beruhigenden und schmerzstillenden Wirkung von Lavandula angustifolia. Dass der bekannte und beliebte Lippenblütler, der so schön blüht und duftet, aber ernsthaft erforscht wird? Das ist eine ganz junge Geschichte: Erst seit knapp 20 Jahren, sagt der Würzburger Tobias Niedenthal, wird der Echte Lavendel wissenschaftlich intensiver untersucht – beispielsweise um die Anwendungsgebiete von hochdosiertem Lavendelöl in Kapseln auszumachen. „Da hat sich viel getan in der Forschung.“

Mit dem Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde hat Niedenthal nicht zuletzt aus diesem Grund die beliebte Gartenpflanze kulturgeschichtlich, botanisch, pharmazeutisch und medizinisch auf den Prüfstand gestellt – und zur Arzneipflanze 2020 gekürt.

Graufilzig behaarter, aromatischer Halbstrauch: Die aufrechten Zweige und die Blüten des Echten Lavendels (Lavandula angustifolia) enthalten viele Öldrüsen. Foto: Tobias Niedenthal

Der Vorschlag, den Echten Lavendel zu wählen, stammt noch von Dr. Johannes Mayer. Im Frühjahr war der Würzburger Medizin- und Pharmaziehistoriker, der den Studienkreis über zwei Jahrzehnte lang prägte, völlig unerwartet gestorben. Mayer hatte den Echten Lavendel im Blick, weil seine Verwendung in der Heilkunde weit verworrener ist, als oft in populärwissenschaftlichen Büchern und Online-Foren beschrieben. Und weil er häufig mit dem wilder aussehenden Schopflavendel (Lavendula stoechas) oder dem großen, breitblättrigen Speiklavendel (Lavendula latifolia) verwechselt wird. „Die Zusammensetzung der Öle ist extrem unterschiedlich“, sagt Medizinhistoriker Tobias Niedenthal.

Die beiden eigenständigen Arten hatten bei den Heilkundigen der Antike und des Mittelalters im Vordergrund gestanden: Man gab sie bei Magenleiden oder Atemwegserkrankungen gerne. Der Name der Pflanzen übrigens geht auf das lateinische Verb „lavare“ für 'waschen' zurück: Man hatte sie – auch aufgrund der antibakteriellen Wirkung – als „Seifenkraut“ in Bädern und zum Wäschewaschen genutzt. Leonhart Fuchs stellte in seinen berühmten Kräuterbüchern Mitte des 16. Jahrhunderts alle drei Lavendelarten nebeneinander vor.

Das berühmte Kräuterbuch von Leonhart Fuchs von 1542/43: Speiklavendel (links) und Echter Lavendel. Die Bezeichnung Pseudonardus deutet darauf hin, dass Lavendelarten damals auch als günstiger Ersatz für die teuren Baldriangewächse dienten. 
Foto: Wellcome Library, London

Den Speiklavendel und den Echten Lavendel empfahl der Mediziner und Botaniker als harntreibendes Mittel. Sie sollten die Menstruation und die Nachgeburt fördern, gut für den Magen sowie gegen Gelbsucht sein. Außerdem, so Fuchs, taugten sie äußerlich gegen Kopfschmerz und Schwindel sowie gegen das Zittern der Glieder. Beim Echten Lavendel erwähnt Fuchs die Verwendung als wohlriechender Wasser- und Badezusatz. Und den Schopf-Lavendel empfiehlt er speziell auch gegen Husten.

Ab dem 16. Jahrhundert, sagt Tobias Niedenthal, entwickelte sich der Lavendel dann auch von England ausgehend – quasi in einer Modewelle – zu einer beliebten Gartenpflanze. Die heutige medizinische Verwendung des Echten Lavendels habe sich erst im späten 19. Jahrhundert verfestigt: „Seit dieser Zeit wird er vor allem als Mittel bei nervösen Zuständen und gegen Schlaflosigkeit beschrieben.“ Was sich bei den jüngsten Forschungen zum Beispiel gezeigt habe: „Eine schöne Verbesserung von Schlafstörungen im Zusammenhang mit psychischer Belastung nach sechswöchiger Behandlung“, sagt Professor Bernhard Uehleke, Spezialist für Naturheilkunde und Phytotherapie. Bei Unruhe und Angstzuständen habe man „in vielen Placebo-kontrollierten klinischen Studien eine signifikante Wirksamkeit gezeigt“, so der Berliner Mediziner, der für den Studienkreis den Lavendel mit untersuchte.

„Lavendelöl ist außerdem das am meisten verwendete ätherische Öl in der Aromatherapie und gilt neben dem Rosenöl als Therapeutikum mit den vielfältigsten Anwendungsmöglichkeiten“, sagt die Erlanger Biologin und Aromatherapeutin Dr. Elke Puchtler. Dass der Echte Lavendel – dem Volksglauben des ausgehenden Mittelalters nach wegen des schweren Dufts als dämonenabwehrend galt? Das spielt heute keine Rolle.

