Würzburg

Asylbewerber als Erntehelfer: Warum dies keine einfache Lösung ist

Asylbewerber ersetzen Saisonarbeitskräfte bei der Feldarbeit. Das sieht aus wie eine einfache Lösung. Ist es aber nicht. Woran es hakt.
Die Corona-Krise hat den Einreisestopp für osteuropäische Saisonarbeiter bedingt. Können Asylbewerber die Osteuropäer ersetzen, etwa bei der Kartoffelernte? 
Die Corona-Krise hat den Einreisestopp für osteuropäische Saisonarbeiter bedingt. Können Asylbewerber die Osteuropäer ersetzen, etwa bei der Kartoffelernte?  Foto: Philipp Schulze, dpa

Bayerns Innenminister Joachim Hermann (CSU) hat am Freitag mitgeteilt, dass Asylbewerber die fehlenden Saisonarbeitskräfte aus Osteuropa ersetzen und auf bayerischen Feldern als Erntehelfer arbeiten können. Der Minister hat Bayerns Ausländerbehörden angewiesen, Arbeitswilligen großzügig Arbeitserlaubnisse zu erteilen. Dies solle auch gelten, wenn es sich um Geflüchtete handele, deren Antrag noch laufe oder abgewiesen wurde; mithin eine Personengruppe, die bislang keine Arbeit aufnehmen durfte. Doch was auf den ersten Blick aussieht wie eine einfache Lösung, dürfte sich in der Praxis eher problematisch gestalten.

Die bayerischen Ausländerbehörden (im Bild die Zentrale Ausländerbehörde in Schweinfurt) sind laut Innenministerium nicht für die Vermittlung von arbeitswilligen Asylbewerbern an Landwirte zuständig. 
Die bayerischen Ausländerbehörden (im Bild die Zentrale Ausländerbehörde in Schweinfurt) sind laut Innenministerium nicht für die Vermittlung von arbeitswilligen Asylbewerbern an Landwirte zuständig.  Foto: Anand Anders

Nach Rückfrage bei der Zentralen Ausländerbehörde Unterfranken stellt sich nämlich heraus: Etliche Personengruppen unter den Asylbewerbern bleiben nach wie vor von der Arbeitserlaubnis ausgenommen. "Das normale Beschäftigungsverbot für Asylbewerber in den ersten drei Monaten ihres Aufenthalts bleibt bestehen", teilt Johannes Hardenacke als Sprecher der hier zuständigen Regierung von Unterfranken mit.

Des Weiteren gelte für alle "Mitwirkungsverweigerer" unter den Asylbewebern ein Beschäftigungsverbot. Unter "Mitwirkungsverweigerern" versteht die Behörde zum Beispiel Flüchtlinge, die über ihre Herkunft falsche Angaben machen oder sich weigern, Fragen nach ihrer Identität zu beantworten. "Auch alle Bewohner der Ankereinrichtung sind in den ersten neun Monaten ihres Aufenthalts von der Arbeitserlaubnis ausgenommen", erklärt Hardenacke. Wegen der fürs Ankerzentrum angeordneten Quarantäne dürfe derzeit aber sowieso kein Bewohner das Zentrum in Geldersheim (Kreis Schweinfurt) verlassen.

Ausländerbehörden: Anträge für Arbeitserlaubnis nur schriftlich

Wer bleibt also übrig? Die Gruppe der anerkannten Asylbewerber, die jederzeit arbeiten darf, biete "sicherlich das größte Potential", teilt Martin Scholtysik, stellvertretender Sprecher des Innenministeriums, auf Anfrage mit. Er beziffert die Zahl arbeitssuchender, anerkannter Asylbewerber in Bayern auf 35 000; für Unterfranken nimmt Regierungssprecher Hardenacke eine Zahl von rund 3500 anerkannten, jobsuchenden Geflüchteten an.

Anerkannte Asylbewerber allerdings haben sowieso das Recht, einen Job anzunehmen. Auf eine Arbeitserlaubnis durch die Ausländerbehörde sind sie nicht angewiesen. Und wer unter den Geflüchteten genau diese Arbeitserlaubnis für eine gewünschte Feldarbeit haben möchte, braucht einen langen Atem: Denn die Ausländerbehörden sind wegen Corona aktuell für den Publikumsverkehr geschlossen. Anträge können nur schriftlich gestellt werden.

Flüchtlingsrat, Grüne, Landvolkbewegung: Richtungswechsel bei Asylpolitik gefordert

Das könne dann länger dauern, bis etwaige Interessierte von den neuen Jobmöglichkeiten erführen, bis sie Anträge stellen und sie genehmigt zurückbekommen könnten, mutmaßt Jürgen Heß, Geschäftsführer des Würzburger Flüchtlingsrats. Heß sagt, er habe erlebt, wie rigide die Behörde bisher "gegen Arbeitserlaubnisse vorgegangen" sei. "Aber jetzt sind die Leute wohl gut genug dafür", sagt er. Der Flüchtlingsrat fordere eine generelle Arbeitserlaubnis für Asylbewerber.

