EIBELSTADT

Auf Entdeckungstour in ein unbekanntes Polen

Gerhard Englert muss heute noch schmunzeln, wenn er über die Erlebnisse seiner Radtour durch Polen liest, die er in einem Buch zusammengefasst hat. Foto: Gerhard Meißner

Als Ochsenfurter Stadtkämmerer ist Gerhard Englert eigentlich ein Mann der Zahlen. Dass in dem Eibelstadter aber noch ganz andere Talente schlummern, hat er jetzt mit einem Buch bewiesen. Auf launige Art erzählt Englert von einer abenteuerlichen Radtour quer durch Polen – eine Entdeckungsreise durch ein weitgehend unbekanntes Land voller positiver Überraschungen.

Erfahrungen im Fahrradsattel hat Gerhard Englert, oder Jerry, wie er von Freunden genannt wird, schon reichlich gesammelt. Mit seinem Freund Markus Amrehn ist er schon den Alpen-Cross von Garmisch bis zum Gardasee gefahren, war in Tschechien bis zur polnischen Grenze unterwegs hat Deutschland der Länge nach durchmessen – von Flensburg bis Oberstdorf.

Ein Höhepunkt war die rund 2000 Kilometer lange Tour auf dem Jakobsweg von Genf nach Santiago de Compostela. Schon 2002, vier Jahre vor dem Bestseller von Harpe Kerkeling, hat Gerhard Englert mit dem Gedanken gespielt, seine Erlebnisse in einem Buch festzuhalten. Es blieb beim Gedanken, nachdem seine Kamera kaputt gegangen war und er einen Teil seiner Aufzeichnungen verloren hatte.

Vier Jahre lang verstaubte das Manuskript

Auch diesmal hat es lange gedauert, bis sich Gerhard Englert aufgerafft hat, seine Tagebuchnotizen in Reinform zu bringen. Vier Jahre lang verstaubte das Manuskript in seinem Arbeitszimmer.

Gerhard Englert und sein Reisefreund spielen in dem Buch die Hauptrolle, wenngleich er sich selber den Namen Frieder gegeben hat und der Gefährte Günni genannt wird. Frieder und Günni – sie kommen wie ein ungleiches Paar daher. Frieder, der nüchterne Planer, der alles im Griff hat; Günni, der etwas chaotische Typ, der sich nur zu gerne auf Frieders Organisationstalent verlässt. Ganz so groß ist der Gegensatz in Wirklichkeit nicht, gibt Gerhard Englert zu. Er hat ihn dramaturgisch überzeichnet, um der Geschichte mehr Spannung zu geben. Aber Markus Amrehn sei damit einverstanden gewesen.

Aber warum Polen? Dass mit Ausnahme der Ostseeregion kaum ein Landesteil von Radwegen erschlossen ist, hat Gerhard Englert schnell herausgefunden. Und auch Herbergen sind abseits der Zentren dünn gesät. Hinzu kommt die fremde Sprache und die Ungewissheit, ob man auf Menschen trifft, die Deutsch oder wenigstens Englisch verstehen.

Der Reiz, Vorurteile zu widerlegen

„Mich haben die Vorurteile gereizt, die es über Polen gibt“, sagt Englert, „,Kommen Sie nach Polen, ihr Auto ist schon dort‘ und so“. Was die Beiden tatsächlich erlebt haben, war das völlige Gegenteil. „Die Leute sind gastfreundlich ohne Ende“, erzählt er. Das wurde ihnen schon bei der Ankunft in Krakau bewusst.

Bei hochsommerlichen 38 Grad hatten sie sich von Eibelstadt in die südpolnische Großstadt auf den Weg gemacht. Ohne Klimaanlage, denn die hatte Günni vergessen, rechtzeitig reparieren zu lassen. Kein Problem sei es gewesen, ihr Auto dort für geringes Entgelt auf einem bewachten Parkplatz unterzustellen.

In der Altstadt erwartete die beiden Reisenden an diesem Sommerabend beinahe südländisches Flair. Dass Günni dabei vor allem die hübschen Polinnen ins Auge stachen, breitet Gerhard Englert genüsslich aus. Auch, weil ihm die Vorliebe fürs andere Geschlecht später noch beinahe zum Verhängnis werden sollte. Eine verwitwete Pensionswirtin, denen die beiden auf ihrem weiteren Weg begegnet sind, hatte sich nämlich so sehr in Günni verguckt, dass sie am liebsten mit ihm nach Deutschland gezogen wäre.

Eine richtige „Durchschlagetour“

Ein Vorurteil sollten sich schließlich doch bewahrheiten. In den ländlichen Regionen sei es schwer gewesen, ein Zimmer oder gar ein Hotel für die Nacht zu finden. „Es war eine richtige Durchschlagtour“, erinnert sich Gerhard Englert. Einige Bauern bieten zwar „Agroturystyk“ an, aber der Komfort sei eher bescheiden. Geschweige denn lassen sich die Adressen im Voraus übers Internet buchen. Erschwernisse, für die die beiden Radler reichlich von wundervollen Landschaften und der Hilfsbereitschaft ihrer Bewohner entschädigt wurden.

Über rund 1000 Kilometer zog sich die Tour bis nach Danzig, nicht auf dem kürzesten Weg, sondern hauptsächlich an der Weichsel entlang, dem größten Fluss des Landes. Zehn Tage lang, gespickt mit vielen Anekdoten, die Gerhard Englert in seinem Buch schildert. Dabei kam ihm auch die Idee für den Titel seines Werks: „Pierogi“, benannt nach den gefüllten Teigtaschen, ohne die kaum ein polnische Mahlzeit auskommt.

Beeindruckt von den Kontrasten

Am Ende war es die Kontraste, die Gerhard Englert am meisten beeindruckt haben. Zwischen den ländlichen Regionen, in denen die Zeit stehen geblieben scheint, und den boomenden Zentren des Landes, die zu den wachstumsstärksten in Europa gehören. Zwischen der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Polen und den Vorurteilen, die man hierzulande über sie erzählt.

Letztlich gehe es ihm mit seinem Buch deshalb auch darum, Interesse für unser noch weitgehend unbekanntes Nachbarland zu wecken, erzählt Gerhard Englert. „Polen ist ein schönes Land, fahrt einfach mal hin“, will er damit sagen.

„Pierogi – ein R(o)adtrip“ von Jerry G. Englert ist erschienen bei Book on Demand, zum Preis von 12,80 Euro (ISBN 978-3-744-88987) sowie als E-Book.

„Mich haben die Vorurteile gereizt, die es über Polen gibt.“
Gerhard Englert, Stadtkämmerer und Buchautor

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