WÜRZBURG

Ausstellung über Varian Fry: Stiller Retter von Nazi-Gegnern

Wer war Varian Fry? Bürgermeisterin Marion Schäfer und Stadtheimatpfleger Hans Steidle bei der Ausstellungseröffnung. Foto: GEORG Wagenbrenner

Die Leonhard-Frank-Gesellschaft zeigt bis Freitag, 7. Oktober, im Rathaus die Ausstellung „Ohne zu zögern/Varian Fry: Berlin – Marseille – New York“.

Am 15. August 1940 kommt der US-Amerikaner Varian Fry in Marseille an, geschickt vom New Yorker ERC, dem Emergency Rescue Committee – „Notfallrettungskomitee“. Fry, ein Journalist, 32 Jahre alt, der fließend Französisch und gebrochen Deutsch spricht, hat 3000 Dollar dabei und eine Liste mit den Namen von 200 deutschen und österreichischen Emigranten. Sie sind auf der Flucht vor den Nazis und in höchster Not. Sein Auftrag: sie zu retten.

Einer der vielen Tausend Flüchtlinge in Marseille ist der Schriftsteller Leonhard Frank aus Würzburg. In seinem autobiografischen Roman „Links wo das Herz ist“ berichtet er über die überfüllten Gefängnisse in der Stadt. Die Polizei unternehme „jeden Tag und jede Nacht Razzien, und dann waren jedes Mal Emigranten verschwunden, die nie mehr gesehen wurden.“ Das Vichy-Regime im nicht besetzten Teil Frankreichs liefert Nazi-Gegner an Gestapo und SS aus, wenn die Nazis es verlangen.

Ein Engel mit Geld und Pässen

Fry findet ein Netzwerk von Hilfsorganisationen vor und gründet mit Gleichgesinnten das Centre Americain de Secours (CAS). Sie helfen mit Geld, Lebensmitteln, Unterkünften, Kleidung, medizinischer Betreuung und Papieren. In seinen Erinnerungen (Titel: „Auslieferung auf Verlangen“) schreibt er, binnen einer Woche habe sich herumgesprochen, „dass ein Amerikaner aus New York angekommen war, wie ein Engel vom Himmel gefallen sei, mit Taschen voller Geld und Pässe“.

Vier Wochen hat Fry Zeit, er macht 13 Monate daraus. Wie viele Menschenleben er und seine Helfer retten ist nicht gesichert. Der Berliner Verein „Aktives Museum“, der die Schau aus Bildern, Tönen und Texten zusammengestellt hat, schreibt im lesenswerten Katalog, rund 20 000 Menschen hätten das CAS um Hilfe gebeten. In 1800 Fällen habe Frys Team helfen können. Mit Partnern und Kindern seien das etwa 4000 Gerettete gewesen, unter ihnen Leonhard Frank, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel und Marc Chagall. Im Rathaus-Foyer sind Porträts der Geretteten zu sehen; zu lesen und zu hören ist, unter welchen abenteuerlichen Bedingungen ihre Rettung gelang.

Frys Verhältnis zu seinen New Yorker Auftraggebern ist bald zerrüttet. Er hält sich nicht an ihre Regeln. Wem mit legalen Mitteln nicht zu helfen ist, dem hilft er, gegen ihren Willen und unter Gefahr fürs eigene Leben, mit illegalen. Die Ausstellungsmacher berichten, er habe sich zur Illegalität legitimiert gefühlt durch seine Überzeugung, dass die Menschenrechte, das Recht auf Leben und Freiheit, über nationalstaatlichen Gesetzen stehen. Im September 1941 schiebt ihn Frankreich ab.

In den USA angekommen, zieht sich Fry zurück. Michael Henke, der Vorsitzende der Leonhard-Frank-Gesellschaft, berichtete zur Ausstellungseröffnung, das konservative Amerika habe Fry verübelt, dass er kommunistische Flüchtlinge ins Land brachte. Weder die USA noch Deutschland ehrten den „stillen Amerikaner“, wie ihn ein Biograf nennt. 1967 macht ihn Frankreich zum Ritter der Ehrenlegion. Ein halbes Jahr später stirbt Fry, einsam und vergessen. 1996 nimmt ihn der Staat Israel als ersten und bis heute einzigen US-Amerikaner als „Gerechten der Völker“ in die Holocaust Gedächtnisstätte Yad Vashem auf.

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