Die "dauerhafte Arbeitserlaubnis" für Geflüchtete und einen generellen Richtungswechsel in der Asylpolitik fordern jetzt auch die katholische Landvolkbewegung im Bistum Würzburg sowie die asylpolitische Sprecherin der bayerischen Landtagsgrünen, Gülseren Demirel. Mit Blick auf die von der Staatsregierung angeordnete Abstandsregelung betont Demirel auch, dass die Sicherheit der Erntearbeiter von den Bauern gewährleistet werden müsse.  

Saisonarbeitskräfte am Spargeldamm: Osteuropäische Arbeiter, die noch im Land sind, sind bei Landwirten aus der Region sehr begehrt. Auch wenn sie aus anderen Branchen kommen. 
Saisonarbeitskräfte am Spargeldamm: Osteuropäische Arbeiter, die noch im Land sind, sind bei Landwirten aus der Region sehr begehrt. Auch wenn sie aus anderen Branchen kommen.  Foto: Andreas Arnold, dpa

Unterfränkische Landwirte: "Wir suchen auf allen Kanälen"

Wie reagieren unterdessen Unterfrankens Landwirte auf die Möglichkeit, Asylbewerber als Saisonkräfte einzustellen? "Wir sind da offen. Das ist eine Möglichkeit mehr. Wir suchen derzeit auf allen Kanälen", sagt Eugen Köhler, der unterfränkische Bezirksgeschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands. Köhler sagt allerdings auch, dass - seiner Kenntnis nach - Unterfrankens Landwirte derzeit "alles an osteuropäischen Saisonarbeitern abgreifen, was noch im Land" sei. So suchten derzeit wohl Gruppen von Osteuropäern Arbeit, die zuvor in Branchen tätig gewesen seien, wo die Arbeit eingestellt oder in Kurzarbeit umgewandelt worden sei.

Vorteilhaft an diesen Leuten sei, dass sie meist gut organisiert seien und üblicherweise einen deutschsprachigen Vorarbeiter hätten, der den Trupp am Laufen halte. Köhler sagt, er wisse von unterfränkischen Kollegen, die gerade in Verhandlungen mit einem solchen Trupp seien. Und wie entwickeln sich Köhler zufolge die Portale, auf denen Landwirte und Arbeitsinteressenten zusammenkommen sollen? "Zunehmende Tendenz", sagt Köhler. Trotzdem seien offenbar noch viele seiner Kollegen mit der Anwerbung zögerlich, weil sie erst noch ausloten müssten, was und wie viel sie angesichts der sich verändernden Handelsketten und Bedarfe heuer anbauen sollen.

Arbeiten für die Ernte: Portale für Erntehilfe
Um den Bedarf an Saisonarbeitskräften in den kommenden Wochen decken zu können, startet Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU) eine konzertierte Aktion. Alle verfügbaren Kräfte in der Land- und Ernährungswirtschaft, in Handwerk, Industrie, Handel und anderen Organisationen sollen mobilisiert werden. Mit der Initiative "Arbeiten für die Ernte" will Kaniber alle Informationen und den Austausch dazu im Land bündeln. Die Initiative wird auch getragen vom Verband der Bayerischen Wirtschaft, von der Industrie- und Handelskammer, den Handwerkskammern, dem Hotel- und Gaststättenverband, auch vom Bayerische Bauernverband und den Maschinenringen.
Über die Internet-Plattformen www.daslandhilft.de und www.saisonarbeit-in-deutschland.de sowie andere regionale Kontaktstellen sollen Arbeitssuchende, beschäftige Kurzarbeiter oder auch Studenten schnell mit Betrieben in Verbindung gebracht werden, die Arbeitskräfte suchen. Auch Asylbewerber können sich laut Regierung von Unterfranken über diese Portale melden. 
Kaniber zufolge fehlen Bayern in dieser Saison rund 40 000 Arbeitskräfte aus dem Ausland. Das Bundeskabinett hatte am 23. März Erleichterungen beschlossen. So können Empfänger von Kurzarbeitergeld bis Oktober ein zusätzliches Einkommen bis zur Höhe ihres eigentlichen Nettolohns beziehen. Zudem wurde die Hinzuverdienstgrenze für Vorruheständler kräftig angehoben. Geprüft wird derzeit, inwieweit der Einsatz als Betriebshelfer in der Landwirtschaft für Agrarstudenten als Praktikum anerkannt werden kann.

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