Entspannungstee. Foto: Getty Images

Zum Beruhigen und gegen Blähungen: Lavendel als Tee

In der Heilkunde werden nur die Lavendelblüten verwendet, die vor allem ätherisches Öl enthalten, darunter auch Campher, sowie milde Gerbstoffe. Innerlich angewendet wirkt Lavendel beruhigend und entblähend in Magen und Darm. Bei nervösen Unruhezuständen und Schlafstörungen sind Tees am gebräuchlichsten.
Zubereitung: 2 Teelöffel Lavendelblüten mit einer Tasse heißem Wasser übergießen, fünf Minuten ziehen lassen und abseihen. Vor dem Schlafengehen zwei Tassen trinken. Die Kombination mit Baldrian verstärkt die Wirkung.

Lavendel als Öl. Foto: Getty Images

Gegen Angst und zum Einschlafen: Lavendel als Öl

Die wichtigsten Anwendungsgebiete des ätherischen Lavendelöls liegen heute im psychischen Bereich. Die beruhigenden, entspannenden Wirkungen stehen hier im Vordergrund: Das Öl gilt als gutes Mittel bei Stress, Ängsten, Schlaflosigkeit, Neurasthenie, posttraumatischen Störungen oder auch Panikattacken. Besonders geeignet ist hier die Einnahme des ätherischen Lavendelöls in Form von Kapseln, aber auch die äußerliche Anwendung von therapeutisch dosierten Körperölen.
Wer den Tee nicht mag, kann als Alternative auch einen bis vier Tropfen Lavendelöl auf ein Stück Zucker geben und einnehmen. Bei Einschlafstörungen reicht manchmal schon, einen Tropfen Lavendelöl auf das Kopfkissen zu träufeln.

Lavendel im Säckchen Foto: Getty Images

Gegen Ungeziefer und für Babys: Lavendel als Säckchen

Hildegard von Bingen empfahl die Pflanze gegen Ungeziefer: „Der Echte Lavendel ist warm und trocken, weil er wenig Saft hat. Und er nützt dem Menschen nichts zum Essen, hat aber doch einen starken Duft. Und wenn ein Mensch, der viele Läuse hat, oft am Lavendel riecht, sterben die Läuse an ihm. Und sein Duft macht die Augen klar.“
Doch die getrockneten Blüten samt ihren Stielen helfen nicht nur gegen Läuse und die Motten im Kleiderschrank. Sie haben sich auch bei Einschlafproblemen von Babys und Kleinkindern bewährt: einfach ein Lavendelsträußchen oder Stoffsäckchen mit Lavendelblüten in der Nähe des Bettchens aufhängen. Die Wirkung hält etwa einen Monat lang, danach kann man die Füllung austauschen.

Lavendel fürs Bad. Foto: Getty Images

Zum Entspannen und zum Ausgleichen: Lavendel als Bad

In der Badewanne kann man sich den beruhigenden Effekt der Heilpflanze zunutze machen. Das Bad wirkt auch belebend bei Kreislaufstörungen und heilungsfördernd bei Hautproblemen. Damit die Öle durch die Haut in den Körper gelangen, sollte man mindestens 20 Minuten baden.
Zubereitung: 100 g Lavendelblüten mit 2 Liter heißem Wasser übergießen, 5 Minuten ziehen lassen und abseihen. Den Sud ins 37 bis 38 Grad warme Badewasser geben.
Alternativer Badezusatz: Pro Vollbad 2 Eigelb, 1 Becher Sahne oder Milch, 2 Esslöffel Honig, 3-4 Esslöffel Salz und 1 Teelöffel Lavendelöl vermischen und ins warme Badewasser geben.

Lavendel zum Riechen. Foto: Getty Images

Gegen Kopfschmerzen: Lavendel als Aromatherapie

Auch riechen kann helfen, denn die Duftstoffe kommen über Haut, Schleimhäute und Nase ins Gehirn. Dass Lavendel auch beruhigend bei Kopfschmerzen sein kann, ist etwas in Vergessenheit geraten. Zumindest, wenn die Kopfschmerzen auf eine Überreizung oder eine depressive Verstimmung zurückgehen, kann Lavendel die Schmerzen lindern. Sein ätherisches Öl wirkt ausgleichend und sedierend: Ist man nervös, beruhigt es. Ist man schlapp, baut es auf.
Drei Tropfen Lavendelöl in ein Duftlämpchen oder in eine Wasserschale geben und auf den Heizkörper stellen. Der Wasserdampf, der durch das Erhitzen aufsteigt, verteilt die Duftmoleküle im Raum.

Tipps aus "Handbuch der Klosterheilkunde“ von Bernhard Uehleke, Johannes Gottfried Mayer und Kilian Saum.

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